Abgehört 2011 Die wichtigsten CDs des Jahres

Warum muss PJ Harvey neu bewertet werden? Was haben Wilco mit den Eagles zu tun? Und wie treibt man Freunde mit Bill Callahan in den Wahnsinn? Andreas Borcholte und Jan Wigger präsentieren die zehn wichtigsten CDs des Jahres und ihre persönlichen Top-Alben aus 2011. Heute: Teil eins.


PJ Harvey - "Let England Shake"
(Island/Universal, erschienen im Februar)

Für alle, die es noch nicht wussten: Es gibt natürlich keine einzige, auch nur annähernd mediokre Platte von Polly Jean Harvey. Allein aufgrund seiner bitteren Thematik ist "Let England Shake" aber ein "wichtiges" Album, das weit vor Wilcos "The Whole Love" so gut wie ALLE internationalen Jahrespolls dominieren wird. Having said that: Ich möchte meine lächerliche und durch nichts zu entschuldigende 8/10-Wertung aus dem Februar dieses Jahres gern nachträglich als 10/10 verstanden wissen. Als Grund für meine geradezu epochale Verfehlung kann ich höchstens ins Feld führen, dass a) bereits "White Chalk" und "A Woman A Man Walked By" derart brillant waren, dass ich deren Stellenwert durch eine möglicherweise noch brillantere Platte nicht vor der Zeit abwerten wollte, und ich b) beim Hören noch jeder neuen Harvey-LP stets an eine persönliche Begegnung mit der Göttin erinnert werde ("Bitte warten, Polly ist noch Obst kaufen!"), während der sie mich erfolgreich ermutigte, meinen DIN-A-4-Zettel mit Fragen doch bitte noch vor Interviewbeginn in das hinter mir befindliche Kaminfeuer zu werfen. "The Words That Maketh Murder", "Written On The Forehead", "On Battleship Hill", "The Glorious Country" und "Hanging In The Wire" sind unsterbliches Material. Forever (not) yours: Jan Wigger

Ja, Panik - "DMD KIU LIDT"
(Staatsakt/Rough Trade, erschienen im April)

PJ Harvey hatte das beste Album, Ja, Panik die besten Songs. Der Diskurs, das Bla-Bla, die Verortung und die Deutung, die Angst und das Geld waren mir dabei von Anfang an einerlei. Lieber noch einmal Andreas Spechtls Auftritt bei "Grissemann & Stermann" gucken: ein dezidiert gelangweilter, jovialer junger Mann, der im leicht an Dylans "Highlands" erinnernden, unvergleichlichen Marathonstück "DMD KIU LIDT" an den ausstaffierten, leeren Tagen "voller Inhalt, ohne Grund" litt, im phantastischen "Nevermind" so sang wie der junge Lou Reed und in "Grey & Old" so zittrig stürmte wie Edwyn Collins im Jahr 1983. Nur wenigen der Eingeweihten war "DMD KIU LIDT" ("Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit") gleichgültig, es gab - wie schon beim von Spechtl arrangierten Christiane-Rösinger-Meistwerwerk "Songs Of L. And Hate" - gerechte Liebe und gerechten Hass, meist ein Merkmal für große Kunst. "Aber Achtung, Achtung, Achtung vor der allzu schnellen Heilung/ Denn das, was uns zerstört, will uns gleich schon reparieren/ Unser Schmerz, der darf nicht abfallen/ Allein, er fällt mit dieser Ordnung/ Die sich verschwört, uns aufzupäppeln, uns gesundzuamputieren." Die wahrsten Zeilen dieses Jahres. Sie noch heute zu singen, ersetzt jeden Arztbesuch. Jan Wigger

Bill Callahan - "Apocalypse"
(Drag City/Rough Trade, erschienen im April)

