Abgehört 2005 Die wichtigsten CDs des Jahres

SPIEGEL ONLINE hilft Ihnen beim Sparen! Akribisch haben wir uns durch haufenweise CDs gehört, um Ihnen die zehn wichtigsten Pop- und Rock-Platten des Jahres zu präsentieren - mehr müssen Sie nicht besitzen. Hier schon mal die ersten fünf der kommenden Klassiker.

Art Brut - "Bang Bang Rock & Roll"
(Fierce Panda/Cargo)

"Bang Bang Rock & Roll" wird mühelos in die Rockgeschichte eingehen: Als die schlaueste Platte des Jahres 2005. In der Rückschau erscheint es nämlich so, als hätte der schnauzbärtige, wohlbeleibte Art-Brut-Texter Eddie Argos die Übernahme der Weltherrschaft durch Übermut und Scharfsinn von Anfang an geplant: Er und die Band wussten genau, dass die Art Brut-Aphorismen in kürzester Zeit zu geflügelten Worten werden würden. Keine Clubnacht ohne dass jemand vehement "I've seen her naked twice!", "Talking to the kids!", "Art Brut Top of the Pops!" oder "Stay off the crack!" brüllte und wilde Handzeichen hinterher schickte. Kein Konzert, in dem die Band aus Süd-London sich nicht selbst bejubelte ("We're gonna be the band that writes the song/ That makes Israel and Palestine get along") oder in einer Weise über ganz willkürlich und plötzlich einsetzende Verliebtheit berichtete, wie man selbst es natürlich nicht gekonnt hätte, weil einem dieser Vergleich gar nicht eingefallen wäre: "First time I saw her/ I wanted more than just to hold her/ I wanted to bend her and fold her". Wie Argos diese Texte nicht singt, sondern deklamiert, machte Punks und Popper sprachlos. Art Brut hatten die Ereignislosigkeit des Alltags überwunden, indem sie den Alltag zum Thema machten. Gerissen! Jan Wigger

Franz Ferdinand - "You Could Have It So Much Better
(Domino/Rough Trade)

Es ist schon ein bisschen beängstigend, wenn man nichtsahnend vorm Fernseher sitzt, Jauchs Quizshow guckt und plötzlich in einer mittelpreisigen Frage Franz Ferdinand auftaucht. Man nennt dieses Phänomen die Vereinnahmung durch den Mainstream - und es kratzt immer noch ein bisschen am Verständnis des elitebewussten Musikfans, wenn der Geheimtipp, auf den sich bislang nur eine eingeschworene Gemeinde von Hipstern einigen konnte, plötzlich im Medien-Supermarkt verramscht wird und in großen Mehrzweckhallen auftritt. Das zweite Album der ehemaligen Kunststudenten aus Glasgow brachte den entscheidenden Schub, der in logischer Konsequenz eigentlich nur in der Belanglosigkeit enden kann. Endstation Coldplay. Auf "You Could Have It So Much Better" ist von Ausverkauf zum Glück noch keine Spur. Zwar geben sich Franz Ferdinand noch melodieseliger als auf ihrem Debüt und pflegen ihre Schrullen (Achtziger-Wave, schmale Schlipse), sie führen ihren abgehackten Popstpunk-Sound jedoch auch in neue Dimensionen. Das beginnt bei einer kleinen Verneigung vor Jefferson Airplane im Intro der Single "Do You Want To" und endet mit der Ballade "Eleanor Put Your Boots On", die so dermaßen nach "Rubber Soul"-Beatles klingt, das es beim Hören wohlig schmerzt. Auch Songs wie "The Fallen" oder "What You Meant" atmen diesen Sixties-Geist; die allgegenwärtigen Vergleiche der Schotten mit den Fab Four kommen ja nicht von ungefähr. So lange Franz Ferdinand aber so herrlich spröde und schnöselig bleiben, in ihren Texten weiterhin eiskalte Arroganz versprühen und auf der Bühne mit harschem Punk ihren Pop-Appeal demontieren, braucht man um die Konsensband der Stunde keine Angst zu haben. Da geht noch was. Andreas Borcholte

CocoRosie - "Noah's Ark" (Touch & Go/Triton/Soulfood)

