Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Neues von The White Stripes und dem Songschreiber Dan Bern, der Soundtrack zum Film "Daredevil", untypisch Mildes von Boysetsfire und die Rückkehr von Heinz Rudolf Kunze.


The White Stripes - "Elephant"
(XL Recordings/Beggars Group)


Das schon wieder in beängstigender Schnelle fortschreitende Jahr wird wenig Konkurrenz bereithalten für die White Stripes als coolste Band des Universums. Während die Heirats-und Scheidungsurkunden der nur vermeintlichen Geschwister Jack und Meg White auftauchten, fragten sich besorgte Puristen schon bang, ob der unmittelbare Garagen-Blues des teuflischen Duos live gespielt die großen Hallen überhaupt vertragen könne. Mit ihrem sehr preiswert eingespielten, vierten Album "Elephant" sind The White Stripes zwar de facto endgültig im Mainstream angekommen, doch Jack Whites Gitarre, so der kluge Einwurf an anderer Stelle, klinge noch immer, als sei sie direkt an das Nervensystem des Hörers angeschlossen. Muss man viele Worte über "Elephant" verlieren? Das pumpende Mantra "Seven Nation Army" ist schon jetzt ein Klassiker, die Dusty Springfield/Bacharach & David-Komposition "I Just Don't Know What To Do With Myself" brillant und "It's True That We Love One Another" herzallerliebst. Kaufen sie das Doppel-Vinyl - denn auch für den Rest gilt: Besseren Rock'n Roll findet man zur Zeit nicht.
Jan Wigger


The White Stripes - offizielle Website


Daredevil - "The Album"
(Wind Up/Epic/Sony Music)


Superhelden und Rockmusik vertragen sich offenbar prächtig. Nach dem Erfolg des "Spider Man"-Soundtracks, der mit der Pathos-Ballade "Hero" sogar einen veritablen Hit vorweisen konnte, liefern die Kollaborateure von Marvel Comics, 20th Century Fox und Sony Music nun ein weiteres Sammelsurium amerikanischer Rock-Acts in Albumform, diesmal als gitarrenlastige Begleit-Musik zur Comic-Verfilmung "Daredevil". Doch auch wenn "Hero" Chad Kroeger, diesmal mit seiner regulären Band Nickelback, wiederum mit einem Song vertreten ist, so lassen die restlichen Rocker doch vieles zu wünschen übrig. Hierzulande nie gehörte Radio-Acts wie Revis, Saliva, Chevelle oder Palo Alto, aber auch über den US-Rockmarkt bekannte Bands wie Drowning Pool, Fuel oder Hoobastank lieferten ganz offensichtlich nur Material ab, das ihnen fürs eigene Album zu dröge war. Lediglich die von einer Sängerin angeführte Newcomer-Band Evanescence, die gleich mit zwei Stücken vertreten ist, lässt so etwas wie Inspiration vermuten. Ansonsten krachen die Gitarren im dermaßen langweiligen Einerlei, dass man um die amerikanischen Rockszene fürchtet. Wie der Film, so der Soundtrack: ein bloßes Abziehbild, das einfach nicht rocken will.
Andreas Borcholte


Daredevil - offizielle Website zum Album
Daredevil - offizielle Website zum Film


Boysetsfire - "Tomorrow Come Today"
(Epic/Sony)


Vor ein paar Jahren, als man nicht so genau wusste, warum melodische, am Punk geschulte, leidenschaftliche Musik plötzlich wieder "Emo-Core" genannt wurde, legten einem zartleibige Mädchen mit Brille und bedruckter Umhängetasche selbstbespielte Boysetsfire-Kassetten ans Herz. Das war noch weit vor "After The Eulogy", einer Monsterplatte, die Boysetsfire nie mehr überbieten werden. Kurz darauf hießen plötzlich alle Bands "As I Bleed", "Skycamefalling" oder "Spent Time Driving" und man ließ die zartleibigen Mädchen stehen und flüchtete nach Haus, um allein Bruce Springsteen zu hören. Boysetsfire, politisch, sexuell anders denkend und neben den Blood Brothers die derzeit wichtigste Hardcore-Band, sind mit "Tomorrow Come Today" bei einem Major gelandet. Ob dieses Album genau deshalb, zumindest musikalisch, deutlich milder ausgefallen ist als vielleicht erwartet, wird den "Major ist Satan!"-Eiferern einige nette Diskussionsrunden bescheren.
Jan Wigger


Boysetsfire - offizielle Website


Heinz Rudolf Kunze -"Rückenwind"
(WEA)


"Der Magen macht eine Migränefaust / du spuckst Graffitti-Rauten / der Teppich sticht dich seekrank / wie ein Fakirbett für Astronauten". "Da müssen wir durch" heisst der dazugehörige Song und natürlich - Heinz Rudolf Kunze ist wieder da. Wie vor längerer Zeit schon Thomas D., seines Zeichens Erfinder der sehr unerfreulichen Son Goku, bemerkt nun auch Kunze den "Rückenwind" für eine weitere Langspielplatte. Nicht mehr dabei ist sein treuer Wegbegleiter Heiner Lürig, dafür hat sich Heinz Rudolf eine neue, junge Band und Erfolgsproduzent Franz Plasa (Selig, Echt) ins Boot geholt, um es sich und den nimmermüden kritischen Stimmen nochmal richtig zu beweisen. Was bei verhalteneren Stücken wie "Killroy Was Here" oder "Es ist nicht wie du denkst" noch zu funktionieren scheint, geht schon bei der einfältigen Single "Mach auf" (gegen Ende mit fürchterlichem Solo !) oder dem lahmen Blues-Versuch "Naherholungsgebiet" wieder fürchterlich in die Hose. "Sprache ist ein Scheitern, das der Rede wert ist", heisst es. Das galt vor allem für "Der schwere Mut", auch noch für "Brille". Für den letzten Schwung Alben des umstrittenen Wortdrechslers schon lange nicht mehr.
Jan Wigger


Heinz Rudolf Kunze - offizielle Website


Dan Bern - "Fleeting Days"
(Cooking Vinyl/Indigo)


Der amerikanische Songschreiber Dan Bern ist wie ein offenes Buch, doch macht ihm das wenig aus. Seine mal sachlichen, mal rührseligen, meist jedoch vortrefflichen Kompositionen sieht der unermüdlich tourende Bern nicht als bloße Kopien seiner Helden Woody Guthrie, Bob Dylan oder Elvis Costello, sondern als Angebot und vorsichtige Ehrerbietung. "Fleeting Days" wirkt wie die direkte Weiterführung von Berns bunt-eklektischem Doppelalbum "Smartie Mine", dem allerdings noch das gleichförmigere und weniger ungestüme "New American Language" nachfolgte, das Dan Bern zum Kritikerliebling aufsteigen ließ. "I lost my sense of timing and I lost my sense of touch / from commercial and checking my e-mail too much" kämpft sich der Sänger augenzwinkernd durch "Fly Away", bevor er im "Talkin' Al Kida Blues" (auf der dem Album beigelegten "Swastika EP") Dylan so nahe kommt, dass es fast schon ans Parodistische grenzt. Wie auch immer: Es bleibt Verlass auf den alten Wandervogel.
Jan Wigger


Dan Bern - offizielle Website


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