Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Neues von The Strokes, Travis, I Am Kloot, Phantom/Ghost und Finger Eleven.


The Strokes - "Room On Fire"
(RCA/BMG)


Bezüglich des am dringlichsten erwarteten Album des Jahres hielten Schwätzer und Vielredner schon seit Wochen ein schlaues Büchlein mit ihren Lieblingsvokabeln "Hype" (wahlweise: "NME-Hype"), "retro" und dem immer gern genommenen Adjektiv "überbewertet" bereit. Die New Yorker Band, die mit "Is This It", dem besten Rock-Album seit "Nevermind", debütiert hatte, erschien den Nerds und Nörglern schnell zu erfolgreich und somit suspekt. Jene, die vor zwei Jahren auf den "Is This It"-Zug aufgesprungen waren und die Platte schon lange "nicht mehr hören" konnten, rieben sich die Hände und freuten sich schon auf die langen Gesichter der Fans, sollten die Strokes das Niveau des Debüts nicht halten können.

Ist der Begriff "retro" für eine Band, die so eindeutig im Hier und Jetzt präsent ist und musiziert, einfach nur dämlich, scheint das Wort "Hype" (d.h. heiße Luft) immer und immer wieder erklärungsbedürftig. Drum noch einmal: The Darkness, Andrew W.K., The Music oder ganz früher Menswear - das sind, das waren Hypes. "Is This It" dagegen ist heute noch so genauso aufregend und sensationell wie beim ersten Hören, mit dem Unterschied, dass man die Strokes, tragisch genug, eben nie wieder zum allerersten Mal hören kann. Nun schreibt die Plattenfirma, dass die hier vorliegende zweite Strokes-LP das erste Album locker übertrifft, was natürlich Unsinn ist.

Andererseits aber ist "Room On Fire" ein dermaßen großartiges Album geworden, wie es selbst explizite Anhänger der Band nicht erwartet hätten. Das gloriose Gitarren-Motiv von "Reptilia" nimmt man mit auch in den tiefsten Schlaf, der pure Soul in "Under Control" ersetzt die Al-Green-Platte und Julian Casablancas' nonchalant eingeworfenes "Oh No!" im besten Album-Track "The End Has No End" (in dem die sonst so kaputte, verwegene Stimme des Sängers und Songschreibers zudem so klar und deutlich zu verstehen ist wie nie zuvor) ist die coolste Geste in dem mit coolen Licks prall gefüllten "Room On Fire". Hohe Erwartungen sieht man nur selten so eindrucksvoll, so kaltschnäuzig erfüllt wie in diesem Fall. Außer natürlich für jene Spaßvögel, die tief greifende "Veränderungen" von den Strokes erwartet haben. Modifizierungen in Richtung Drum'n'Bass, HipHop oder Elektronik vielleicht? Guter Witz, Leute. Jan Wigger


Veröffentlichung am 20. Oktober

The Strokes - offizielle Website
The Strokes: Die Rettung der Rock-Musik?


Travis - "12 Memories"
(Sony Music)


Travis-Sänger Fran Healy hat, besonders auf "The Man Who", wundervolle, auch intelligente Gitarren-Pop-Stücke geschrieben, doch die Interviews sollte er nun wirklich jemand anderem in der Band überlassen. Erst kürzlich lamentierte Healy wieder gar Köstliches zusammen: Seiner Meinung nach würden Radiohead nur gebildete Leute ansprechen, Travis dagegen seien eine Band des Volkes (Aua!), deren Texte die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit widerspiegelten. Ach, Fran: Man muss doch nicht gleich zu Hartmut Engler werden, wenn einem ein Journalist mal krumm kommt. Die Wahrheit ist zudem was für Idioten - hat schon Salvador Dali gesagt. Sowieso: Starsailor, Oasis, Travis: Wenn sie doch nur etwas zu sagen hätten! Die Musik auf "12 Memories" (11 reguläre Songs und ein Hidden Track) ist wie erwartet wundervoll, gleich die drei ersten Stücke "Quicksand", "The Beautiful Occupation" und "Re-Offender" wirken wie gemalt. "Peace The Fuck Out" - das Stück, in dem Fran Healy erstmals politisch werden möchte - kommt textlich gewohnt bemüht daher, "Paperclips" ist ein unverzichtbares Highlight, das auch auf "The Man Who" nicht abgefallen wäre. Viel brüchiger und schroffer, wie behauptet wurde, klingen Travis 2003 nicht - nur etwas anders als noch auf "The Invisible Band". Und dieser Richtungswechsel war vonnöten. Jan Wigger


