Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Das gelungene Debüt des Songwriters Ed Harcourt, Schwermütiges von Cat Power, prominenter-Gitarrenpop von Minus 5, ergreifende Cover-Versionen von Hederos & Hellberg und R. Kellys Comeback.


Ed Harcourt -"From Every Sphere"
(Heavenly/EMI)


Bei Ed Harcourts zweiter Langspielplatte "From Every Sphere" handele es sich um das bewegendste und dramatischste Album des Jahres, mutmaßt der Info-Schreiber der Plattenfirma. Da das Jahr erst ein paar Wochen zählt, ist diese mutige Einschätzung nicht einmal falsch: Ed Harcourt ist erst Mitte 20, sitzt meist am Klavier, klingt dort wie eine definitiv gelungene Kreuzung aus Rufus Wainwright, Randy Newman und Jeff Buckley und hat zudem schon einmal Brian Wilsons großes "Still I Dream Of It" gecovert - ein mieser Charakter ist also nahezu ausgeschlossen. Die zahlreichen ruhigeren Stücke auf "From Every Sphere" sind in der Tat anrührend, bewegt sich der Brite allerdings auf "All Of Your Days Will Be Blessed" oder "Watching The Sun Come Up" in Richtung Rock, kommt seine Stimme dem Gequäke von Muse-Sänger Matthew Bellamy gefährlich nahe. Doch was kann Ed Harcourt schon für seine Stimme? Klasse Album.
Jan Wigger


Ed Harcourt - offizielle Website


Cat Power - "You Are Free"
(Matador/Zomba)


Nachdem schon der tendenziell eher bekümmerte Dinosaur Jr.-Begründer J.Mascis sein letztes Album "Free So Free" nannte, scheint auch Chan Marshalls Titelauswahl für ihre sechste Cat-Power-Platte verwunderlich: "You Are Free" sagt die Frau, die für einige Zeit Tisch und Bett mit dem Melancholiker Bill Callahan (Smog) teilte und es daher eigentlich besser wissen müsste. Wirklich tröstlich sind die 14 jüngsten Kompositionen Marshalls dann auch nicht ausgefallen: Reduziert und schwermütig wird verschollenen Schulkameraden nachgetrauert ("Names") oder gedrückt mit Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder duettiert ("Good Woman"). Die finale Niedergeschlagenheit von "Moon Pix" (1998), den Einfallsreichtum von "The Covers Record" (2000) erreicht "You Are Free" zwar nicht ganz, ist aber gerade deshalb auch zugänglicher geraten. Zumindest für trauererprobte Minderheiten...
Jan Wigger


Cat Power - Homepage bei Matador Records


The Minus 5 - "Down With Wilco"
(Cooking Vinyl/Indigo)


"A Tragedy In Three Halfs" lautet die Unterzeile dieses nur oberflächlich betrachtet sonnigen Pop-Albums - einen besseren Titel als "Down With Wilco" kann man sich ja ohnehin kaum ausdenken. Doch werfen wir einen Blick auf die Besetzungscouch: John Auer und Ken Stringfellow von den seligen Posies, Peter Buck von R.E.M und nun endlich auch Songschreiber-Genie Jeff Tweedy mit kompletter Wilco-Band hat Scott McCaughey (Young Fresh Fellows) für das sechste Minus-5-Album zusammengerufen und "Down With Wilco" löst trotz einiger Längen genau das ein, was die illustre Musiker-Runde verspricht: Versponnene Song-Miniaturen, herzerwärmende Melodien und mit "Retrieval Of You" sogar einen kleinen Hit - in einer gerechteren Welt, versteht sich.
Jan Wigger


R. Kelly - "Chocolate Factory"
(Jive/Zomba)


Sex-Skandale zerstören die Karriere? Das war einmal. Wer aufmerksam beobachtet hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass Michael Jacksons gesamter Back-Katalog in den vergangenen Wochen kräftig gekauft wurde. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis "Thriller" wieder unter den Top 20 rangiert. Der Auslöser: Ein skandalöses Interview, in dem Der King of Pop zugab, gerne mit Kindern im Bett zu liegen. Einer von Jacksons Epigonen auf der großen R&B-Bühne ließ es da schon härter zugehen: Robert "R" Kelly, einer der erfolgreichsten Soulsänger unserer Zeit ("The World's Greatest") wurde Anfang letzten Jahres in einen Skandal verwickelt, bei dem es um einen Videofilm ging, das den Sänger beim Hardcore-Verkehr mit einer 13-Jährigen zeigte. Alles aus? Keineswegs. Zwar sah es zunächst so aus, als würde Kellys Karriere ein vorschnelles Ende finden - Kollegen wandten sich von geplanten Kooperationen ab, ein fast fertiges Album namens "Loveland" wurde gelöscht. Doch als Ende letzten Jahres in den USA eine wie üblich sehr erotisierende Single mit dem Titel "Ignition" veröffentlicht wurde, gab's auf Anhieb einen zweiten Platz in den Charts und alles schien vergessen. Ähnliches dürfte nun auch dem neuen Album, einer Mischung aus neu produzierten "Loveland"-Songs und brandneuem Material, bevor stehen. Ach ja, die Musik ist eigentlich so wie immer: Butterschmalz-Soulgesang trifft auf moderne R&B-Produktion und schmachtendes Sex- und Liebesgurren. Macht ihm derzeit keiner nach...
Andreas Borcholte


R. Kelly - offizielle deutsche Website
R. Kelly - offizielle Website


M.Hederos & M.Hellberg - "Take Care EP"
(V2/Zomba)


"I'm just like you/ A long lost soul without a clue/ Still waiting for the man", heißt es im Titelsong von "Take Care", einer EP, die uns vier weitere, wunderbar elegische Songs der Schweden Martin Hederos und Matthias Hellberg, der Quetschkommode und dem weinenden Klavier offeriert. Nur Hederos & Hellberg konnten es vor einiger Zeit schaffen, Neil Youngs kaputtes "Tonight's The Night"-Stück "Mellow My Mind" angemessen zu interpretieren. Nun vollbringen sie das Kunststück, Bob Dylans vernichtend bitteres "It Ain't Me, Babe" gemeinsam mit Gastvokalistin Marit Bergman zu den ultimativ traurigsten fünf Minuten des Winters zu machen. Schon Ende März folgen Umdeutungen von Velvet Undergrounds "Pale Blue Eyes" und Dylans "You're A Big Girl Now". Erwarten Sie nur das Unmögliche und bedenken Sie immer: Auch die Eigenkompositionen von Hederos & Hellberg sind keinesfalls zu vernachlässigen.
Jan Wigger

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