Abgehört 2014 Die wichtigste Musik des Jahres

Zwei mies gelaunte Loser aus Nottingham erfinden Punk neu, ein Britpop-Idol reift zum Edelsongwriter, ein HipHopper aus L.A. renoviert den Jazz - und das ist noch längst nicht alles! Die wichtigsten Pop-Platten des Jahres. Heute: Teil zwei.

Von und Jan Wigger


Damon Albarn - "Everyday Robots"
(Parlophone/Warner, erschienen im April)

Besucher dieses Wahnsinnskonzerts sind sich bis heute einig: Das war besser als Fußball! Ausgerechnet während der WM, ausgerechnet an dem Tag, als die deutsche Mannschaft im Achtelfinale gegen Algerien spielte, trat Damon Albarn in Berlin auf. Es regnete Hunde und Katzen, und der Sog des Sofas, des heimischen Fernsehers, war enorm. Aber wie froh bin ich, dass ich mich an jenem Abend doch noch ins zwar ungeliebte, an diesem Abend aber ideale Astra-Kulturhaus geschleppt habe. Zu erleben gab es nicht einfach nur das Konzert eines Pop-Sängers, der sein neues Album promotet, es gab eine eindrucksvolle Demonstration: Seht her, sagte der sehr lässige, manchmal beschwingte, wahrscheinlich schwer betrunkene oder bedröhnte Albarn mit seiner Best-of-Damon-Show, ich bin nicht nur der ewige Britpop-Erbe und Blur-Sänger, ich bin einer der wichtigsten und besten zeitgenössischen Songwriter!

Nach Blur und Gorillaz, nach chinesischer Oper und anderen Ausflügen, zog Albarn mit seinem ersten Solo-Album Bilanz: Er kehrte zurück zu Kindheitserinnerungen in Leytonstone ("Hollow Ponds"), er schmunzelte über seine Afrika-Reisen ("Mr. Tembo"), er reflektierte traurig, aber nicht larmoyant unsere Abhängigkeit von Technik-Gadgets und die daraus resultierende Einsamkeit ("Lonely Press Play", "The Selfish Giant") und erkannte den modernen Menschen als Alltagsroboter. Mit der sieben Minuten langen Marimba-Melancholie "You And Me" offenbarte und verarbeitete er zudem seine Heroinsucht, aber eben nicht mit der immer aufgesetzten Selbstgerechtigkeit des Ex-Junkies, sondern mit der sanften Sehnsucht, die der Wahrheit näherkommt: "You can blame me, blame me, blame me, but when the twilight comes, it all goes 'round again".

Was Nick Caves "Push The Sky Away" für 2013 war, ist "Everyday Robots" für 2014: das große, erzählende, berührende, angelsächsisch geprägte Popalbum für die Ewigkeit. Holding on for tomorrow. (Andreas Borcholte)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Spoon - "They Want My Soul"
(Anti-/Epitaph/Indigo, erschienen im August)

Abschied ist ein leeres Wort, doch nach den triumphalen Deutschland-Konzerten hatte ich folgenden Gedanken: Britt Daniel kann die Band jetzt auflösen: Seit "Girls Can Tell" (2001) nur grandiose Alben! Spoon sind die Meister aller Klassen und Stile, sie erkennen messerscharf, dass niemand genug gesehen hat, aber alle zuviel. Und meinte Bobby Lieblings Freund und Manager nach dem Pentagram-Gig in New York ("Last Days Here", ihr kennt und liebt den Film seit 2011) nicht auch, er könne jetzt auf der Stelle tot umfallen, und es sei ihm wurscht, weil er alles erreicht habe?

"They Want My Soul" ist wieder mal der letzte Schrei, was vor allem daran liegt, dass Daniel absolut alles kennt und alles beherrscht: Disco, Blues, Krautrock, Funk, Soul, Indie-Rock, New Wave, Post-Punk, dazu noch sämtliche Gitarren- und Synthie-Phänomene, die irgendwas mit Übersteuern, Verfremden oder einem Drift ins Geisterhafte zu tun haben. Nennt mir mehr als zehn Tracks aus diesem Jahr, die unterkühlter, smarter, gescheiter und lässiger waren als "Knock Knock Knock", "Do You" oder "Rainy Taxi" - und ich nenne euch alle Spieler des FC-Barcelona-Kaders der Saison 2008/2009. "There ain't a thing I miss/ Not like your New York kiss/ Not like your New York kiss/ Now it's just another place/ A place your memory owns/ Right now I know no other time/ Right now I know no other place/ I say goodnight." Hat es an der Tür geklopft? Sie kommen. (Jan Wigger)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Flying Lotus - "You're Dead!"
(Warp/Rough Trade, erschienen im Oktober)

