Abgehört 2014 Die wichtigste Musik des Jahres

Das beste deutsche Album 2014 kommt aus Stuttgart, die beste Rap-Platte ist nicht von Haftbefehl und die aufregendste Elektropop-Prinzessin heißt fast wie ein Schokoriegel. Unglaublich? Hier sind die wichtigsten Pop-Platten des Jahres! Heute: Teil 1.
Von Andreas Borcholte und Jan Wigger

Die Nerven - "FUN"
(This Charming Man/Cargo, erschienen im Februar)

Würde man sich auch nur im Geringsten für Volksmusik und Heimatpflege interessieren, könnte man sagen: So viele tolle Platten in einem einzigen Jahr gab es aus unserem beknackten Land schon ewig nicht mehr. Als die Apokalypse das Großraumgebiet Stuttgart erreichte, hatten Die Nerven Henry de Montherlants Sinnspruch, nach welchem in der Moral nur die Absicht, in der Kunst aber nur das Ergebnis zähle, bereits mit scheppernden, zerrenden Gitarren und Texten, die den harten Fakten starr ins Auge glotzten, lachend eingerissen. "FUN" war noch besser, noch brutaler als "Fluidum": Zu dritt hinunter in den Abgrund der täglichen Zumutungen, denn "das ist immer noch dein Leben, auch wenn du selbst nichts mehr entscheidest".

Schwachstellen gab es auf diesem Album nicht, dafür blaue Flecken, die niemals heilen, eine Art von Freiheit ("Ich erwarte nichts mehr") und das völlig brillante "Nie wieder scheitern": "Eine Welt aus Styropor/ Für alles andere waren wir zu feige". Mein Vorschlag: "FUN" hören, sich selbst ein Glasgow Smile aufs Gesicht pinseln, und dann Richard Sennetts "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens: Die Tyrannei der Intimität" lesen, oder alte Interviews mit Tilman Rossmy (Stimmt, ich habe es 2002 schon zitiert, aber ich zitiere es noch einmal: "Patti Smith hat irgendwie gesagt: Außerhalb der Gesellschaft, außerhalb des Systems warten sie auf dich, und ich hab das geglaubt. Aber als ich da hin bin, war da niemand."). Und morgen? Morgen brecht ihr aus. (Jan Wigger)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Run the Jewels - "Run the Jewels 2"
(Mass Appeal/Groove Attack, erschienen im November)

Tja, Leute, Schluss mit lustig. Das vor Jahresfrist erschienene Debüt von Run the Jewels, damals noch als Mixtape veröffentlicht, war vor allem Hommage an HipHop-Topoi und Old-School-Beats, eine stilistische Fingerübung, wenn man so will. Inzwischen ist den skelettierten Händen auf dem Cover ein bisschen Fleisch auf die Knochen gewachsen, und ein paar blutige Bandagen gab es auch: "Run the Jewels 2" wirkt nicht nur gestalterisch aggressiver als sein Vorgänger, die Ironie weicht mehr und mehr dem Bewusstsein, dass die soziale Lage wirklich ernst ist auf Amerikas Straßen, die coole Pose wird zum Protest.

Tracks wie "Early" (über alltägliche Polizeigewalt) oder "Close your Eyes (and Count to Fuck") (über einen fiktiven Gefängnisaufstand gegen weiße Wärter) spiegeln die jüngsten Ereignisse in Ferguson oder New York wider, der alarmistische Flow erinnert an längst überholt geglaubte Szenen aus den Kriegsgebieten, die NWA oder Public Enemy einst beschrieben. "Lie, Cheat, Steal" rechnet mit dem Verfall der Moral ab, "Crown" und "Angel Duster" reflektieren die ungebrochene Herrschaft der Drogen über das Prekariat.

Der schwarze Rapper Killer Mike und sein weißer Produzent und Kompagnon El-P positionieren sich mit ihrem nervösen, nach Pulverdampf und brennenden Barrikaden riechenden zweiten Album aber nicht nur als Chronisten steigender sozialer Spannung, sie profilieren sich auch musikalisch als versierte Vertreter ihres ständig evolvierenden Genres. "Run the Jewels 2", mit Gastbeiträgen von Three Six Mafias Gangsta Boo und Zack De La Rocha reichlich retrospektiv, nickt mal zum Indie-Rock, mal zu EDM rüber, folgt aber dennoch souverän seinem auf dem Debüt festgelegten Soundpfad. Gute Rap-Alben gab es zahlreiche und sehr unterschiedliche in diesem Jahr, von Shabazz Palaces über Ratking bis zu Vince Staples und Schoolboy Q. Aber keines groovte mit mehr furchterregender Eleganz auf apokalyptischen Beats wie dieses. (Andreas Borcholte)

The War on Drugs - "Lost in the Dream"
(Secretly Canadian/Cargo, erschienen im März)

Viele Menschen haben "Lost in the Dream" in diesem Jahr sehr oft gehört, so auch ich. Am Ende, es war sicher schon Dezember, nahmen diese auf die bestechendste, sonderbarste Art und Weise zeitlosen (jawohl!) Songs so viel Raum in meinem Zimmer ein, dass ich irgendwann durch eine Ritze in die Wand verschwand, nicht ohne an all die anderen rauhen und hellen Kehlen zu denken, die "Under The Pressure", "Eyes To The Wind", "Burning" und "Red Eyes" in einem früheren Leben, hinter der Realität, schon einmal gesungen haben mussten: Bob Dylan auf "Infidels", Mark Knopfler auf "Brothers in Arms", Bruce Springsteen auf "Tunnel of Love" und Tears for Fears auf "The Hurting".

