Abgehört 2013 Die wichtigsten CDs des Jahres

Geben Sie es zu, Sie wollen unbedingt wissen, ob es Heino, Helene Fischer und Bosse in unsere Jahres-Top-Ten geschafft haben! Niemals, glauben Sie? Lesen Sie hier: Wir präsentieren die wichtigsten Alben des Jahres 2013 und die persönlichen Lieblingsalben unserer Autoren. Heute: Teil 1.

Von und Jan Wigger


Nick Cave & The Bad Seeds - "Push The Sky Away"
(Bad Seed Ltd./Rough Trade, erschienen am 15. Februar)

Damals, in dieser kühlen Februarnacht, als man im Innenhof vor dem Berliner Admiralspalast stand und sich fragte, ob das sein konnte, ob man wirklich schon so früh einen der besten Auftritte des Jahres gesehen hatte, war "Push The Sky Away" gerade erschienen. Es sollte dann nicht nur eines der denkwürdigsten Konzerte bleiben, Cave und die neu geordneten Bad Seeds setzten in den folgenden Monaten zu einer triumphalen Tournee an, die Hallen- wie Festivalpublikum gleichermaßen in ihren Bann zog. So war es in diesem an neuer, aufregender Musik und interessanten neuen Künstlern keinesfalls armen Jahr einer der älteren Meister, der uns erdete, der im flüchtigen Rausch, der die Beschäftigung mit Popmusik oft ist, so etwas wie Erhabenheit vermittelte. David Bowie, der andere große Rückkehrer dieses Jahres, hatte die Sentimentalität und den Überraschungseffekt auf seiner Seite, aber es war der Lakoniker Cave, der letztlich jene gravitätischen, brütenden, erlösend unnostalgischen Lieder voller Sehnsucht nach Weisheit besaß, die zu tröstenden, ständigen Begleitern wurden - wahrscheinlich weit über 2013 hinaus: "Jubilee Street", "Mermaids", "We No Who U R", "Push The Sky Away" und vor allem der schamanische, mäandernde, den ganzen melancholischen Weltgeist, diesen ganzen flirrenden, flüchtigen Irrsinn unserer Zeit zusammenfassende "Higgs Boson Blues". We called upon the author to explain. And he answered. Andreas Borcholte

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Push The Sky Away" nach!

"Jubilee Street"-Videoclip von Nick Cave & The Bad Seeds auf tape.tv ansehen

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Tocotronic - "Wie wir leben wollen"
(Vertigo Berlin/Universal, erschienen am 25. Januar)

Da hatte das sonst so tolle "Vice"-Magazin doch tatsächlich in der Schule nicht aufgepasst! Zitat: "'Ich möchte mich selbst verdauen', flötet von Lowtzow, den Morrissey des Graduiertenkollegs gebend, irgendwo auf diesem Album, und man möchte ihm zurufen: 'Na mach doch, viel mehr Scheiße kann da auch nicht mehr hinten rauskommen!'" In Wahrheit ist "Wie wir leben wollen" ein höchst delikates, beredtes, goldweiches und wahnsinnig leicht zu kränkendes Meisterstück, voll mit Fallstricken und Verweisen (Robyn Hitchcock, Syd Barrett, Hélène Cixous), bebend und erzitternd, sehr wach und sich gewohnt lustvoll verschwendend. Aus Dirk von Lowtzow ist der Papst der Schrullen geworden: Die Texte sind köstlich und verzwickt, die Band spielt wie im Rausch, "Vulgäre Verse", "Die Revolte ist in mir", "Neue Zonen" und "Wie wir leben wollen" erfüllen alles, aber auch wirklich alles, was man von Musik verlangen kann. Und das mit keinem Fuß auf deutschem Boden! Jan Wigger

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Wie wir leben wollen" nach!

