Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Retro-Soul von International Pony, Agit-Pop von Primal Scream, NDW-Zitate von Mia, melancholische Gitarren von Pale und Schrammeliges von Slut.

Von Jan Wigger


International Pony - "We Love Music"
(Columbia/Sony Music)


Schöne Tage waren das, als Fischmob-Mitglied Stachy plötzlich mit den Masterbändern der Hamburger HipHop-Sensation verschwand, als J.Mascis von Dinosaur Jr. auf "David" Gitarre spielte und Koze hinter der Bühne sein Gesicht mit grünem Glibber benetzte, um Journalisten zu erschrecken. Für das International-Pony-Debüt "We Love Music" haben sich Cosmic DJ und DJ Koze nun den Dampforgler und Hobbyzeichner Erobique dazugeholt, den es von Münster nach Hamburg zog. Die alles in allem 16 Tracks auf "We Love Music" mag man Soul nennen oder R&B, wenn auch in wundersam glänzendem Retro-Gewand. Ein aufgewecktes Stil-Gemisch wie dieses hätte man sich durchaus auch beim Hamburger Label Ladomat vorstellen können - doch ob in kleinerem Rahmen oder bei der Großindustrie: Reinreden lassen werden sich Koze, Cosmic und Erobique nirgendwo.


International Pony - Homepage bei Columbia Records


Mia - "Hieb und StichFest"
(Columbia/Sony Music)


Zuletzt beschwerte sich sogar der ein oder andere Lohnschreiber darüber, dass man Mia ständig mit Ideal vergleicht. Gibt ja Schlimmeres, findet Mieze, die Sängerin der Berliner Band, die sich noch einen Mann mehr in der Band hält als früher Annette Humpe und auf "Hieb und StichFest" so erfrischend Forderungen stellt, dass man den nicht bei jeder Gelegenheit konsumierbaren Quietsch-Pop von Paula und 2-Raum-Wohnung erst einmal erfolgreich verdrängen kann. Die großartige Single "Alles neu" oder "Skandal" lassen einen noch mal bedauern, dass es ewige Zweite wie Concord mit ähnlicher Haltung nie ganz geschafft haben. Bis uns Surrogat, die beste Band der Hauptstadt, wieder in die Vorhölle des Riff-Rocks entführen, kann man sich mit Mia ganz vortrefflich die Zeit vertreiben.


Mia - offizielle Website mit Audio und Video


Pale - "How To Survive Chance"
(Defiance/Zomba)


Würde man überraschend nach einflussreichen Rock-und Pop-Musikern aus Aachen gefragt, das darauf folgende Kopfzerbrechen würde sehr, sehr lange andauern. Pale kommen immer noch genau dorther, sind grundsympathisch und vielleicht sogar zu nett, um etwas wirklich Zwingendes zustande zu bringen. Diese Theorie jedoch ist nur solange haltbar, bis man "How To Survive Chance" das erste Mal gehört hat. Es gibt blitzgescheites Piano-Geklimper im Stile Ben Folds ("Karaoke Queen") und introvertierte Texte ("Everytime You Say ,Hey'") zu hören, für die Sänger und Gitarrist Holger Kochs bereits einen Geheimplan entworfen hat: "Am besten ständig unglücklich verliebt sein". Den Jam-Klassiker "A Town Called Malice" haben sie auch schon gecovert - das müssen feine Kerle sein.


Pale - Homepage bei Defiance Records


Slut - "Nothing Will Go Wrong"
(Virgin/EMI)


Man glaubt zu wissen, warum "Nothing Will Go Wrong", das neue Album der Ingolstädter Slut, genau so klingt, wie es klingt: "Lookbook" war rückblickend doch etwas schlapp geraten, Sänger und Architekt Chris Neuburger wollte mal wieder brüllen wie auf "Grindcutter", einem fiesen Song ihrer schlechterdings kaum bekannten Überflieger-Platte "For Exercise And Amusement". Das tut er nun nur ein, zwei Mal, was wohl genug war, um einen Stadtzeitungsmenschen gleich etwas von "Nu-Metal" faseln zu lassen. Richtig ist: Es geht zwar einerseits wieder brachialer zu, andererseits fehlen aber auch die durchweg unpeinlichen Balladen nicht, die auch diesen Slut-Longplayer wieder zu einem gelungenen machen. Auf "One More Day" schrammelt man wieder wie The Notwist zu Zeiten von "Nook", während "I Can Wait" leider in Sekundenschnelle als Radiohead-Rip-Off ("Everything In Its Right Place") enttarnt werden kann. Nicht grämen: Hätte ja auch klappen können.


Slut - offizielle Website


Primal Scream - "Evil Heat"
(Columbia/Sony Music)


"Evil Heat". Keinen besseren Titel kann es geben für "die neue Primal Scream", die in Großbritannien immer noch ein Ereignis ist, das die Bescheidwisser in Rekordzeit die Läden stürmen lässt. Mit Primal Scream konnte man noch nie etwas falsch machen und wer dem Drogenkopf Bobby Gillespie die Genialität abspricht, muss damit rechnen, mit dem Doppel-Live-Album von Muse in ein Kämmerlein gesperrt und erst bei reuiger Abbitte wieder entlassen zu werden. Davon abgesehen hat Gillespie es natürlich auch diesmal wieder geschafft: "Evil Heat" ist ein hundsgemeiner, grollender Bastard aus Krautrock ("Autobahn 66"), Punk-Travestie ("Rise") und unnachgiebigem Rave. Kate Moss singt Nancy Sinatras Part in Lee Hazlewoods "Some Velvet Morning", Ian Brown, die Gallaghers und wer sonst noch was auf sich hält, werden Bobby gratulieren, in Deutschland wird es wieder keiner kaufen.


Primal Scream - offizielle Website


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