Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Der brillante Zweitling von The Coral, Süchtigmachendes von den Super Furry Animals, das kompakte Comeback von Jane's Addiction, New Yorker Garagenlärm von den Star Spangles und Sammlerstücke von den Manic Street Preachers.


The Coral - "Magic And Medicine"
(Deltasonic/Sony Music)

Erst vor einem halben Jahr erschien das gleichnamige Debüt von The Coral auch in Deutschland, ein wahnwitziger Stilmix von ein paar nicht ganz zwanzigjährigen Hängern und Kiffern, die im britischen Kaff Holyake, Merseyside die übrige Zeit auf die bestmögliche Art und Weise totschlugen. "The Coral" war ein sehr gutes Album. "Magic And Medicine" jedoch ist brillant von Anfang bis Ende, zudem eine unbezahlbare Reminiszenz an einige der größten Künstler der Sechziger und Siebziger, die aufzuzählen müßig und unfair gegenüber The Coral wäre. Dass ein hauchzarter Song wie "Liezah" 1967 problemlos auf "Forever Changes" von Love gepasst hätte, dürfte Kompliment genug sein. Hören Sie außerdem den fiebrigen "Talkin' Gipsy Market Blues", die perfekten gut zwei Minuten von "Pass It On" und natürlich "Eskimo Lament" mit der traurigsten Trompete seit Radioheads "Life In A Glasshouse". Auf dem Booklet-Foto sind die sechs Halbwüchsigen zum Teil mit Sternenstaub bedeckt. Das passt, denn nichts, gar nichts an diesem Album ist heutig, fast alles aber magisch. Und "Don't Think You're The First" wird man noch in zehn Jahren in den anliegenden Wäldern schmettern. Jan Wigger


The Coral - offizielle Website mit Audio und Video


Super Furry Animals - "Phantom Power"
(Columbia/Sony Music)

Um ehrlich zu sein waren die Super Furry Animals ja bis zum herausragenden letzten Album "Rings Around The World" eine der Bands, die man gerne übersehen, als skurrile Marginalie abgetan hat. Man wusste, dass sie eine von denen aus Wales waren, doch standen sie naturgemäß im Schatten der Manic Street Preachers oder Catatonia. Nicht zu vergessen die Stereophonics, die immerhin als langweiligste Band Großbritanniens einen größeren Bekanntheitsgrad erlangen konnten. "Phantom Power" fällt allein schon durch die wunderbare Verpackung und die Zusatzinformation auf, dass es eine DVD mit kleinen Filmchen zu allen 14 Songs auf "Phantom Power" geben wird. Wie die wohl aussehen werden? In jedem Fall sollte Brian Wilson mit seinem Feuerwehrhelm ein paar Mal durchs Bild laufen, Damon Albarn (an dessen Stimme Super Furry Animals-Sänger Gruff Rhys wohltuend oft erinnert) käme auch darin vor und bei "Cityscape Skybaby", dem schönsten Stück des Albums, müsste man Syd Barrett bärtig vor einer Pommesbude stehen sehen. Großer Pop, süchtig machend. Jan Wigger


Super Furry Animals - offizielle Website


Jane's Addiction - "Strays" (Parlophone/EMI)


"I always do the wrong thing/ But it feels right", singt Perry Farrell selbstironisch in dem Song "Price I Pay". Nach dem kommerziellen Durchbruch mit dem Album "Ritual de lo Habitual" (1990) löste sich die inzwischen legendäre Truppe um den enigmatischen Sänger, Songwriter und Covergestalter erst einmal auf. Mit dem neuen Bassisten Chris Chaney und dem Hardrock-Produzenten Bob Ezrin (Kiss, Aerosmith) entstand nach allerlei erfolglosen Band-Gründungen (Porno for Pyros) und Solo-Versuchen das späte Comeback-Album "Strays". Wundersamerweise ist es keine Katastrophe geworden: Ohne erkennbare Anknüpfpunkte an "Ritual" oder neuere Trends wie den populären HipHop-Rock der Limp-Bizkit-Fraktion bieten die reformierten Jane's Addiction (Farrell, Gitarrist Dave Navarro, Drummer Stephen Perkins) frischen, geradezu schnörkellos kompakten Alternativ-Rock guter kalifornischer Tradition, der wie gehabt von Farrells fiebriger Stimme und Navarros feinem Gitarrenspiel definiert wird. Ungestüme Kracher wie "True Nature", "Hypersonic" oder das launige "Superhero" künden von der offenbar wieder gefundenen Spielfreude der Band, während kontemplativere Nummern wie "Everybody's Friend" oder "The Riches" Farrell auf der Höhe seines formulierten Hintersinns zeigen. Scheint so, als hätte der inzwischen 44-jährige auf seine alten Tage doch noch mal das Richtige getan. Man ist zu Recht erstaunt: "Strays" ist ohne zu übertreiben eines der besten amerikanischen Rockalben seit "Californication" geworden. Andreas Borcholte


Jane's Addiction - offizielle Website


Manic Street Preachers - "Lipstick Traces"
(Epic/Sony Music)


Gerade erst erschien eine "Greatest Hits"-Compilation mit einem Haufen unnützer Remixe als Zugabe, da wird auch schon weiter nach dem gegraben, was sich noch irgendwo an Raritäten, unveröffentlichtem Kram oder auch Live-Aufnahmen findet. Haben sich die Manic Street Preachers etwa schon aufgelöst? "Lipstick Traces - Secret History of Manic Street Preachers" ist der Fund betitelt, dem folgerichtig ein Greil-Marcus-Zitat vorangestellt wird: "What appealed to me were its gaps and those moments when the story that has lost its voice somehow recovers it." Um die Sache abzukürzen: Wir haben hier ziemlich genau 35 B-Seiten, Raritäten, unveröffentlichten Kram oder auch Live-Aufnahmen. Besonderes Augenmerk aber ist auf die Cover-Versionen der Manics zu richten: "Take The Skinheads Bowling" (Camper Van Beethoven) ist gelungen, "Train In Vain" (The Clash) grenzwertig, den Nirvana-Song "Been A Son" haben James Dean Bradfield und der Rest allerdings gar grausam zugerichtet. Bitte nie mehr Nirvana covern! Entdeckenswert dagegen sind eigene Stücke wie "Sepia" oder "Just A Kid". Tja, dann doch eher für Fans. Jan Wigger


Manic Street Preachers - offizielle Website
Manic Street Preachers - offizielle deutsche Website

The Star Spangles - "Bazooka!!!"
(Parlophone/EMI)


Wenn man wie jeder vernünftige Mensch diese unmenschlich heißen Tage hauptsächlich damit verbringt, auf die zweite Strokes-Platte zu warten, kommt einem eine Band wie The Star Spangles nicht gerade recht: Der Gitarrist heißt Tommy Volume, ein "Bazooka" ist eine mit Kokain versetzte Marihuanazigarette, man kommt aus New York und hat anscheinend die Altkleidersammlung der Strokes geplündert, um dann aber doch nur allenfalls halb so gut auszusehen. Zugegeben, das sind ein paar Klischees zu viel, doch musikalisch hat "Bazooka!!!" wenigstens zwei Ausrufezeichen verdient. Stumpfer, zielgerichteter Punk-Rock mit zupackenden Melodien und sehr starken Ramones-Anleihen ("Angela") sowie Verweisen auf Richard Hell und Wayne Kramer. 13 Songs in nicht mal vierzig Minuten, für den Anfang viel versprechend. Jan Wigger


The Star Spangles - offizielle Website


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