Diese Platte hatte nichts mit den Poptrends des Jahres 2011 zu tun. Gar nichts. Das ist schon mal ein Argument, sie richtig gut zu finden. Bill Callahan, wie immer man ihn beschreiben mag, meinetwegen als great american Kauz, hat längst alle Referenzsysteme verlassen und spielt irgendwo da draußen auf einer Waldlichtung oder in der weiten Prärie in einer Klasse für sich. Manchmal fliegen ein paar Vögel vorbei, über die schreibt er dann bedächtige Songs. So war es zumindest 2009 auf seinem grandiosen Album "Sometimes I Wish We Were An Eagle", das so warm und kuschelig von der traurigen Sehnsucht nach Geborgenheit erzählte, dass ein jedes Herz sich öffnen musste. Unwahrscheinlich, dass er das noch übertreffen würde. Tat er aber. Mit einem radikalen Stilwechsel. "Apocalypse" spröde zu nennen, wäre eine Untertreibung. Die Opulenz und Schönheit von "Eagle": dahin. Stattdessen nimmt Callahan, der das nie zugeben würde, die angespannte soziale Stimmung seiner Heimat auf und vermischt sie mit seinem ureigenen Thema: dem bittersüßen Sehnen nach der Verheißung, dem Frieden, der großen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Aus dieser Utopie schöpft Callahan seine dürren Hymnen, die ungefähr so viel Pathos haben, als würde man "The Star Spangled Banner" auf einer Maultrommel spielen. Man konnte Leute buchstäblich in den Wahnsinn treiben und Freundschaften aufs Spiel setzen, wenn man Songs wie "America" auflegte, in denen der Erzähler in Australien auf seinem Hotelzimmer sitzt, David Letterman guckt und sich nach Hause, nach Amerika wünscht, langsam durchdrehend vor lauter Hassliebe: "You are so great and golden", ätzt er, um dann die verdrängten Sünden der Vergangenheit aufzuzählen: "Afghanistan!/ Vietnam!/ Iran!/ Native Ameri-con!/ America!/ Everyone's allowed a past they don't care to mention." Alles über ein hypnotisches, repetierendes Gitarrenbeat-Skelett, das an die fiebrigen Rhythmus-Übungen der Avantgarde-Jazzer The Lounge Lizards erinnert, natürlich ohne die Bläser. Idiosynkratisch, sarkastisch, bitterböse, aber doch barmherzig und auf verschrobene, dadaistische Weise komisch gibt sich Callahan auf diesem, vielleicht seinem besten Album. In "Universal Applicant" lässt er den Erzähler eine Leuchtrakete abfeuern. "Pfff-pow!", sagt er mit dieser bekifften, sonoren Stimme - und der ganze Song hält kurz den Atem an. Dann, lakonisch: "The flare burned and fell/ The boat burned as well/ Hm." Bill Callahans gothic americana ist wie die Kurzgeschichten von Ambrose Bierce: Eben noch liegt man entspannt in einem sonnenwarmen Feld, die Bienen summen, der Bürgerkriegslärm ist weit entfernt. Und plötzlich ertastet die Hand im dichten Gras ein Leichenteil. Gruselig, wunderschön, überirdisch. Andreas Borcholte

John Maus - "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves"
(Southern/Cargo, erschienen im Juni)

Die düsterschönste und ungewöhnlichste Platte kam in diesem Jahr von John Maus, einem fahlen Amerikaner mit herrscherischer Stimme und einer unheilbaren Vorliebe für den Proto-Goth der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Wie wahnsinnig gut "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" eigentlich ist, weiß man, wenn man "Quantum Leap", "...And The Rain", "Cop Killer" oder "Keep Pushing On" aus dem Grabesdunkel ins Licht zerrt und sie mit den großen Songs von Peter Murphy, Ian McCulloch, Stephen Mallinder und Ian Curtis vergleicht. Maus, der vor langer Zeit noch regelmäßig mit Ariel Pink und Animal Collective musizierte, hat diese dunkle, versunkene Ära verinnerlicht wie kein Zweiter: Die Nacht ist schwül, der Kosmos brennt, es wird nach ungewöhnlichen Lösungen für unvermeidliche Probleme gesucht: "Cop Killer, let's kill the cops tonight/ Cop Killer, kill every cop in sight." Könnte Menschen gefallen, die seit der letzten Wall Of Voodoo überhaupt gar keine Platte mehr gekauft haben. Oder Replikanten, die zu "The Serpent And The Rainbow" gerne frühstücken. Jan Wigger