"Pfad der Dämmerung"-Videoclip von Tocotronic auf tape.tv ansehen

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Jon Hopkins - "Immunity"
(Domino/Goodtogo, erschienen am 31. Mai)

Himmel, ist das schwierig dieses Jahr: bestes Elektro-, Dance- oder Techno-Album 2013? Daft Punk etwa? In Wahrheit bleibt da außer Giorgio Moroder, Nile Rodgers und "Get Lucky" am Ende des Jahres nicht viel übrig. Die beste, rumpfschüttelndste und euphorischste Tanzplatte wäre dann also "Settle" von dem britischen DJ-Duo Disclosure, ein wirklich hervorragendes Album! Aber auch ganz schön in den UK-Sounds von circa 1999 verheddert. Oneohtrix Point Never? Grandios, aber letztlich zu intellektuell. Darkside? Phantastisch und Pink-Floyd-verliebt, am Ende aber vielleicht doch nur eine kuriose Fußnote. Tim Hecker? Schon eher, aber zu verkopft, zu sakral, zu losgelöst vom Beat. Moderat? Großartig, klangpuristisch, popversessen, eigentlich perfekt. Wäre da nicht "Immunity" von Jon Hopkins: ein zwischen Ambient und Bassmusik oszillierendes Meisterwerk, das organisch-analoge Sounds in einen warmen, aber nicht unbedingt gemütlichen Techno-Zusammenhang setzt und eine Trance erschafft, einen Kokon aus Klang und Beat, der die Grenzen zwischen Hören und Fühlen auflöst. Wie morgens um 4 Uhr auf der Tanzfläche. Oder auf der Autobahn. Alle Sinne weit offen. Andreas Borcholte

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Immunity" nach!

"Open Eye Signal"-Videoclip von Jon Hopkins auf tape.tv ansehen

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Julia Holter - "Loud City Song"
(Domino/Goodtogo, erschienen am 16. August)

Ich musste an Stina Nordenstam, an Andrea Parkers "Kiss My Arp", an Béla Tarrs "Satanstango", und natürlich an Anja Plaschg denken, die im Jahr 2013 kein komplettes Studioalbum veröffentlichte, weshalb es in meinem Zimmer sofort bitterkalt wurde: Alles fiel aus, die Heizung, mein Gehirn, mein mit Steuergeldern bezahlter Stellvertreter. Was sollte ich tun? An dieser Stelle trat die Zahnfee aus meinem Kamin heraus und in mein Leben hinein: "Jan, ich schenke dir diese Hipster-Platte, damit auch du wenigstens eine Hipster-Platte hast, die du verehren und vergöttern kannst, ohne deine Wohnung verlassen, nach Berlin ziehen oder ein Konzert besuchen zu müssen!" Und oh mein Gott, wie super ist "Loud City Song", der Silberregen, das Geheimnis, die Herrlichkeit dieser ketzerischen Kirchenlieder, ganz allein in der Welt, ohne Bezugspunkt und Geländer, Filmmusik, Todesmärsche, Trompetentrauer und in der Mitte Julia Holter, die - the world isn't fair - natürlich auch noch unglaublich gut aussieht und hundertprozentig mit Chet Baker und John Cage aufwachsen durfte. Ist Holters dritte Platte auch ihre beste? Borcholte wird's euch sagen. Jan Wigger

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Loud City Song" nach!

"In the Green Wild"-Videoclip von Julia Holter auf tape.tv ansehen

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The Knife - "Shaking The Habitual"
(Rabid/Pias Cooperative, erschienen am 5. April)

