Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Langersehnte Solo-Alben von Dave Gahan und Paddy McAloon, Retro-Rock von den Jeevas, Gitarren-Pop von British Sea Power und ein grandioses Spätwerk von Lloyd Cole.


Dave Gahan - "Paper Monsters"
(Mute/EMI)


Es geschehen also tatsächlich noch Zeichen und Wunder: Dave Gahan, über zwei Jahrzehnte hinweg lediglich Sänger von Depeche Mode und also bloßer Bekanntgeber der weisen Worte von Martin L. Gore, hat, nachdem er immer wieder davon redete, letztlich doch noch eine Soloplatte gemacht. Heißt "Paper Monsters" und enthält erstmals selbst geschriebene Kompositionen Gahans, auch wenn Knock Chandler, ein guter Freund des 41-Jährigen assistierte. Die erste Single "Dirty Sticky Floors", Depeche Modes schwerfälligem "Barrel Of A Gun" nicht ganz unähnlich, legte noch die Vermutung nahe, Gahans Songs könnten allesamt bloß klingen wie Depeche-Mode-Songs, zumal die signifikante Stimme ja dieselbe ist. Diese Mutmaßung greift jedoch zu kurz: Das sachte "Hold On", das bittere "Black And Blue Again" oder das mit Blues-Rock kokettierende "Bottle Living" hätten auf kaum ein Album von Depeche Mode gepasst. "I Need You" dagegen geriet doch etwas flach, wie Gahans Songwriting ohnehin noch ausbaufähig ist. Für ein Debüt und dafür, dass Gahan nach verzehrender Drogenhölle und Suizid-Versuch überhaupt noch mal zurückgekehrt ist, jedoch absolut beachtlich. Jan Wigger


Dave Gahan - offizielle Website


Paddy McAloon - "I Trawl The MEGAHERTZ"
(Capitol/EMI)


"I Trawl The MEGAHERTZ": Kein Prefab-Sprout-Album hätte je so heißen können, auch wenn es im Grunde alle immer schon Solo-Alben des Song-Genies Paddy McAloon waren, diesem Visionär und Erinnerungskünstler, der der Welt noch bis zuletzt den schönsten Pop schenkte, der sich denken lässt. Als vor zwei Jahren Prefab Sprouts "The Gunman And Other Stories" erschien, litt der Dichter aus Newcastle-upon-Tyne bereits an einer komplizierten Augenkrankheit, die ihm am Ende das Lesen vollends unmöglich machte. McAloon saß nächtelang vor dem Radio und ließ sich durch den üblichen Late-Night-Wahnsinn zu "I Trawl The MEGAHERTZ" inspirieren, einem fast durchgehend instrumentalen, höchst ambitionierten und gar nicht greifbaren Werk, das nach nichts vorher Dagewesenem klingt, höchstens vielleicht wie eine Kreuzung aus "Peter und der Wolf" und "The Wizard Of Oz". McAloon singt einzig und allein in "Sleeping Rough" und zwar dies: "I'm lost, yes I am lost. I'll grow a long and silver beard/ I'll grow a long and silver beard and let it reach my knees/ And duty will not track me down, asleep among the trees". Wir sagen mal: Nur für unbeugsame Fans. Der Rest wartet auf die neue Prefab Sprout, die noch für dieses Jahr geplant ist. Jan Wigger


Prefab Sprout - offizielle Website


The Jeevas - "1 2 3 4"
(Setanta/EFA)


Oh nein, nicht noch eine "The"-Band? Schon gut, eine verkraften wir noch, zumal der Sänger und Frontmann ein alter Bekannter ist. Crispian Mills lieh seine Stimme und seine Vorliebe für alles Indische zuvor der im Britpop-Hype hochgespülten Combo Kula Shaker, an die sich heute allerdings kaum noch jemand gerne erinnert. Also noch ein Grund weniger, in das Debüt-Album der Jeevas hereinzuhören? Weit gefehlt: Mal abgesehen vom Bandnamen gibt sich Mills von asiatischen Manierismen geheilt und setzt mit seinen beiden neuen Mitstreitern auf puren Rock'n'Roll. Bowie, Bolan und eine Prise Bob Dylan bilden die Eckpfeiler dieses extrem rückwärtsgewandten Sounds, der sich schrammelnd, lärmend und lebensfreudig nach den guten alten Sixties und Seventies sehnt. Im Vergleich mit anderen "The"-Bands wie Hives oder Vines wirken die fröhlichen Jeevas natürlich ein bisschen naiv, doch gerade das macht den Charme dieses Albums aus - schließlich schon im Titel Simplizität signalisiert. Einfach beim Hören nicht an Kula Shaker denken... Andreas Borcholte


The Jeevas - offizielle Website


British Sea Power - "The Decline Of British Sea Power"
(Rough Trade/Sanctuary/Zomba)


Gleich mit dem Debüt den eigenen Verfall proklamieren British Sea Power, eine demnach auf etwas andere Art großmäulige Band aus Brighton, die schon vor geraumer Zeit vom ziemlich unfehlbaren Rough-Trade-Boss Geoff Travis entdeckt wurde und alle paar Wochen mit frischen Singles und EPs um sich schmiss, bis nun endlich mal ein Album draus wurde. "The Decline Of British Sea Power" beginnt wild, in etwa wie eine rare Bootleg-Pressung von Pere Ubu oder wie die frühen Pixies mit noch mehr Drogen. Ab "Something Wicked" wird man deutlich ruhiger und durchgehalten wird dieser sehr wavige Gitarren-Pop-Entwurf bis zum Schluss. Schillerndstes Stück ist die düstere David-Bowie-Pastiche "The Lonely". British Sea Power sind zwar noch keine Sensation, doch genau die liefert Ihnen Rough Trade schon in wenigen Wochen mit der zweiten, wirklich unglaublichen LP von Moldy-Peaches-Sänger Adam Green. Jan Wigger

British Sea Power - offizielle Website


Lloyd Cole - "Music In A Foreign Language"
(Sanctuary/Zomba)


Schon zwanzig Jahre sind vergangen, seit Lloyd Cole mit den Commotions seine erste und noch immer beste Platte "Rattlesnakes" aufnahm. Gute und auch weniger gute Alben hat Cole seitdem herausgebracht, doch das naturgemäß kaum beachtete "The Negatives" (2000) war wundervoll und bewies noch einmal mit Nachdruck, dass der unbeirrt klarsichtige Zyniker aus Derbyshire - gerade auch mit "Music In A Foreign Language" - zu den größten Songschreibern überhaupt zu zählen ist. Nick Caves "People Ain't No Good" covert Cole virtuos, "Late Night, Early Town" und "Today I'm Not So Sure" sind auf das Wesentlichste reduzierte, seltsam berührende Lieder, die ihre Magie aus einer wissenden Unaufgeregtheit ziehen, die dieses ganze, durchweg exzellente Spätwerk durchdringt. Jan Wigger

Lloyd Cole - offizielle Website


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