Abgehört 2010 Die wichtigsten CDs des Jahres

Mensch, was für ein tolles Jahr! Neue Platten von Phil Collins, Take That und den Black Eyed Peas - was haben wir uns gefreut! Aber zum Glück wurden auch ein paar gute Sachen veröffentlicht: Andreas Borcholte und Jan Wigger haben die zehn wichtigsten CDs des Jahres ermittelt. Heute: Teil zwei!

Kanye West - "My Beautiful Dark Twisted Fantasy"
(Roc-a-Fella/Def Jam/Universal, erschienen im November)

"I can't be everybody's hero and villain, savior and sinner, Christian and anti Christ!", schrieb Kanye West vor ein paar Wochen in einem seiner notorisch gewordenen Tweets. Ein rarer Moment der Selbsterkenntnis für den 33-jährigen Rapper aus Chicago, der mit seinem neuen Album dann aber doch angetreten ist, um all das gleichzeitig zu sein. Aus seiner Bewunderung für Michael Jackson hat er nie einen Hehl gemacht, und als der King of Pop dann starb, war West einer der ersten, die Medien und Öffentlichkeit für ihre Hexenjagd auf den strauchelnden Musiker verdammten. Was ihn natürlich nicht davon abhält, nun nach der Krone zu greifen. Wie das Internet-Musikmagazin Pitchfork richtig feststellte, gibt es durchaus Parallelen zwischen Jackson und West: Das kindliche Genie, das bis zur allergrößten Peinlichkeit in der Öffentlichkeit verhandelte Privatleben, die Skandale (zum Beispiel Wests Taylor-Swift-Attacke bei den MTV Awards), der größenwahnsinnige Anspruch, die Musikwelt grundlegend beeinflussen und prägen zu können, die Fähigkeit, Stile und Genres miteinander zu einem originären, unerhörten Pop-Sound zu vermengen. Dann wiederum besitzt West weitaus mehr Bodenhaftung als Jackson. Nie käme er auf die Idee, sich durch Chirurgie in ein Alienwesen, nicht weiß, nicht schwarz, zu verwandeln. Und was seine Talente als Sänger und Tänzer betrifft, gab er unlängst im Fernsehen bereitwillig zu, in beiden Bereichen arge Defizite zu haben. Aber das Begeisternde an Kanye West ist ja, dass er jederzeit in der Lage ist, solche Augenblicke der Klarheit gleich wieder ad absurdum zu führen: In seinem mosntrösen, grotesk überladenen, unter eigener Regie dilettantisch zusammengestümperten 35-Minuten-Clip zum neuen Album versucht er natürlich doch wieder eifrig, seine Skills unter Beweis zu stellen. Kanye Wests Musik gewinnt ihre Faszination zum großen Teil durch diese fast schon schizophrene Mischung aus armem, zerquältem Würstchen und großspurigem Draufgänger, aus Muttersöhnchen und Potenzprotz, der sich damit brüstet, die Diskrepanz zwischen Romantik und Sex damit auflösen zu können, dass er nicht nur mit einem Pornostar schläft, sondern sie gleich heiraten will ("Hell Of A Life"). In "Power" nennt er sich selbst einen "21st century schizoid man" und fordert: "Every superhero needs his theme music". Mit dem grandiosen, noch längst nicht erschöpfend ausgedeuteten Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" hat er sich diesen Soundtrack nun selbst auf den Leib geschrieben - und zeigt sich als mindestens so komplexer Charakter wie jeder bessere Comic-Superheld. Oder -Super-Bösewicht, wie man's nimmt. Nach der inneren Einkehr von "808 And Heartbreak" und einem Jahr voller Höhen und Tiefen ist Kanye West dem Höhepunkt seiner Kunst ein entscheidendes Stück nähergekommen. Wenn er nicht durchdreht, ist die Krone zum Greifen nah. Vielleicht besteht der "dark twist" aber auch darin, dass er erst noch komplett durchdrehen muss, um sie zu erlangen. Andreas Borcholte

Joanna Newsom - "Have One On Me"
(Drag City/Rough Trade, erschienen im Februar)

