Abgehört Die fünf wichtigsten CDs der Woche

Kaufen oder nicht kaufen? Einmal in der Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten Neuerscheinungen vor. Heute dabei: Blur-Gitarrist Graham Coxon, Pop-Legende Rick Astley, das soziale Soul-Projekt Brothers Keepers, die US-Rocker Spoon und die HipHop-Veteranen De La Soul...

Von Jan Wigger


Brothers Keepers - "Lightkultur"
(WEA)


Der immens erfolgreiche Weckruf "Adriano (Letzte Warnung)" war glücklicherweise nur der Auftakt zu einem in dieser Form noch nicht dagewesenen und mittlerweile weltumspannenden Zusammenschluss meist afrodeutscher Musiker zur Bekämpfung des alltäglich gewordenen Rassismus. Auf Albumlänge spielen vor allem Tyron Ricketts ("Afrodeutsch') und die Sisters Keepers mit ihrem beherztem Soul ("Liebe & Verstand") auf internationalem Niveau. Natürlich mehrsprachig und mit der nötigen Verve gehen unter anderem auch Torch, Samy Deluxe, Xavier Naidoo und sogar Ziggy Marley an den Start. Bereits im April soll ein weiterer Longplayer der höchst abwechslungsreichen All-Star-Kongregation nachfolgen. Auch dann gilt wieder: Der Reinerlös wird gemeinnützigen Projekten zugeführt.

Brothers Keepers - offizielle Website mit Soundfiles und Videos
"Brothers Keepers"-Projekt: "Wir wollen hier nicht den schwarzen Mob machen"


Graham Coxon - "Crow Sit On Blood Tree"
(Parlophone/EMI)


Nobody knows the trouble he's seen. Wandelte der scheue Blur-Gitarrist Graham Coxon auf "The Sky Is Too High" noch auf den Spuren von Nick Drake, klang der wüste Nachfolger "The Golden D" beinahe wie ein unerwartet aufgetauchtes "lost album" von Iggy And The Stooges. Sowohl der Titel als auch das Gekrakel auf dem Cover von Coxons drittem Solo-Versuch gemahnen nun an den Autisten Bill Callahan (Smog), der freilich immer noch um Längen isolierter als Coxon musiziert. Auf "Crow Sit On Blood Tree" geht es dem Briten wieder deutlich mehr um innere Einkehr als um Katharsis. Ein gewitztes Psychedelic-Rock-Revival, ein paar Blues-Reminiszenzen, viel Ruhe, wenig Sturm. Der Einzige, den diese zwölf fabelhaften Stücke langweilen könnten, ist Damon Albarn.


Rick Astley - "Keep It Turned On"
(Polydor/Universal)


Was machen eigentlich Stock, Aitken & Waterman? Zumindest schreiben sie keine Songs mehr für Rick Astley, denn als der davon hörte, dass der Posten als weltweite Nr.1 der von bangen Müttern am dringlichsten gewünschten Schwiegersöhne vakant ist, ließ er sich wieder auftauen, streifte sich eine türkisfarbene Trainingsjacke über und gelobte, fortan nicht nur einige, sondern alle Titel alleine zu verfassen. Wer nun glaubt, "Keep It Turned On" sei eine Katastrophe Geri Halliwellschen Ausmaßes geworden, hat sich leider geschnitten. Zwar darf man den Mann, der in den Achtzigern nicht mal zur Koketterie getaugt hat und exakt genauso aussieht wie vor 13 Jahren, für seine Dichtkunst getrost belächeln, Midtempo-Stücke und Balladeskes aber beherrscht Astley immer noch. Wir warten auf die Weihnachtssingle...

Rick Astley - offizielle Website mit Soundfiles


Spoon - "A Series Of Sneaks"
(12XU/Zomba)


Zu Jahresbeginn erschienen, war "Girls Can Tell" von Spoon aus Austin/Texas das exzellente, aber weitestgehend ignorierte Zeugnis eines in der Rock-und Pop-Historie der letzten vierzig Jahre stupend bewanderten Quartetts. Der hochintelligente und unwiderstehliche Stil-Mix zwischen Pavement, Pixies, The Jam und den Kinks ist diesmal zwar knapper und deutlich wilder, aber nur scheinbar unstrukturierter geraten. Des Rätsels Lösung: Bei "A Series Of Sneaks" handelt es sich um gleich 17 ältere, in Europa bislang unveröffentlichte Stücke der aufgeweckten Amerikaner um Songschreiber Britt Daniel. Überflüssig zu erwähnen, dass Spoon schon vor vier Jahren den meisten anderen, ähnlich gelagerten Bands meilenweit voraus waren.

Spoon - offizielle Website mit MP3-Files
Spoon bei 12XU-Records (mit Soundfiles)


De La Soul - "Bionix"
(Tommy Boy/Eastwest)


HipHop, wohin gehst Du? Die Antwort auf diese Frage kennt anno 2001 wohl wirklich nur der von Grasgeruch durchzogene Wind. Daher sollte man innehalten, ehe man auf De La Soul einprügelt und das Trio aus Long Island ins Reich der Vergangenheit verdammt. Immerhin: Mit "Bionix" legen die Rap-Veteranen den zweiten Teil der versprochenen Trilogie "Art, Official, Intelligence" hin, der sich hinter dem Vorgänger "Mosaic Thump" nicht verstecken muss (wohl aber hinter De La Soul-Klassikern wie "Three Feet High And Rising" oder "De La Soul Is Dead"). Aus der gängigen Arbeitsweise der HipHopper machen De La Soul seit neuestem eine Tugend und laden sich haufenweise Gäste ins Studio (Slick Rick, B-Real), die sich nach Lust und Laune austoben dürfen und somit für eine stilistische Vielfalt sorgen. Gekoppelt mit dem immer noch schön schrägen Humor der drei Rapper, ergibt sich daraus vielleicht nicht der HipHop-Weisheit letzter Schluss, aber ein äußerst unterhaltsames Album. Andreas Borcholte

De La Soul bei Tommy Boy Records (mit Soundfiles, Videos etc.)
De La Soul: HipHop mit Dot.com-Ästhetik


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