Abgehört Die fünf wichtigsten CD-Veröffentlichungen der Woche

Kaufen oder nicht kaufen? Jeden Montag stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten Platten der Woche vor. Heute dabei: Kelis, Bush, Ferris MC, The Moldy Peaches und The Fall.

Von Jan Wigger


Kelis - "Wanderland"
(Virgin)

Ein alter Hut als Tip für die In-Crowd: Richtig liegt immer noch nur der, der den Namen "Kelis" wie das deutsche Wort "Verlies" betont. Für den nächsten Szene-Smalltalk im Hinterkopf behalten, das gibt Punkte. Davon abgesehen ist es der erst 21-jährigen Pfarrerstochter aus Harlem mit "Wanderland" gelungen, das gefeierte Debüt "Kaleidoscope" noch zu übertreffen. Die glasklare und dennoch angenehm raue Produktion des Erfolgsteams Pharrell Williams und Chad Hugo (The Neptunes) passt hervorragend zum R&B/Funk/Soul-Gemisch des aufmüpfigen Jungstars. Zwar hätte man die Kollaboration mit No Doubt in Form des aufdringlichen "Perfect Day" noch mal überdenken sollen, Songs mit den Hitqualitäten von "Caught Out There" oder "Get Along With You" gibt es jedoch auch so in Hülle und Fülle.

Kelis - Homepage bei Virgin Music mit Videos und Soundfiles


Bush - "Golden State"
(Atlantic/Eastwest)


Ein jeder, der in der Vergangenheit erklärte, Fan von Bush zu sein, wurde von der immer noch rege aktiven Independent-Polizei stante pede für verdächtig erklärt und mit bösen Blicken abgestraft. Dabei lauscht der oftmals unangenehm selbstgefällig schwadronierende Sänger-Beau Gavin Rossdale daheim den Pixies, Fugazi und My Bloody Valentine. Auf den kraftstrotzenden Rock der Briten, der auch auf "Golden State" in etwa zwischen Nirvana und Pearl Jam changiert, hat dies jedoch noch immer keinen Einfluss genommen. Das mag man beklagen. Trotzdem ist Bush neben zahlreichen, leidlich originellen Uptempo-Songs auch diesmal wieder eine wunderhübsche Ballade namens "Inflatable" gelungen. Dafür den goldenen "Glycerine"-Orden am Bande.

Bush - Homepage bei Eastwest Records mit Soundfiles und Video

Ferris MC - "Fertich!"
(Yo Mama/Zomba)


Ein Verriss für Ferris: Der selbsternannte derbste Macker unter allen Freaks und Proleten ist zurück und hat diesmal gleich eine ganze Stunde Gossen-Romantik, Asi-Aphorismen und eine tote Ratte (im Booklet) mitgebracht. "Ich kann keine Liebeslieder schreiben, ich kann nur mit dem Pimmel denken", weiß das Mongo-Monster und produziert haufenweise redundante Irrenhaus-Phantasien, die bestenfalls zu prompter Übermüdung führen. "Scheiß' auf Plattenkritiken und spül' sie das Klo runter" poltert es grenzdebil zu den selbstredend fettesten Beats weit und breit. Erst spät, dann nämlich, wenn man schon gar nichts mehr merkt, gewährt der Chauvi uns die wohlverdiente Ruhe: "Es gibt nix mehr zu bereden bis zur nächsten LP". Take your time, Dicker.

Ferris MC - offizielle Homepage mit Video, Sound und Info

The Moldy Peaches - "The Moldy Peaches"
(Rough Trade Records)


Adam Green und Kimya Dawson alias The Moldy Peaches sind gute Freunde der ebenfalls aus New York stammenden Combo The Strokes. Und wie die Strokes, sollte man auch den irgendwie trashigen Folk des milde subversiven Duos unbedingt live erlebt haben: Der jungenhafte Green sieht im grünen Filzkostüm aus wie eine Kreuzung aus Robin Hood und Kermit dem Frosch, die korpulente Dawson trägt ein Katzenkostüm. "Just because I don't say anything, doesn't mean I don't like you" haucht Dawson zur Akustischen ins Mikro und kurz darauf folgt eine Krach-Vignette im Stile von Velvet Underground. "The Moldy Peaches": 19 Stücke voller Überraschungen, vordergründig alberner Texte und dem endgültigen Party-Hit "Who's Got The Crack". Bitte berühmt werden.

The Moldy Peaches - offizielle Website

The Fall - "Are You Are Missing Winner"
(Cog Sinister/Voiceprint/EFA)


Neulich beim Konzert von The Fall: Während seine recht jungen Schergen gramgebeugt die Instrumente bedienten, schritt der wahrscheinlich missgelaunteste und unwirschste Mensch Englands ruhelos die Bühne ab. Das Gesicht zerfurcht, der Rücken bucklig. Von der Besetzung des letzten Albums "The Unutterable" hat Mark E. Smith erwartungsgemäß nur den Leadgitarristen behalten, doch auch der hat Angst vor ihm. "Are You Are Missing Winner" ist wieder eine dieser mittlerweile rund 30 The Fall-Veröffentlichungen, mit der Smith wohl keinen einzigen neuen Anhänger gewinnen wird. Glühende Verehrer des Lärm-Pops dagegen werden Ihnen gern erklären, warum sich die Platten des Mancunian überhaupt nicht gleich anhören und rundheraus behaupten: The Fall sind die beste Band der Welt. Zumindest für die nächsten vier Wochen.

The Fall - offizielle Website

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