Wilco - "The Whole Love"
(Anti/Indigo, erschienen im September)

Ja, sicher, das ist langweilig und vorhersehbar: Wilco unter den zehn besten Alben des Jahres. Wie immer. Gähn. Aber was sollen wir machen? Ein gutes, nein, ein hervorragendes Album ignorieren, nur weil es origineller wäre, etwas anderes zu besprechen? Irgendwas, das vielleicht nur halb so gut war? In diesem Genre, in diesem Jahr? Fällt mir nichts ein. The Decemberists vielleicht. Und Ryan Adams mit seinem kleinen Comeback. Machen wir uns mal nichts vor: Mainstream-Rock ist 2011 noch ein bisschen mehr in eine Nische geschrumpft, in der sich kaum noch junge Leute tummeln und in der auch nicht mehr viel passiert. Die College-Rocker aus den Achtzigern und Neunzigern sind heute auch alle Mitte, Ende 40 und arbeiten daran, ihre Vision von Rock'n'Roll zu perfektionieren. Kein Wunder, dass Wilco als Headliner beim "Rolling Stone Weekender" auftraten, wo Regenschirm-Knirpse statt Drogen gehandelt werden und im Hotel übernachtet wird, nicht matschfüßig im Zelt: gediegen wiegen statt hart rocken. Wer sich dieses Jahr ein Wilco-Ticket gekauft hat und sich noch mehr leisten konnte, war bestimmt auch bei den Eagles. Das lassen wir jetzt mal sacken und reden stattdessen über "The Whole Love", das man mit dem Eagles-Abschied "The Long Run" vergleichen könnte, wenn wir schon mal dabei sind. Jeff Tweedy hat seine schlimme Zeit der Depressionen und Drogen hinter sich, davon zeugte schon das letzte Album. Jetzt wird verfeinert, und das hört sich phantastisch an. Die Band spannt einen stilistisch weiten Bogen zwischen Beatles-Burlesken wie "Capitol City", straighten Rockern wie "I Might" und "Born Alone" oder den Glamrock-Zitaten in "Dawned On Me" und "The Whole Love". Und dann gibt es natürlich noch jede Menge Country-Folk-Balladen wie "Sunloathe", "Open Mind" oder, zuckersüß, "One Sunday Morning", mit dem das Album auf einer behaglich-versöhnlichen Note endet. So weit, so abgehangen. Die Seele des Albums aber ist der Opener "Art Of Almost", in dem sich Wilco von einem pulsierenden, elektrischen Funk-Groove bis in brachiale, wilde Krautrock-Gefilde vorarbeitet. Ein ungewöhnlicher, verstörender Beginn für eine Platte wie diese, die eigentlich nicht viel mehr als wohlklingen will. Eigentlich. Aber eben nur beinahe, almost. Allein dieser eine Song zeigt, dass in Wilco eben doch noch ein Funke glüht, der diese Band vor dem Altersheim der Saturiertheit bewahrt. Die Eagles, und dann höre ich auch auf mit diesem unerhörten Vergleich, haben sich nach "The Long Run", auf dem sich Don Henleys radikales Zeitgeist-Experiment "The Disco Strangler" neben Timothy B. Schmidts perfekter, aber seelenloser Westcoast-Ballade "I Can't Tell You Why" behaupten musste, endgültig zerlegt. Wilco, weitaus weniger mit verschiedenen Egos aufgeladen, werden diese Zerreißprobe wahrscheinlich bestehen. Unsere ganze Liebe haben sie. Natürlich. Andreas Borcholte

Liebe Abgehört-Leser, das war's natürlich noch nicht! Teil zwei der "wichtigsten CDs des Jahres" folgt am Dienstag nach Weihnachten. Ein frohes Fest!

