Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die fünf wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Wunderknabe Badly Drawn Boy, Songwriter-Gott Ryan Adams, Springsteen-Konkurrentin Tori Amos, Halbgott Johnny Cash und der berufsjugendliche Tom Jones.

Von Jan Wigger und Andreas Borcholte


Badly Drawn Boy - "Have You Fed The Fish?"
(XL Recordings/Beggars/Connected)


Es ist schon ein Elend mit Badly Drawn Boy: Wann immer sich eine neue Platte des hochtalentierten Sonderlings ankündigt - und das ist in letzter Zeit immer öfter der Fall - muss man über das Mützen-Ding auf seinem Kopf lesen, was allerdings längst nicht so beklagenswert ist wie die ungelenke Eindeutschung "Der schlecht gezeichnete Junge". Davon abgesehen aber wird man Damon Gough in Manchester bald ein Denkmal setzen müssen, sind ihm doch mit "How?" und "You Were Right" seine überhaupt besten und wahrhaftigsten Stücke geglückt. Goughs drittes Album "Have You Fed The Fish?" ist so verspielt und versponnen wie das preisgekrönte Debüt "The Hour Of Bewilderbeast" (2000), doch die Songs des milden Familienvaters strahlen mit jedem Mal heller. Der ganz große Kitsch, Vaudeville, Folk-Pop, sogar Ragtime-Ausflüge ("Tickets To What You Need") - Badly Drawn Boy ist nichts fremd. Die Frage bleibt: Was kann er eigentlich nicht?


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Ryan Adams - "Demolition"
(Island Mercury/Universal)


Und hier ist auch schon der nächste Songwriter, freilich nicht irgendwer, sondern ausgerechnet Ryan Adams. Seit Wochen findet man die Platte in jedem Ramschladen, doch erst jetzt erscheint "Demolition" hochoffiziell. Fragen sie Ryan nicht mehr nach Beth Orton oder Winona Ryder, fragen sie ihn, mit wie viel Stunden Schlaf er nachts auskommt, denn neben seiner anscheinend auch schon fertig eingespielten Interpretation des Strokes-Albums "Is This It" hat der weltweit wildeste Live-Musikant in nur zehn Monaten ein paar Hundert weitere Lieder geschrieben. 13 von ihnen sind nun auf "Demolition" zu finden: unbehauen, ohne Overdubs oder sonstigen Schnickschnack. Die These, "Demolition" sei nun gleich die beste Solo-Arbeit des früheren Whiskeytown-Sängers, ist zumindest diskutabel: Zu meisterlich war Adams' Durchbruch "Gold", zu zögerlich werden Puristen den allzu breitbeinigen Stompern "Nuclear" und "Gimme A Sign" begegnen. Die restlichen Kompositionen, allen voran "She Wants To Play Hearts" und der Country-Exkurs "Chin Up, Cheer Up", sind wie erwartet fabelhaft.


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Tori Amos - "Scarlett's Walk"
(Sony Music)


Was hat man von Tori Amos und ihrem Piano noch erwartet? Hatte man nicht schon nach dem letzten regulären Album "From The Choirgirl Hotel" (1998) leise geseufzt und die einst so wunderbaren Songschreiber-Qualitäten der rothaarigen Sirene traurig ins Reich der Vergangenheit verabschiedet? Als dann mit "Strange Little Girls" ein ganzes Album voll schräger Cover-Versionen veröffentlicht wurde, blieb das Herz vor lauter Kopfarbeit schließlich ganz außen vor. Dann kam der 11. September 2001 und hinterließ scheinbar auch bei Frau Amos seine Spuren. Die Sängerin begab sich auf einen Monate währenden Roadtrip und sammelte kleine Geschichten über die Befindlichkeiten der Amerikaner nach den Anschlägen. Das Ergebnis von "Scarlett's Walk" ist das vielleicht beste Amos-Album seit ihrem erstaunlichen Debüt "Little Earthquakes" (1991). Sanfte, honigsüße Melodien treffen auf wütende Ausbrüche und Kakophonien, zerbrechliches Geflüster wechselt sich mit harten Gesangspeitschen. Ganze 18 Stories mit unterschiedlichsten Protagonisten förderte die scharlachrote Musikantin zu Tage, deren Schicksale das ganze Spektrum der Verstörtheit abdecken: Wütend ("Don't Make Me Come To Vegas"), sehnsüchtig ("I Can't See New York"), frustriert ("Amber Waves") oder verunsichert ("Your Cloud"), um nur einige Höhepunkte dieses grandiosen Albums zu nennen. Das perfekte weibliche Gegenstück zu Springsteens "The Rising", mindestens.
Andreas Borcholte