"You will never ever catch me, no, no, no", rappt Kendrick Lamar an einer Stelle auf dem fünften Album von Steven Ellison alias Flying Lotus. Man weiß nicht so genau wo, denn "You're Dead" überwältigt den Hörer mit Sounds, Klängen, Tönen und Sprachfetzen, die allesamt in irrsinniger Geschwindigkeit losgelassen werden. Das ganze Album ist nur eine knappe halbe Stunde lang, enthält aber 19 Stücke, auf denen neben Lamar auch Snoop Dogg und Jazzlegende Herbie Hancock zu hören sind.

Letzteres ist besonders bemerkenswert, denn das Feature des Altmeisters bedeutet Ellisons Ankunft in einem Genre, das er mit seinen letzten beiden Alben "Cosmogramma" und "Until the Quiet Comes" vom HipHop aus attackierte und renovierte. Nun taucht der Neffe von Alice Coltrane tief ein in den Free- und Fusion-Jazz, der ihn seit seiner Kindheit begleitet - und lässt Strukturen zerbersten. Kein anderes Album in diesem Jahr hat so viele schreibunte Farben (nicht nur die auf dem Irrsinns-Cover), verdichtet so viel Energie und Ideenreichtum in so wenig Zeit. Die Eile ist Programm, denn "You're Dead" ist neben seinen stilistischen Muskelspielen auch ein durchaus berührendes Narrativ über das Sterben und die Transzendenz.

Ausgelöst durch den überraschenden Tod des erst 22-jährigen Jazz-Pianisten Austin Peralta, enger Freund und Mitglied der Low-End-Theory-Posse von Los Angeles, aus der Flying Lotus stammt, erforscht Ellison seine Referenzwelt aus Comics, Manga, Computerspielen, HipHop-Kultur und Esoterik auf der Suche nach Sinn und Hoffnung. "You're Dead" wird so auch zum atemlosen hypervitalen Alles-auf-einmal, das der Vergänglichkeit ein Schnippchen schlagen will. Uneinholbar. (Andreas Borcholte)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Sleaford Mods - "Divide and Exit"
(Harbinger Sound/Cargo, erschienen im Mai)

Den besten Job im Musikgeschäft hat zurzeit Andrew Fearn. Nachdem der Brite sich jahrelang als DJ durch Nottinghams miese Pinten schlug, traf er 2007 in einer dieser Absteigen Jason Williamson. Der Musiker mit dem harten East-Midlands-Akzent hatte die Nase voll von den zahlreichen Bands, in denen er sich als Sänger versucht hatte, aber Fearns Beats mochte er. Zusammen gründeten sie Sleaford Mods. Und nun, knapp acht Jahre später, steht Fearn bei Konzerten eigentlich die ganze Zeit nur an seinem Laptop, drückt manchmal eine Taste, hat ansonsten aber die eine Hand in der Tasche seiner ausgebeulten Hosen, die andere hält eine Bierflasche. Zu dem, was aus dem Laptop dringt - schnelle, trockene, Stakkato-Beats, dumpf grummelnde Bässe und nagende Postpunk-Gitarren - bellt Williamson. zunehmend agitierter geballten Unflat ins Mikro: "I got an armful of decent tunes, mate/ But it's all so fuckin' boring".

Glasige Augen, rote Alkoholikerflecken im Gesicht, morgens schon besoffen sein, nörgeln, pöbeln, alles scheiße finden, dem Fernsehen, den Blockheads im Parlament oder am besten gleich David Cameron die Schuld geben: Sleaford Mods, die mit "Divide And Exit" dieses Jahr ihren völlig überraschenden Durchbruch erlebten, gelten vielfach als neue, mies gelaunte Stimme der britischen Arbeiterklasse, aber in der Welt, deren Bauchgefühl die beiden Mittvierziger artikulieren, gibt es schon längst keine Arbeit mehr, nur noch Alk-Läden und Pubs, die nach Pisse stinken.

