Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die fünf wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Dave Grohl und seine Foo Fighters, Einzelgänger Richard Ashcroft, Unausgegorenes von Death In Vegas, Suizidgefährdendes von The White Birch und jede Menge Re-Issues von den Einstürzenden Neubauten.

Von Jan Wigger und Andreas Borcholte


Foo Fighters - "One By One"
(RCA/BMG Ariola)


Nach dem doch eher durchwachsenen letzten Versuch "There Is Nothing Left To Lose" (1999) haben wir Dave Grohl, neuerdings Aushilfs-Drummer der Queens Of The Stone Age, zwar nicht gerade vermisst, erwarten aber von jedem neuen Album der Foo Fighters, so auch von "One By One", in jedem Fall Überdurchschnittliches. Just in der Sekunde, in der man die ersten Töne vom Opener "All My Life" zum ersten Mal höre, wisse man, dass "One By One" das ultimative Werk einer Band ist, die neue Maßstäbe setzen wird, wirbt die Plattenfirma ebenso erwartungsfroh wie unzutreffend. Wir wissen höchstens, dass mit "All My Life", einem von bestenfalls vier geglückten Stücken, die richtige Single ausgewählt wurde. Auch wissen wir, welch fabelhafte Songs Grohl eigentlich zu schreiben in der Lage ist: "I'll Stick Around", "Hey, Johnny Park!", "Good Grief" oder "Everlong". Wer auf "One By One", einer enttäuschenden, streckenweise sogar aufdringlichen vierten Foo-Fighters-Platte, ähnliche Geniestreiche findet, der sage bitte Bescheid.


Foo Fighters - offizielle Website


The White Birch - "Star Is Just The Sun"
(Glitterhouse Records)


Verlässlich waren sie bei Glitterhouse, der rührigen Heimstätte für einsame Songwriter, eigentlich immer. Wirklich ans Herz aber ging es vor allem dann, wenn einmal eine etwas aus dem Label-Kontext herausfallende Band wie Savoy Grand unwahrscheinlich langsam über die letzten Dinge reflektierte. Die Norweger von The White Birch haben sich mit Sicherheit nach der erstklassigen, gleichnamigen Selbstmord-Platte von Codeine benannt, die hiermit den Suizidwilligen unter uns noch einmal nachdrücklich empfohlen sei. "Star Is Just The Sun" überschreitet, mal betörend, mal verstörend, die imaginäre Grenze zwischen Langsamkeit und Bewegungslosigkeit. "Breathe" und "Beauty King", die beiden schönsten Stücke, sollten schon genügen, um Verehrer von Low, Drunk oder dem späten Mark Hollis (Ex-Talk Talk) die Plattenläden stürmen zu lassen. In aller Ruhe, versteht sich.

The White Birch - offizielle Website


Richard Ashcroft - "Human Conditions"
(Hut/Virgin/EMI)


Ohne böswillig sein zu wollen: Richard Ashcroft, ehemals Sänger bei The Verve und nun mit dem zweiten Solo-Album "Human Conditions" unterwegs, ist immer schon ein etwas einfältiger Visionär gewesen. Er sprach zu Gott, hat das Paradies gesehen, den Himmel begangen und nun wimmelt es nur so vor Songs wie "God Is In The Numbers", "Paradise" oder - oh Schreck! - "Man On A Mission". Für Ashcrofts Texte braucht man also starke Nerven, während die musikalische Seite von "Human Conditions", die etwas abgespeckter und organischer als noch auf "Alone With Everybody" (2000) daherkommt, zwar überzeugen, nicht aber berühren kann. Was fehlt, sind glasklare Hits wie "Crazy World" oder "A Song For The Lovers", die man von dem Mann, der "Sonnet" und "Lucky Man" geschrieben hat, eigentlich erwarten darf. So besteht Ashcrofts größte Leistung diesmal im Kleinen: Brian Wilson darf im hübschen Schlussstück den Chor übernehmen. Titel? "Nature Is The Law". Dann ist ja alles klar.


Richard Ashcroft - offizielle Website


Death In Vegas - "Scorpio Rising"
(Arista/BMG Ariola)


Vor einem Jahr konnten die beiden Briten Richard Fearless und Tim Holmes für ihr Album "The Contino Sessions" sogar eine Nominierung für den begehrten Mercury-Musikpreis ergattern. Die üblichen Lobeshymnen in der einschlägigen Presse folgten. Wie schwer es ist, nach so einem Wirbel einfach weiter zu machen, demonstriert "Scorpio Rising" sehr trefflich. Der Titel ist Kenneth Angers gleichnamigen Kultfilm entnommen, was wohl auf die bildhafte Musiksprache von Death In Vegas hinweisen soll. Hier wird britischer Gitarrenrock mit Psychedlic-Elementen in weite Landschaften versetzt, deren Ambiente zumeist schummrig, ein bisschen verrucht und schmuddelig ist. Wieder leihen diverse Promis ihre Talente aus: Oasis-Sänger Liam Gallagher nölt im Titelsong, Dad-Rocker Paul Weller veredelt eine Coverversion von Gene Clarks "So You Say You Lost Your Baby". Die weiblichen Vocals werden von Hope Sandoval (Mazzy Star), Dot Alison und Nicola Kuperous (Adult) besorgt, was für reichlich Atmosphäre sorgt. Dennoch wirkt das Album seltsam unentschlossen und mühsam zusammengestückelt. Ein roter Faden zwischen den zuweilen exzellenten Stücken will sich einfach nicht finden lassen. So bleibt "Scorpio Rising" ein Skorpion, der sich zwar aufrichtet, aber nicht sticht.
Andreas Borcholte


Death In Vegas - offizielle Website


Einstürzende Neubauten - "Reissues"
(Indigo)


"Meint ihr nicht: Wir könnten unterschreiben, auf dass uns ein bis zwei Prozent gehören und Tausende uns hörig sind". Auch wer über die Neubauten schon ein Jahrzehnt oder noch länger hinweg ist, hat die ersten Worte des Prologs von "Haus der Lüge" nicht mehr vergessen. Mit "Zeichnungen des Patienten O.T" (1983), "1/2 Mensch" (1985), "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala" (1987) und schließlich "Haus der Lüge" (1989) werden nun mit Ausnahme des Debüts "Kollaps" und der Single-Kollektion "Strategien gegen Architektur" sämtliche Studioalben aus der ersten Dekade der Krach-Pioniere um Blixa Bargeld wiederveröffentlicht. Aufwändige Aufmachung und zusätzliche Stücke lassen nichts zu wünschen übrig, Dreingabe ist das Doppel-Live-Album "9-15-2000 Brussels", das 20 wechselhafte Bandjahre trefflich zusammenfasst.

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