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
osjorsk 20.12.2011
1. Radiohead
Zitat von sysopWarum muss PJ Harvey neu bewertet werden? Was haben Wilco mit den Eagles zu tun? Und wie treibt man Freunde mit Bill Callahan in den Wahnsinn?Andreas Borcholte und Jan Wigger präsentieren die zehn wichtigsten CDs des Jahres und ihre persönlichen Top-Alben aus 2011. Heute: Teil eins. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,804825,00.html
Vielleicht passt ja da die Stilrichtung nicht, aber: gibt es 2011 wirklich eine bessere Platte als Radiohead - King of Limbs? Glaub ich nicht.
rubelzar 20.12.2011
2.
Zitat von osjorskVielleicht passt ja da die Stilrichtung nicht, aber: gibt es 2011 wirklich eine bessere Platte als Radiohead - King of Limbs? Glaub ich nicht.
Die Liste kann so lange nicht ernstgenommen werden, wie die Black Keys mit "El Camino" mit großem Abstand vor allem anderen auf Platz 1 trohnen. PUNKT
hagströmer 20.12.2011
3. Hauptsache kein Mainstream
Warum dies die wichtigsten CDs des Jahres sein sollen, erschließt sich mir nicht. Hauptsache kein Radio-Appeal, oder wie? Darf eine wichtige CD nicht unterhalten? Die Autoren halten natürlich ihre Kriterien für wichtig. Aber eine z.B. von Natasha Bedingfield gesungene Zeile zieht mich mehr in den Bann als ganze Hörproben dieses spröde vorgetragenen Popkulturguts. Bevor ich mich auf Texte oder andere Elemente der Songs einlassen möchte, stellt sich schlicht Langeweile ein. P.S. Ich bin Berufsmusiker, und kein Laie.
Consul 20.12.2011
4.
Zitat von hagströmerWarum dies die wichtigsten CDs des Jahres sein sollen, erschließt sich mir nicht. Hauptsache kein Radio-Appeal, oder wie? Darf eine wichtige CD nicht unterhalten? Die Autoren halten natürlich ihre Kriterien für wichtig. Aber eine z.B. von Natasha Bedingfield gesungene Zeile zieht mich mehr in den Bann als ganze Hörproben dieses spröde vorgetragenen Popkulturguts. Bevor ich mich auf Texte oder andere Elemente der Songs einlassen möchte, stellt sich schlicht Langeweile ein. P.S. Ich bin Berufsmusiker, und kein Laie.
Ja, schön für Sie, Herr Berufsmusiker. Wigger/Borcholte sind sicher auch keine Laien in ihrem Fach, denn das Musicbiz besteht nun einmal nicht nur aus Musikern. Ich bin übrigens auch vom Fach - Produktion. Und bevor Sie nun nur schießen - nur Mut, und stellen Sie doch einfach IHRE persönliche Best-of-Liste vor. Selbst auf die Gefahr hin, daß auf Ihnen und Ihrem persönlichen Musikgeschmack herumgehackt wird.
Consul 20.12.2011
5.
Zitat von osjorskVielleicht passt ja da die Stilrichtung nicht, aber: gibt es 2011 wirklich eine bessere Platte als Radiohead - King of Limbs? Glaub ich nicht.
Zumindest gibt es kein besseres Mashup: Radiohead - LOTUS FLOWER versão brasileira - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=VHcPqxtEk6s) Und wer hat mittlerweile das große Copyright-C drauf? - Radiohead. Und dann sage mal noch jemand, alle Musiker wären humorlos.
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