Her heart is a furnace. Dass Joanna Newsom, das zarte Kind Kaliforniens, einmal die größte Songschreiberin der letzten zwanzig Jahre werden sollte, wurde mit "The Milk-Eyed Mender" angedeutet und mit dem Großwerk "Ys" letztgültig bewiesen. Wie üblich benötigten misstrauische Konsumenten (die Newsoms zauberische Stimme hilflos mit den Lauten eines missgelaunten Säuglings verglichen) und einige Journalisten (die Hybris, Hippietum und Prätention witterten, oder zum Tatzeitpunkt einfach keine Zeit hatten, sich näher mit "Miss Gruesome" und dem damals noch sehr präsenten Harfenspiel zu beschäftigen) ein paar Jahre, um letztendlich doch noch die Waffen zu strecken: Das Triple-Album "Have One On Me" holte professionelle Skeptiker, 3sat-Seher, Theatermacher, enttäuschte Tori-Amos-Bejubler und langjährige Abonnenten der "Zeit", wie man so blöde sagt, "mit ins Boot". Unsterblich sind hier "Good Intentions Paving Co.", "Soft As Chalk", "Jackrabbits", "Easy" und "Does Not Suffice", das kurze (!) "'81" steht stellvertretend für die bloße Anmut, die auch auf den meisten Platten von Joni Mitchell und Laura Nyro zu finden ist: "It was hotter than hell/ So I laid me by a spring/ For a spell/ As naked as a trout." Für Fans von Kiss ist das trotzdem nichts. Jan Wigger

Arcade Fire - "The Suburbs"
(City Slang/Universal, erschienen im Juli)

Der wahre Rock'n'Roll dieser Tage, sagte neulich ein Kollege, seien doch eigentlich die Black Eyed Peas mit ihrem redundanten, ewig stumpfen Stampfen. Das würde noch jeden mit Indie-Rock sozialisierten Elternteil aus dem Jugendzimmer treiben. Wenn das so wäre, und es ist gleichsam furchterregend und faszinierend, diesen Gedanken an sich heranzulassen, was ist dann wohl aus dem gitarrenbetriebenen Rock'n'Roll geworden, der bisher für Rebellion und Generationenkonflikt stand? 2010 zeigte: Er passt sich den Themen an, die seine älter gewordenen Anhänger umtreiben - und verabschiedet sich vom lauten Wüten, um einer düsteren, brütenden Innerlichkeit Platz zu machen. The National haben diesen neuen Rock'n'Roll der jungen, an ihrem Leben verzweifelnden Erwachsenen in diesem Jahr mit ihrem hervorragenden Album "High Violet" ausdefiniert, aber auf den Punkt gebracht wurde er von den Kanadiern Arcade Fire mit "The Suburbs", einer modernen Variation von Bruce Springsteens "The River": ähnlich sentimental, mindestens so pathosbeladen, aber viel weniger eskapistisch. "Sometimes I can't believe it/ I'm moving past the feeling", singt Win Butler im Titelsong. Man muss sich vorstellen, dass er in der Mitte seines Lebens zurück in die Vorstadt seiner Kindheit kommt, um sein Erwachsenenleben dort fortzuführen, wo er seine Eltern einst in Aufbruchstimmung zurückgelassen hatte. War das Debütalbum "Funeral" unruhiges Zeugnis dieser Sturm- und Drang-Phase und "Neon Bible" pompöse Polit-Selbstbehauptung, dann markiert "The Suburbs" die Ankunft der Abgeklärtheit. Die Echos der jugendlichen Illusionen hallen noch nach und werden mit Sehnsucht und Melancholie betrachtet, aber der Ernst des Lebens hat sich zum unzynischen Realismus verhärtet: "If the business men drink my blood/ like the kids in art school said they would/ Then I guess I'll just begin again", singt Butler in "Ready To Start", und: "I would rather be alone/ Than pretend I feel alright". Vor allem in den stumpfdunklen Nächten, wenn die Gräuel des Tages besonders schwer lasten, kommen sie dann natürlich doch wieder an die Oberfläche, die hellen, duftenden Sommernachmittage mit den Freunden im Park, die bei Arcade Fire wie aus einem Stephen-King-Roman entnommen wirken: Die Vorboten des Unheils lauern am Straßenrand wie ein herrenloses, umgekipptes Kinderdreirad, dessen Räder sich noch träge drehen. "These days my life, I feel it has no purpose/ But late at night the feelings swim to the surface", heißt es in "Sprawl II". The Kids are older, and they are not alright. Andreas Borcholte

Christiane Rösinger - "Songs Of L. And Hate"
(Staatsakt/Rough Trade, erschienen im Oktober)