Gerade deshalb werden hier weder Sammler von Porzellangiraffen noch Fans von "schrecklichem Erwachsenen-Pop" (Meine Tochter Winifred, 13), noch Leute, die eigentlich gar keine Musik hören, fündig: Nein, Adam Granduciel ist der Mann, dessen Zukunft bereits aufgebraucht ist, er rebelliert mit besinnungsloser Leidenschaft gegen das organisierte Verbrechen, den grässlichen "Ich will dich so stark, Baby"-Gefühlsmüll, und nicht zuletzt gegen das eigene Zerfallen. Jeder Song ist sein letzter Song, und aus dem Blaumeer winken seine Blicke. Zu pathetisch? Trust me, this is all made up. (Jan Wigger)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

FKA Twigs - "LP 1"
(Young Turks/XL/Beggars/Indigo, erschienen im August)

Wir prophezeien es ja schon ein bisschen länger (wer hört schon auf uns?), aber in diesem Jahr haben sich auf internationaler Ebene tatsächlich die Frauen als maßgebliche Player der Popmusik etabliert. Klar, da gibt es auch noch letzte Zuckungen von Königin Beyoncé, Hofnärrin Gaga und Kaiserin Madonna, 2014 positionierten sich aber gleich mehrere Prinzessinnen des Elektronik-Genres als Thron-Anwärterinnen. Banks als gefühlvolle R&B-Songwriterin, Kiesza als sympatisch-zappelige Neo-House-Diva, Lorde, die mit ihren enigmatischen Live-Shows letztgültig ihren Status als Superstar zementierte, Iggy Azalea und Azealia Banks, die trotz Twitter-Zwist gleichermaßen den Ton angeben im weiblichen R&B und Rap. Ach, und haben wir eigentlich schon über Hannah Diamond gesprochen? Machen wir noch. Bald.

Und dann gab es natürlich noch Tahliah Barnett alias FKA Twigs. Die im Januar 26 Jahre alt werdende Britin aus Gloucestershire bewies mit ihrem Debüt-Album "LP 1", nicht nur, dass sie eine aufregende Sängerin und eine verlässliche Songwriterin ist, die ihre Themen aus dem emotionalen Minenfeld des Genderkriegs schöpft, sie zeigte sich auch als souveräne Produzentin. Während die gemeinhin männliche Kritikergemeinde nämlich noch mutmaßte, die zerbrechlich wirkende Balletttänzerin sei lediglich Muse des Producers Arca, der ihre beiden ersten EPs mit signifikant knurpselnden Beats versehen hatte, hatte Barnett sich für ihr erstes Album längst selbst alle nötigen Skills draufgeschafft. Arca, der inzwischen übrigens sein ziemlich gutes Album "Xen" veröffentlicht hat, fiel nur noch eine marginale Rolle in den Album-Credits zu.

So beschützenswert und nach offenen Wunden an Seele und Herz die Musik von FKA Twigs auch klingen mag, dahinter steckt eine selbstbewusste Bühnen- und Studio-Persönlichkeit, die schon davon träumt, eigene Tanzperformances und Musicals zu inszenieren. It's a girls' world. (Andreas Borcholte)

Lesen Sie hier unser Porträt von FKA Twigs nach!

Mono - "The Last Dawn" + "Rays of Darkness"
(Pelagic/Cargo, erschienen im Oktober)

Es gibt sie noch immer: Die Band, zu der mir zeitlebens alle Worte fehlten, die Band, die weiß, dass wir mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit aber nicht mit uns; die Band, die erkannt hat, dass Traurigkeit das edelste (und schwächste) Gefühl ist und hinter allem, was gesprochen wird, auch das Unausgesprochene mithört. Nach den Meisterwerken "Hymn to the Immortal Wind" und "For My Parents" erschienen im Herbst gleich zwei Platten von Mono: "The Last Dawn" und "Rays of Darkness", beide phantastisch. Die Kritiken in Deutschland waren gelinde gesagt eher gemischt, natürlich war oft von "Kitsch" (was immer das auch sein soll) die Rede, zuweilen schaute zwischen den Zeilen auch die Angst hervor, man könne sich irgendwie unangenehm oder gar unterhalb seines intellektuellen Niveaus berühren lassen.

Doch in der Nacht und allein entstehen die erratischen Monologe, die bleiben (Ingeborg Bachmann, genau), und Mono bleiben ja allein schon deshalb, weil sie mal nicht leben, mal aber auch nicht sterben wollen, weil ihre Karriere ein einziges "Say goodbye, don't follow" aus Klängen formuliert, ein Taumeln und Loslassen, bedeutende, wortlose Poesie eben, freudvoll und leidvoll, glücklich und betrübt, wie "Recoil, Ignite", "Cyclone" oder "The Land Between Tides".

Ich bleibe dabei: Diese Musik (nur zu, nennen Sie es halt Post-Post-Rock) kann ausdrücklich nur aus Japan und nur von Mono stammen. Setzen Sie sich in Yokohama in den Zug und fahren Sie nach Süden, bis die Tabletten nicht mehr wirken. One step more and you die. (Jan Wigger)

Lesen Sie hier unsere Original-Rezension nach!

Wie, nur fünf!? Das war natürlich noch nicht alles! Lesen Sie am kommenden Dienstag, dem 30.12., den zweiten Teil unserer Jahres-Ausgabe von "Abgehört" mit fünf weiteren Top-Alben und den Lieblings-Songs unserer Autoren!

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