All der Ärger, das Elend, der Selbstekel, die Frustration und der Sarkasmus der Desillusionierten, all das wird im Pöbelsound der Sleaford Mods ventiliert: "I woke up with shit in my sock outside the Polish off-licence/ 'They don't mind' said the arsehole to the legs", grölt Williamson in "Tied Up in Nottz" ("Nottz with a Z you cunt"), dem rasanten Rant, der zur Hymne wurde, auch wenn wohl bis heute niemand den Text richtig verstanden hat. Egal, das war beim Punk eh nie so richtig wichtig. Schade, dass Ian Dury das nicht mehr erlebt. (Andreas Borcholte)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Swans - "To Be Kind"
(Mute/Goodtogo, erschienen im Mai)

"Love! Now!Breathe! Now! Here! Now! Here! Now! Here! Now!" Nein, das ist kein Zitat aus einem Porno-Video, sondern das Refrain-Mantra aus dem ersten Stück des Swans-Albums "To Be Kind". "Screen Shot" heißt es, und bei der Methode der assoziativen Aufzählung bleibt es auch in der Strophe: Mouth, sand, teeth, tongue, cut, push, reach, inside, feed, breathe, touch, come", womit wir dann doch wieder beim Sex wären, aber auch beim Schmerz, beiGott, bei Wahn und Klarheit, bei Obsession und Askese, bei allem, was Swans-Oberguru und Cowboyhut-Träger Michael Gira so einfällt, wenn er sich nachts nackt in die Wüste New Mexicos legt und mit den Eidechsen über Peyote-Erfahrungen redet. Oder was immer Gira sonst so macht.

Die Musik von Swans ist nach dem überraschenden Comeback vor etwa vier Jahren vom experimentellen Noise- und Postrock zu einem suggestiven Fiebertraum mutiert, die Band reifte zur "Supergroup der musikalischen Komplettüberwältigung", wie der geschätzte Kollege Jens Balzer es noch resteuphorisch, aber wie immer treffend nach dem Konzert im Berghain in der "Berliner Zeitung" schrieb. Gleich zweimal traten Swans im Oktober im sogenannten Techno-Tempel auf, der sich längst als eine der besten Konzert-Locations der Hauptstadt etabliert hat, auch für nicht-elektronische Musik - und entfesselten mit langsam ansteigender Intensität einen alle Sinne betörenden Orkan aus dröhnenden Gitarren, schleppend-hypnotischem Trommeln und Giras erratisch ins Volk geworfenen Botschaften aus dem Synapsen-Nirwana: Heulend, bellend, schluchzend, knurrend, schleifend, knirschend.

Gerade mal eine Handvoll Stücke, Songs sind es ja nicht, ein paar davon auch vom grandiosen, in alle Winkel der Psychedelik wabernden Album "To Be Kind", schaffte die Band in knapp drei Stunden, danach fühlte man sich geläutert und gereinigt wie nach einer Behandlung mit dem Sandstrahler: Freigelegtes Fleisch, offenes Herz, unbeengte Seele, Frieden, at last. A moment of clarity. (Andreas Borcholte)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Die ersten fünf Platten des Jahres verpasst? Hier klicken, um zu Teil 1 der wichtigsten Alben 2014 zu gelangen!

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Steve Love 30.12.2014
1. meine wichtigsten Musik des Jahres
Meine Top 10! 1. Sharon Van Etten "Are We There Black" 2. The War On Drugs "Lost In The Dream" 3. Tingvall Trio "Beat" 4. Jenny Lewis "The Voyager" 5. Kate Tempest "Everybody Down" 6. Steven Price OST "Gravity" 7. The Barr Brothers "Sleeping Operator" 8. Camera "Remember I Was Carbon Dioxide" 9. Amy Lavere "Runaway's Diary" 10. Dean Blunt "Black Metal"
blurps11 30.12.2014
2.
Kein D'Angelo ? Keine Temples ? Kein Morrissey ? Naja, immerhin The War on Drugs...Der Rest, geschenkt.
aschie 30.12.2014
3.
Und hier meine auch wenns keinen interresiert 1.The Black Keys - Turn Blue 2.linking park -The Hunting Party 3.juli - Insel 4.Johnny Marr - Playland 5.Kraftklub - in Schwarz 6.Nickelback - No Fixed Adress 7.Cro - Melodie(Is mir bischen Peinlich aber was solls) 8.Beatsteaks - Beatsteaks 9.AC/DC - Rock Or Bust(Hääte ich echt nicht gedacht aber die Platte is wirklich gut m.m.) 10.Jennifer Rostock - Schlaflos Insgesammt aber sehr schlechtes Jahr AC/DC ist in meinen Top Ten
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.