Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: die britischen TripHop-Epiker Archive, die kalifornischen Rocker von Sense Field, die Berliner Elektro-Frickler Jazzanova, Moldy-Peaches-Frontmann Adam Green und die beiden kunstvollen neuen Alben des Songwriter-Genies Tom Waits.

Von Jan Wigger


Archive - "You All Look The Same To Me"
(Eastwest/Warner Bros.)


Recht originell war der TripHop des britischen Trios, das für "You All Look The Same To Me" wiederum einen neuen Vokalisten rekrutiert hat, zwar auch früher schon, aber den ultimativen Größenwahn haben sich Archive bis zur dritten Platte aufgespart: Das Flimmern, Flirren, Sirren und Fiepen auf den zum Teil die Viertelstunden-Grenze sprengenden Lehrstunden in Sachen Bombastik ist schon einzigartig. Natürlich kann man ihnen für Pink-Floyd-Reminiszenzen wie "Again" den Kitsch-Vorwurf machen, jedoch ist das Songwriting von Archive sicherer und besser als je zuvor. TripHop ist das jedenfalls nicht mehr, überhaupt schlagen die Kategorisierungsversuche ob dem so geballten Abwechslungsreichtum von "You All Look The Same To Me" zumeist fehl. Fragen wir doch in ein paar Jahren noch einmal nach...


Adam Green - "Adam Green"
(Rough Trade/Sanctuary)


Auf das Solo-Album von Adam Green zu verzichten hieße, einen ebenso großen Fehler zu begehen, wie die Moldy Peaches auf ihrem schon sehr bald bevorstehenden Deutschland-Abstecher zu verpassen. Ohne seine bessere Hälfte Kimya Dawson (deren Soloversuch in Kürze folgt) spielt Green rührenden und zumeist sehr leisen Jungs-Folk. "Everything was wasted, tasted, face it, kid - you were never what they wanted" heißt es so treffend in "My Shadow Tags On Behind", und auch fast unerträglich Schönes wie "Bartholemew" muss man einfach gehört haben. Großartig auch die Lou-Reed-Hommage "Baby's Gonna Die Tonight": "And it don't mean I don't love you/ when I put a gun to your face." New York und kein Ende - aber einer geht noch. Mindestens.


Tom Waits - "Blood Money"/"Alice"
(Anti/Epitaph)


Schon mal versucht, mit einem Tom-Waits-Song eine Frau ins Bett zu kriegen? Funktioniert natürlich nicht. Die oft schon jahrelang geschulten Waits-Ignoranten fürchten jedes neue Lebenszeichen des erratischen Genies und verweisen nicht selten unreflektiert auf das "unhörbare Whisky-Geklöppel" des Meisters der Selbstinszenierung. Ist es da nicht besonders schön, dass es jetzt gleich zwei neue Waits-Alben gibt? Sowohl "Alice" als auch "Blood Money" gehen auf zwei gemeinsam mit Robert Wilson realisierte und aufgeführte Theaterstücke zurück, die Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" respektive Georg Büchners "Woyzeck" als Inspirationsquelle nutzten. Der Charme von "Blood Money" ist etwas herber als jener von "Alice", auf beiden Platten befinden sich Stücke, die zum Besten gehören, was Tom Waits seit "Rain Dogs" (1985) verfasst hat. Und das will wahrlich etwas heißen.


Sense Field - "Tonight And Forever"
(Nettwerk/EMI)


Den Querelen mit ihrem früheren Label ist es geschuldet, dass "Tonight And Forever" nun erst mit einigen Jahren Verspätung auf den Markt geworfen wird. Eine geradezu tragische Verzögerung, wenn man bedenkt, dass bereits auf ihren frühen EPs hochemotionale Tränentreiber wie "Voice" oder "Dreams" zu finden waren, die man nicht gerade zwischen Tür und Angel schreibt. Ob die Kalifornier jetzt noch reüssieren können, bleibt fraglich: In künftigen Band-Hymnen wie "Save Yourself" oder "Weight Of The World" leidet Jonathan Bunch immer noch ganz vortrefflich, Muskelübungen wie "Fun Never Ends" dagegen kommen der ubiquitären Plage Nu Metal gefährlich nahe. Trotzdem gilt: Wer einst ein Album wie "Building" hinbekommen hat, mit dem ist auch in der Zukunft zu rechnen - wenn die Plattenfirma mitspielt.


Jazzanova - "In Between" (Compost/Puplic Propaganda)


Auf das Debüt-Album des Berliner DJ-Kollektivs Jazzanova hat die Elektronik- und Lounge-Szene lange gewartet. Zu lange vielleicht, denn nach allerlei luftigen Remixen und Singles waren die Erwartungen hoch, so hoch, dass kein noch so perfektes Album ihnen gerecht werden konnte. An Perfektion mangelt es auf "In Between" immerhin nicht: Zusammen mit illustren Gastkünstlern wie Vikter Duplaix, Barbara Rucker und Rob Gallagher sind 17 Stücke entstanden, die den gewohnten Klangkosmos aus Jazz, Fusion, Elektro und Bossa ausfüllen und mit erlesenen Arrangements und exzellenter Produktion glänzen. Hinter dem glatten Glanz verbirgt sich jedoch eine gewisse Kälte und Emotionslosigkeit, was daran liegen könnte, dass es die Jazzanovas in bester deutscher Tradition etwas zu gut gemeint haben. So bleibt verfrickelter und verkopfter Klassiker des hiesigen Nu-Jazz-Genres, der zweifelsohne in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte. Ob man ihn oft aus dem Regal herausholt, ist eine andere Frage... Andreas Borcholte


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