Abbado-Klassik mit Klasse Magie in Dosen

Claudio Abbado wird zu Recht verehrt. Wer die Gründe auf CD nachhören will, muss allerdings genau wissen, wo er suchen soll. Denn das musikalische Erbe des Dirigenten ist unüberschaubar. Ein kritischer Glückwunsch zum 75. Geburtstag.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Wenn Claudio Abbado am Donnerstag kommender Woche 75 Jahre alt wird (er wurde am 26. Juni 1933 in Mailand geboren), so darf man ihm getrost gratulieren: Abbado ist der beste Live-Dirigent der Welt. Niemand vermag die Magie eines geglückten Augenblicks musikalisch besser zu packen als er. Niemand auch die Ödnis blasser Routine stürmischer zu verscheuchen und die Musiker buchstäblich auf der Stuhlkante zu bannen – wo sie ihr Bestes geben.

Abbado Zusammenarbeit mit Martha Argerich 1967: Straffe, schwingende, glückliche Fügung

Abbado Zusammenarbeit mit Martha Argerich 1967: Straffe, schwingende, glückliche Fügung

Bekanntlich hatte diese glückliche Gabe im Leben Abbados auch eine tragische Kehrseite. 1998 kam er durch die Ankündigung, als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht verlängern zu wollen, seiner drohenden Kündigung wohl nur zuvor. Hätte Abbado nicht demissioniert, so hätte ihn das Orchester womöglich von sich aus gehen lassen.

Dieser auch für die Berliner Philharmoniker peinliche Sachverhalt (samt Abbados lebensbedrohlicher Erkrankung danach) müsste hier nicht rekapituliert werden, hinge er nicht mit Abbados problematischem Probenstil zusammen. Die Berliner Philharmoniker langweilten sich bei ihm oft, weil ihr Chef sie während der Proben nicht anstiftete, sondern nur intensiv beobachtete – für den Ernstfall des bevorstehenden Konzerts. Er setzte alles auf die Live-Karte. Und das kann die Beteiligten als Geduldsprobe ganz schön auf die Folter spannen.

All dies spiegelt sich in der schwierigen Frage, was aus der unübersehbaren Fülle von Abbados CD-Erbe eigentlich empfehlenswert ist – und bleiben wird. Denn, auch dies sei nicht verschwiegen, ein geborener CD-Dirigent war Abbado nie.

Seine frühen Brahms-Aufnahmen etwa sind Makulatur. Seinen Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern kann man links liegen lassen. Und selbst Mahler, die unbestrittene Domäne seiner Berliner Jahre, hat sich Abbado (nach mittelprächtigen Aufnahmen in Chicago und Wien) erst mühsam erarbeiten müssen. Die Sängerin Christa Ludwig sagte mir einmal, es sei einem in früheren Jahren einfach klar gewesen, dass von Abbado kein ausgefeilter Orchesterklang zu erwarten sei. Hätte man den gesucht, so hätte man nach einem Abbado-Konzert eben eine alte Furtwängler-Platte aufgelegt.

Unter Abbados Opern-Gesamtaufnahmen gibt es fast nur drei (frühe) Einspielungen, die im Parnass des Genres ungeteilten Jubel auslösen können: Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" und "Macbeth" (beide mit dem weich knarzenden Piero Cappuccilli in der Titelrolle). Hinzu kommt Rossinis knackig-knusprige "Viaggio a Reims", und zwar in Abbados früher Lesart mit Katia Ricciarelli. Auch zugunsten seiner Gesamtaufnahmen des "Barbiere di Sevilla" (mit dem erstaunlichen Hermann Prey) und "La Cenerentola" (mit Teresa Berganza) ließe sich viel Löbliches sagen. Leider wandte sich Abbado gerade von diesem Repertoire seiner italienischen Heimat später ein wenig ab.

Abbado ließ interpretatorisch nunmehr die Leinen lockerer. Er setzte nicht mehr auf Probendrill. Sondern auf die Inspiration des Abends. Er hat hierdurch einen Durchbruch in seiner Konzertkarriere erzielt – aber nur noch selten großartige CDs hervorgebracht. Die neu erschienenen Mozart-Violinkonzerte mit Giuliano Carmignola etwa reichen an die Intensität der Live-Konzerte schwerlich heran. Wirklich epochale CDs sind Abbado vor allem in seinem letzten Beethoven-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern gelungen - alle Neune! (jetzt wieder erschienen in einer preiswerten Box). Und in einigen Mahler-Symphonien, zum Beispiel in der Neunten live aus Berlin. Hier wurde plötzlich der Konzertmoment magisch durchstoßen und, jawohl: transzendiert. Ein Moment der Ewigkeit lugte – von wo auch immer – plötzlich und unerklärlich von außen herein.

Feiern kann man den gesundlich fragilen, musikalisch glücklichen 75-Jährigen auch mit einer CD, die schon 1967 den Auftakt für die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern darstellte. Auf ihr ist die grandiose Martha Argerich mit jenen beiden Konzerten zu hören, von denen sie später konsequent nie mehr hat lassen können. In Prokofievs Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26 und in Ravels G-Dur-Konzert ist alles straffe, schwingende, glückliche Fügung. Der Missionsgeist, der den politisch beseelten Abbado stets antrieb, ist hier noch ganz schöne Unmittelbarkeit

Nehmt alles nur in einem: Im frühen Verdi, im späten Beethoven und Mahler aus Berlin sowie in diesem Argerich-Liebesdienst leuchtet Abbado für immer. Glückwunsch.


CDs "Serge Prokofiev: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26/Maurice Ravel: Klavierkonzert G-Dur u.a." Martha Argerich (Klavier), Berliner Philharmoniker, Leitung: Claudio Abbado (Deutsche Grammophon 447 438-2). Ludwig van Beethoven: "Die Symphonien" Berliner Philharmoniker, Ltg.: Claudio Abbado (5 CD, Deutsche Grammophon).

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulbud 18.06.2008
1. Brahms
Ich kann Ihre Auffassung nicht teilen, dass die Aufnahmen der Brahms-Sinfonien aus den 60er-Jahren (habe ich noch auf LP) in die Kategorie "kann man vergessen" gehören. Bevor ich mich seinerzeit als junger Schüler zu deren Kauf entschied (teuer genug!), habe ich sie mit denen von Karajan verglichen. Mich hat dabei Abbado emotional mehr angesprochen. Aber später weiss man's natürlich besser... Zeigt nur: ein objektiver Masstab ist schwer, wo Emotionen mitspielen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.