Im Sommer unterhielt ich mich mit der New Yorker Noise-Künstlerin Pharmakon darüber, warum Musik, die wehtut, trotzdem schön sein kann. Ihr Debüt-Album "Abandon" ist übrigens sehr zu empfehlen, und vor allem live hat die aus Schreien und elektronischen Extremgeräuschen bestehende Kunst der 22-Jährigen eine kathartische, wenn nicht erleuchtende Wirkung. "Shaking The Habitual" ist musikalisch natürlich viel weniger radikal als Pharmakon und The Knife ein etablierter Act, dessen Einfluss bis weit in den Mainstream reicht. Aber im Grunde geht es um dasselbe: Töne und Rhythmen dienen als Medium für eher schmerzhafte emotionale Stimmungen und gesellschaftspolitische Thesen, die nichts mit der gemeinhin gültigen Auffassung von Musik als Wellness-Beschallung zu tun haben. Hundert Minuten lang fordert das Geschwisterpaar aus Schweden mit postapokalyptischen Dystopien über Fracking, Genmanipulation, Genderpolitik und Informations-Overkill den Zuhörer und letztlich auch die eigene Popularität heraus. Begleitet wird das Manifest von elektronischer, ethnisch und geologisch unverorteter Tribal-Musik, die biologisch-fiebrige Ursuppen-Sounds ebenso mit futuristisch-kühlen Industrieklängen fusioniert. Ein monolithisches, aufklärerisches, global gültiges Konzeptalbum über das Unbequeme, das existentiell wichtige Unbehagen, das wir so gerne verdrängen. Andreas Borcholte

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Shaking The Habitual" nach!

"Full Of Fire"-Videoclip von The Knife auf tape.tv ansehen

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Lesen Sie Teil 2 der "wichtigsten CDs des Jahres" und die persönlichen Lieblingssongs der Autoren am Donnerstag!

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
kritilligenz 17.12.2013
1. Wichtigste
Gibt es überhaupt so etwas wie die "wichtigsten" CDs des Jahres? Warum ist Kanye West mit "Yeezus" nicht vertreten? Oder J. Timberlake, der sich mit seinen beiden Alben gegen vermeintlich moderne Beats à la D. Guetta stemmt?
Filip 17.12.2013
2. Beste Elektronica-Alben
Da kann man nur zustimmen: Jon Hopkins' Meisterwerk ist absolute Nummer 1 in 2013, zusammen mit und dicht gefolgt von Moderat sind das die zwei am meisten herausragenden Alben des Jahres. Allerdings – oder glücklicherweise – war das wirklich ein Wahnsinns-Jahr was gute elektronische Musik betrifft, es gab noch diverse Top-Releases in 2013.
DocMitchell 17.12.2013
3. das ist...
natürlich immer Geschmackssache. Mir ist diese Auswahl befremdlich, das meiste irgendwie beladen mit elektronischen Sounds...ein paar Loops hin und her schieben...bisschen auf hipster machen...und noch mal loops hin und her schieben. Wo ist zum Beispiel Snarky Puppy? Immerhin für den Grammy nominiert und spielerisch, schöpferisch brilliant und mindestens mal genauso hip, wie die Scheiben, die hier genannt werden. Nur irgendwie anders hip, nicht so hipster-hip, sondern wirklich hip. ;)
ninak 17.12.2013
4.
Zitat von sysopGeben Sie es zu, Sie wollen unbedingt wissen, ob es Heino, Helene Fischer und Bosse in unsere Jahres-Top-Ten geschafft haben! Niemals, glauben Sie? Lesen Sie hier: Wir präsentieren die wichtigsten Alben des Jahres 2013 und die persönlichen Lieblingsalben unserer Autoren. Heute: Teil 1. http://www.spiegel.de/kultur/musik/abgehoert-2013-die-wichtigsten-cds-des-jahres-teil-1-a-939370.html
Habe mich mit dem aktuellem Album erstmalig mit Nick Cave auseinandergesetzt, bin schwer begeistert von dem Album, war dann auf einem Konzert und muss sagen, eine wirkliche grosse musikalische Bereicherung in diesem Jahr fuer mich!
alexanderschulze 17.12.2013
5. @kritilligenz
Ernsthaft, Kanye? Wirklich? My beatiful dark twisted fantasy war großartig, seitdem geht's bergab. Yeezus war nur noch Elektrostörgeräusche mit Geblubber. Das kann keiner mehr ernsthaft hören. Wenn schon Rap, dann die neue Eminem oder R.A. the rugged man.
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