Die Rückkehr der Seltsamen, die Rückkehr des Abseitigen in diesem Jahr beglückte und verstörte gleichermaßen: Kaum jemand, der das märchenhafte Tönen von Antony & The Johnsons, Devendra Banhart oder Animal Collective "ganz nett" fand. Meist wurde die Stimmlage des jeweiligen Künstlers als Grund für abgrundtiefe Verachtung oder totale Verehrung angegeben, so auch bei CocoRosie: Das jenseitige Hauchen und Maunzen der Schwestern Sierra und Bianca Casady fanden die einen grässlich und unhörbar, die anderen hielten es für die schönste Vocal-Performance der Welt. Kinderspielzeug, Küchengeräte und namenlose Instrumente dienten den Casadys schon beim Debüt "La Maison De Mon Reve" als Hilfsmittel, auf "Noah's Ark" kommt die feierliche Romantik von etwa "Beautiful Boyz", einem Duett mit Antony, hinzu: "His greatest love was executed/ The pure romance was undisputed/ Angelic hoodlums and holy ones/ All those beautiful boyz". Ist das Lo-Fi, Neo-Folk, Electronic Blues oder die einzig ernstzunehmende Verbeugung vor Billie Holiday? Schon ganz gut, dass niemand Genaueres weiß. Jan Wigger

Wir sind Helden - "Von hier an blind"
(Labels/Virgin/EMI)

Man hatte ein bisschen Bauchschmerzen vor diesem Album. Zu Unrecht, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Dennoch war die Angst groß, die Helden der neuen deutschen Popbewegung hätten ihr ganzes Pulver mit dem vielfach gefeierten Debüt "Die Reklamation" auf einmal verschossen. Das neue Album war, der zweiten Platte nach dem Hype angemessen, etwas sperrig und biestig geraten, zwischen den Zeilen war ein gewisser Trotz herauszuhören - gegen die Vereinahmung, das Gerede von deutschen Bands und den ganzen Medienzirkus. Von Konsumkritik war keine Rede mehr, das Thema war abgehakt, dafür von Verwirrung, von Unsicherheit und widerstrebenden Emotionen. Einerseits "gekommen, um zu bleiben", andererseits "von hier an blind". Musikalisch wich der Pop der ersten Stunde einer härteren Gangart. Fast wie ein Sperrfeuer gegen zu viel Heldenverehrung scheinen die Gitarren zu rattern. Sängerin Judith Holofernes schwankt zwischen Spottdrosseligkeit ("Zuhälter", "Zieh dir was an") und koketter Infantilität ("Ein Elefant für dich", "Nur ein Wort"). Höhepunkte des Albums bleiben die aufwühlende Ballade "Darf ich das behalten" und das Titelstück, das in den vergangenen Wochen bei allem Ringen um die Regierung eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat. Wir sind Helden, diese sympathische, aber immer etwas spröde Band, blieb bei all dem dieselbe: Auch mit dem zweiten Album traf sie einen Nerv. In der Rückschau wird man sagen, dass "Die Reklamation" eine gelungene Fingerübung war, "Von hier an blind" aber ein Meisterstück. Andreas Borcholte

The Arcade Fire - "Funeral"
(Merge/Sanctuary/Rough Trade)

Natürlich ist das ein beliebter Gemeinplatz, aber in diesem Fall trägt er zum Verständnis bei und erweitert das Phänomen The Arcade Fire um eine weitere Dimension: Wer diese Band nicht live gesehen hat, beging einen fatalen Fehler. Ungläubige, denen die Brillanz von "Funeral" auf Platte noch verborgen blieb, kehrten glücksselig stammelnd vom Ort des Geschehens zurück und waren fortan bekehrt. Kein Wunder: In Stücken wie "Neighborhood 2 (Laika)" und "Neighborhood 3 (Power Out)" bewegt sich die Künstlergemeinschaft aus Montreal nah am Wahnsinn: Man schreit durcheinander, rauschhaft und ganz ohne Hemmnis, man tanzt den letzten Walzer ("Crown Of Love"), man hat mit "Rebellion (Lies)" im Vorbeigehen den Pop-Song des Jahres geschrieben. Aber zum Weinen bringt einen diese Gruppe, die mit nichts vergleichbar ist (nicht einmal mit Modest Mouse oder den frühen Talking Heads) schon in den allerersten Minuten, mit "Neighborhood 1 (Tunnels)": "Purify the colors, purify my mind/ And spread the ashes of the colors/ In this heart of mine". Lieder über Liebe, einzigartig. Jan Wigger

Teil zwei der "wichtigsten CDs des Jahres" folgt am kommenden Montag!

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