Abba-Musical Mamma-Mia-Mania

Keine Best-of-Abba-Show, das war die Bedingung der Bandgründer für die Zustimmung zum Musical "Mamma Mia!", das nun auch in Deutschland Premiere feierte. Mit einem klassischen Kleinbühnenstoff und einer Geschichte wie sie das Leben eben so schreibt, fand man das Gerüst für 22 Songs aus dem Repertoire der schwedischen Popgruppe.


"Mamma Mia!": Aussteigerin Donna (Carolin Fortenbacher) wird mit der Vergangenheit konfrontiert
Brinckhoff

"Mamma Mia!": Aussteigerin Donna (Carolin Fortenbacher) wird mit der Vergangenheit konfrontiert

Ein neues Musical mit der Musik von Abba? Stirnrunzelnd verfolgte man vor gut zwei Jahren die euphorischen Rezensionen in zahlreichen der Übertreibung unverdächtiger Blätter wie "Financial Times" oder "Independent", die die Weltpremiere am Prince Edward Theater in London feierten. Seither läuft "Mamma Mia!" in großen Theatern weltweit und ist ständig ausverkauft - ein Welterfolg, 25 Jahre nachdem die schwedische Popgruppe mit "Waterloo" ihren Ruhm begründete.

Der Erfolg erklärt sich schnell. Die tüchtige, emanzipierte, alleinerziehende Donna (Carolin Fortenbacher) hat es gewagt, ihren Lebenstraum umzusetzen: Mühsam aber frei betreibt sie eine Taverne auf einer griechischen Insel. Am Vorabend der Hochzeit ihrer zwanzigjährigen Tochter Sophie (Katja Berg) wird Donna von der Vergangenheit eingeholt. Alte Freundinnen tauchen auf und Sophie hat jene drei Männer eingeladen, die sie im Tagebuch ihrer Mutter als mögliche Väter ausgemacht hat. Pappa mio? Zu allem Unglück ist Mama Donna selber unsicher, welcher der drei sich seinerzeit durchgesetzt hat - Sam, Harry oder Bill. Mamma mia! Damit hat die Story alle Identitätsstöpsel, die es braucht, um generationsübergreifend weite Teile der Bevölkerung in Träume zu versetzen.

Träumen unter dem Honigmond: Sophie (Katja Berg, l.) und Jugendliebe Sky (Jörg Neubauer) wollen heiraten
Brinckhoff

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Der Weg in die Freiheit hieß in den Siebzigern Interrail: Dortmund - Athen in 48 Stunden. Pennen am Strand, den Tag im Schatten solcher Tavernen verplempern, wie Donna sie betreibt, Retzina trinken und auf keinen Fall Abba hören. So suggerieren den zumeist graumelierten Herren und gereiften Damen im Theater die Ohrwürmer der schwedischen Band Bilder längst vergangener Zeiten. Endlich erlauben sie sich zu fühlen, was ihre zwanzigjährigen Töchter in Schlaghosen, Fellwesten und orangefarbenen, hautengen T-Shirts ihnen jetzt einhämmern: Abba ist - endlich - cool.

Cool blau ist auch die Bühne ausgeleuchtet, nüchterne Akzente setzt das Bühnenbild und dezent gekleidet erzählen die Schauspieler ihre Geschichte. Donnas Geldprobleme heißen "Money, Money, Money", Sophies Freundinnen "Honey, Honey". Ihre unerfüllte Liebe signalisieren sich Donna und Sam in "SOS"-Rufen und die Fragen zu ihrem Schicksal stellt Sophie mit "The Name Of The Game" ("Was ist das für ein Spiel"). Für die Beschreibung seiner Midlife-Crisis klagt der alternde Sam "Knowing me, Knowing you" ("Ich bin ich, Du bist Du") und "The Winner" hat auf deutsch nur die Wahl ("Der Sieger hat die Wahl") und darf nicht alles nehmen - zumal es der Interpretation des Zuschauers überlassen bleibt, wie sich Gewinn und Verlust über die Protagonisten verteilen.

Girl-Group Donna & The Dynamos: "Dancing Queen" für Nostalgiker
AP

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Knallbonbons sind dazwischen Szenen wie der Auftritt der revitalisierten Girlie-Band "Donna and the Dynamos", die im silbernen Star-Trek-Look "Super Trouper" auf dem Hochzeitsabend zum Besten gibt. Oder der Flirt der alternden Tanja mit einem kleinen Inselboy, dessen ungestüme Avancen sie mit der Frage aushebelt: "Does Your Mother Know?" Und dann natürlich die fulminanten Schluss-Szenen, die nichts mehr mit der Geschichte zu tun haben, sondern wohl all denen gewidmet sind, die die Hoffnung auf ein Abba-Revival immer noch nicht aufgegeben haben: In schrill schillernden Abba-Kostümen mit gefährlich hohen Plateauschuhen feuern "Donna and the Dynamos" die "Dancing Queen" ins Publikum, um dann gemeinsam mit den drei Vätern "Waterloo" in bester Eurovisionsmanier zum Besten zu geben. Im Musical selbst kommt der für Abba schicksalhafte Song ansonsten nur als Schiffsname vor.

Am Sonntagabend hatte "Mamma Mia!" im Hamburger Operettenhaus, dem mit aufwändigen Renovierungen der "Cats"-Geruch ausgetrieben wurde, Deutschland-Premiere. Das Haus ist schon jetzt bis zum Jahreswechsel ausverkauft. Da bleibt den Betreibern nur zu sagen "Thank You For The Music" und dem Publikum "Danke für die Lieder", die es dank der pfiffigen Übertragung ins Deutsche sicher bald genauso mitsingen kann, wie damals die Originalhits.



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