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Johnny Cash - "American IV: The Man Comes Around"
(Island Mercury/Universal)


Der wehrhafte Spiritualist, den wir an dieser Stelle nicht weiter vorzustellen brauchen, hat gemeinsam mit Produzent Rick Rubin den vierten Teil seiner "American Recordings"-Serie vorgelegt. Wer eine Weile im Booklet blättert und die aktuellen Fotos des erkrankten Gottesgläubigen betrachtet, hofft inständig, dass die Zeit noch ausreichen möge für eine fünfte Episode. Auf den Nägeln brennt, welche Stücke der 70-Jährige wohl diesmal gecovert hat: Nun, "Free As A Bird" ist glücklicherweise nicht dabei, "In My Life" dagegen sehr wohl, wenn auch als leise Enttäuschung, wie im Grunde jede Interpretation eines Beatles-Stücks. Fiona Apple singt mit auf "Bridge Over Troubled Water", auch Don Henley und Nick Cave sind als Gast-Vokalisten mit von der Partie. Die Höhepunkte bestreitet Cash indes allein: "Hurt", ohnehin die beste Komposition von Trent Reznor (Nine Inch Nails), skelettiert der Meister geradezu gespenstisch, Stings "I Hung My Head" wird endlich zur Moritat und Depeche Modes "Personal Jesus" klang noch nie so cool. Auch wenn nicht alles auf "American IV: The Man Comes Around" gelingt - für diese Stücke hat Johnny Cash gelebt. Ein Tipp zum Schluss: Kaufen sie mehr Plattenspieler. Die Songs "Wichita Lineman" und "Big Iron" gibt es ausschließlich auf der Vinylversion.

Johnny Cash - offizielle Website


Tom Jones - "Mr. Jones"
(V2 Records/Zomba)


Der Mann ist ein Phänomen. Statt wie andere seiner Altersklasse durch Vergnügungs-Zentren wie Las Vegas zu tingeln und ewig dieselben Gassenhauer zu reproduzieren, hat sich "Tiger" Tom Jones in den letzten Jahren einer Frischzellenkur unterzogen. Star-Remixer Mousse T. gab den Anstoß mit der Schunkeldisco-Nummer "Sex Bomb", dann folgte das Album "Reload", auf dem man den guten Tom unter all den versammelten Brit-Stars fast gar nicht mehr ausmachen konnte. Fast, denn das markante Organ des 62-jährigen Walisers dominiert noch den überproduziertesten Soundtrack. Zum Glück, denn für sein neues Album "Mr. Jones" ließ der Veteran den allgegenwärtigen "Re-Fugee" Wyclef Jean hinter die Regler, was leider, aber logischerweise zur Folge hatte, dass man sich in einem Wyclef-Album wähnt, bei dem Mr. Jones der Gaststar ist. Nachdem man sich erst einmal daran gewöhnt hat, Mr. "Thunderball" auf unnachahmliche - und irgendwie auch peinliche - Weise rappen zu hören, kommt man jedoch ganz gut mit dem hypermodernen Sound zurecht. Zu einem echten Hit könnte gar die Coverversion des Leadbelly/Ram Jam-Klassikers "Black Betty" werden. Der Rest läuft unter der Überschrift: Experimentierfreude im Alter. Dafür Respekt.
Andreas Borcholte


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