Wir haben den herzlichen Feminismus der Lassie Singers geliebt, wir sind mit "Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht", "Leben in der Bar" und "Hamburg", der vielleicht einzigen wirklich den Kern treffenden Liebesbezeugung an die Schatzstadt, nach Hause gestolpert. Doch obgleich Christiane Rösinger bereits mit einigen Stücken ihrer Band Britta darauf vorbereitete, war mit einer solch bestechenden Solo-LP wie "Songs Of L. And Hate" kaum zu rechnen: Aus Trennungsschmerz und Notwehr entstandene Aufzeichnungen wie "Verloren", "Sinnlos" oder "Es geht sich nicht aus" oszillieren meisterhaft zwischen ernsthafter Schwere, gravierender Verstimmung, zwanglosem Galgenhumor, fröhlichem Fatalismus und achtsamem Bilanzieren. Christiane Rösinger besingt Endgültigkeiten, ohne sich mit den Verhältnissen abgefunden zu haben: "Du hast alles falsch verstanden/ Du hast alles falsch gemacht/ Und wär' es nicht so furchtbar traurig/ Ich hätt' mich totgelacht/ Es ist das alte Lied/ Und eine Frage der Zeit/ Auf all den Kummer folgt bald Hass und Verachtung/ Und ein kleines Lied/ Das bleibt." Danach hilft nur noch Jackson Brownes "Fountain Of Sorrow". Jan Wigger

Sufjan Stevens - "The Age Of Adz"
(Asthmatic Kitty/Soulfood, erschienen im Oktober)

"Boy! We can do much more together!/ It's not so impossible!", wiederholt Sufjan Stevens immer wieder in "Impossible Soul", seinem aus fünf Akten bestehenden, 25 Minuten langen Kaleidoskop der aktuellen Pop- und Rockmusik, dem Herzstück von "The Age Of Adz". Als der 35-Jährige aus Detroit Mitte des Jahres erst die grandiose EP "All Delighted People" veröffentlichte und dann kurze Zeit später sein neuntes reguläres Album hinterherschickte, war klar, dass sich Stevens in einer neuen, manischen Schaffensphase befindet ("so much more!") - und ebenso klar war, dass man sich ernsthaft um seine geistige Gesundheit sorgen muss. Aber mit Genie und Wahnsinn ist es ja bekanntlich so eine Sache, also gehen wir mal davon aus, dass der überzeugte Christ, der einst als zart besaitete Ikone aller Neo-Folk-Feen angefangen hat und zuletzt für jeden US-Bundesstaat ein eigenes Album aufnehmen wollte, schon irgendwie die Kurve kriegen wird. Musik soll ja auch für den Künstler eine kathartische Wirkung haben. "The Age Of Adz" bezieht sich mit Titel und Cover-Artwork auf den verstorbenen paranoid-schizophrenen Künstler Royal Robertson, dessen apokalyptisches Werk den Musiker schwer beeindruckt haben muss. Stevens zeigt sich überfordert von allem, der Liebe, dem Leben, sich selbst und seiner Kunst. Die Musik, die er zu seinen zweifelnden, verzagten Texten erschafft, verweigert längst jede Kategorisierung. Ähnlich wie andere genresprengende Kollegen in diesem Jahr, darunter Of Montreal, Kanye West und Janelle Monae, verstrudelt Stevens Rock, Pop, Elektronik, sakrale Gesänge, kitschige Filmmusik, Soul, Funk und R&B zu einem Abbild der immer unüberschaubarer werdenden Medien- und Kulturgesellschaft: Alles existiert nebeneinander, niemand hat einen Masterplan, "there's too much riding on that", ist das ewig repetierte Mantra in "Too Much" - zu viel, um noch mitzukommen. Man braucht Zeit, um "The Age Of Adz" zu durchdringen und im Tosen und Zusammenprallen der Sounds und Songs die Schönheit, die unter allem vordergründigem Wahn- und Irrsinn verborgene Lebenslust zu entdecken. Wenn man die Muße aufbringt, und das ist der eigentliche Glaubenstest, den Sufjan Stevens uns auferlegt, dann gibt es noch Hoffnung und Sinn, dann ist nicht alles nur flüchtiges Getwitter. Andreas Borcholte

Teil eins der wichtigsten CDs des Jahres verpasst? Hier schnell nachlesen!

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