Travis - offizielle Website


Phantom/Ghost - "To Damascus"
(Ladomat 2000/Mute/EMI)


Dirk von Lowtzow, sonst Sänger und Gitarrist bei Tocotronic, hält die Rolling Stones für die größte Rock'n'Roll-Band aller Zeiten und hat damit bereits viele Sympathien gewonnen. Wenn man nun "Nothing Is Written", das finale, herzerweichende Stück auf der zweiten Phantom/Ghost-Platte "To Damascus" hört, das ganz weit ausholt und latent an den frühen Scott Walker erinnert, hat er uns vollkommen gepackt. Viele der mal zärtlichen, mal drängenden Melodien, die davor liegen, hätten durchaus auch zu Tocotronic gepasst, doch von Lowtzows Phantom/Ghost-Partner Thies Mynther (Stella, Superpunk etc.) sorgt mit dezenten, eleganten Beats dafür, dass "To Damascus" eben doch irgendwie eine Ladomat-Veröffentlichung bleibt. Die Fantasy-Reminiszenzen, das Surreale und Prätentiöse, das von Lowtzow zuweilen vorgeworfen wird, dürfte wohl der einzige Hinderungsgrund sein, dieses Album nicht als das zu bezeichnen, was es in Wirklichkeit ist: virtuoser Pop. Jan Wigger


Finger Eleven - "Finger Eleven"
(Wind Up/Sony Music)


So genannte "Nu Metal"-Bands haben an dieser Stelle eigentlich nichts zu suchen, doch die aus Burlington, Onatrio stammenden Finger Eleven wurden in der Vergangenheit fälscherlicherweise in diese Schublade gesteckt. Dass sie mit POD, Limp Bizkit oder gar Linkin Park so gar nichts zu tun haben, demonstrieren sie auf ihrem dritten Album, für das sie sich laut Plattenfirmen-Angaben ganze zwei Jahre Zeit gelassen haben. Der Fortschritt zum als Gehimtipp gehandelten Vorgänger-Album "Greyest Of Blue Skies" ist durchaus hörbar: Die Kanadier lassen es weniger ungestüm krachen und bauen dafür lieber ihre vorhandenen Songwriter-Qualitäten aus. Wo wie in "Other Light" oder "Complicated Question" mehr Mut zur Melodie zugelassen wird, kommen sogar ursprüngliche Einflüsse durch: Bei "Stay In Shadow" beispielsweise hört man deutlich die Killing Joke der "Night Time"-Phase heraus; überhaupt scheinen sich Finger Eleven erschöpfend mit britischem Alternativ-Rock der Mitt-Achtziger befasst zu haben. Die Verschmelzung dessen mit dem rifflastigen US-Sound von heute gelingt allerdings nicht immer: Gerade in der zweiten Hälfte des Albums verwischen die Konturen der Songs etwas, das mit Manierismen überfrachtete Monstrum wie "Last Scene Of Struggling" hinterlässt gar einen fauligen Nachgeschmack. Vor zu viel Opulenz rettet zum Glück die absichtlich nachlässige Produktion von Johnny K. (u.a. Disturbed). So bleibt "Finger Eleven" immer noch ruppig genug, um als eines der interessanteren Rockalben der letzten Monate durchzugehen. Hier könnte Potenzial schlummern. Andreas Borcholte


Finger Eleven - offizielle Website


I Am Kloot - "I Am Kloot"
(Echo/Pias/Zomba)


Als die britische Musik-Presse die heute fast vergessene "Quiet Is The New Loud"-Bewegung erfand, schwärmten alle von I Am Kloot. Ein grandioses Album war das damals, mit "Morning Rain", "Twist" und "Storm Warning" drauf und auf dem Cover ein paar alte Zausel auf einer Parkbank mit Bierdosen in der Hand. "Natural History" hat dann natürlich nicht so gut verkauft. Seltsame Typen sind es jedenfalls, nennen ausgerechnet ihren zweiten Versuch "I Am Kloot" und klingen, obgleich aus Manchester, immer noch belgisch, wie dEUS zum Beispiel. Auf dem Cover ist nun außer dem Bandnamen gar nichts mehr zu sehen, Sänger John Harold Arnold Bramwell und die anderen beiden verschwinden langsam hinter wahnsinnig schönen Liedern wie "Mermaids", "Proof" oder "From Your Favourite Sky". Um die Sache mit Belgien mal außen vor zu lassen: Wer Badly Drawn Boy, Del Amitri und Crowded House mag, wird auch mit "I Am Kloot" nicht das geringste Problem haben. Jan Wigger


I Am Kloot - offizielle Website

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