Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von The Darkness, The Fire Theft, My Morning Jacket, Death Cab For Cutie und eine opulente Re-Issue von Jeff Buckley.


Death Cab For Cutie - "Transatlanticism"
(Grand Hotel Van Cleef/Indigo)


Tomte, Kettcar und unlängst Olli Schulz - bezüglich des allen Widrigkeiten zum Trotz erstaunlich erfolgreichen Labels Grand Hotel Van Cleef tragen wir an dieser Stelle keine Eulen mehr nach Athen. Death Cab For Cutie, eine Band aus Bellingham, Washington, hätten schon in der Vergangenheit hervorragend zum Grand Hotel Van Cleef gepasst, ohne freilich davon zu wissen. Schon "We Have The Facts And We're Voting Yes" und "The Photo Album" waren feine Gitarrenpop-LPs zwischen Built To Spill und den Weakerthans, zudem gelang Death-Cab-Sänger Benjamin Gibbard mit seinem Side-Project The Postal Service ein Überraschungserfolg. Die Plattenfirma nennt "Transatlanticism", dessen Titelstück zum Rührendsten gehört, was Death Cab For Cutie bislang verfasst haben, "Quiet Rock". Das ist doch mal ein ausgefuchster Einfall. Jan Wigger


Death Cab For Cutie - Homepage bei Barsuk Records


The Darkness - "Permission To Land"
(Atlantic/Eastwest/Warner Bros.)


Wenn schon Achtziger-Jahre-Revival, dann aber auch richtig. Was fehlte (zum Glück) bisher im Reigen der wiedergekäuten Geschmacklosigkeiten? Jener bombastisch-hedonistische Haarspray-Heavy-Metal, den uns Bands wie Def Leppard, Mötley Crüe, Queensryche und leider in ihrer Spätphase auch Queen zugemutet haben. The Darkness, eine Band aus dem Provinznest Lowestoft am östlichen Rand Großbritanniens, tritt nun an, den Geist des Prä-Nirvana-Rocks wieder zu beleben - enge Leoparden-Hosen und Dauerwellen inklusive. Ihr erstes Album "Permission To Land" erreichte in England auf Anhieb Platz zwei der Charts. Ein gewisser Bedarf scheint also vorhanden zu sein. Hört man die Platte ohne die Jungs dabei herumhampeln zu sehen, klingt das alles gar nicht so schlimm - mal abgesehen von den gelegentlich inflationären Falsett-Ausflügen des Sängers Justin Hawkins und dem ostentativen Gitarrensolo-Gegniedel. Aber das gehört halt zum Genre. Ironie oder gar Persiflage darf man The Darkness dabei nicht unterstellen. Gerade die hörbare Aufrichtigkeit macht das Ganze genießbar: Die vier Briten lieben die Musik ihrer Vorbilder und versuchen beherzt, ihnen nachzueifern. Seien wir ehrlich: So viel Enthusiasmus bringen Kiss heute nicht mehr auf. Andreas Borcholte


The Darkness - offizielle Website


Jeff Buckley - "Live At Sin-é" Deluxe Edition
(Columbia/Sony Music)


Erst vor ein paar Tagen erwischte es mit Elliott Smith den warmherzigsten und wahrhaftigsten unter den amerikanischen Songwritern. Jeff Buckley ging schon vor fünf Jahren, doch in diesen Tagen, in denen man kaum noch Schritt halten kann mit all den Nachrufen, die plötzlich notwendig werden, tritt auch noch einmal ins Bewusstsein, dass niemand die schmerzliche Lücke füllen kann, die Jeff Buckleys Tod in den Wellen hinterlassen hat. "Live At Sin-é" war Jeffs allererste EP, darauf schmale fünf Live-Songs aus dem Jahr 1993 in New York und damals noch auf dem Indie-Label Big Cat erschienen. Nun gibt es die Deluxe Edition, die "Live At Sin-é" um sage und schreibe 29 Monologe und Songs erweitert, darunter Bob Dylans "If You See Her, Say Hello", Van Morrisons "The Way Young Lovers Do" und natürlich Cohens "Hallelujah". Buckley reißt Witze, lässt die Songs ausufern, ist in großartiger Spiellaune - warum es ihn treffen musste, bleibt unbegreiflich. Als Zugabe zu den beiden CDs: Eine kurze DVD, u.a mit "Kick Out The Jams" (MC5) und einem Interview. Jan Wigger

Jeff Buckley - offizielle Website


The Fire Theft - "The Fire Theft"
(Ryko/Zomba)


Mit Sunny Day Real Estate, den unbestrittenen Helden und Begründern der später bloß lieblos "Emo-Core" genannten und in der Wirklichkeit kaum je existenten Bewegung, war das immer so eine Sache: Man konnte sie bedingungslos für ihre Theatralik lieben, die ihren glanzvollen Höhepunkt auf dem letzten, von frühen Fans kaum mehr akzeptierten Album "The Rising Tide" fand. Für eben jene Gespreiztheit (von manchen auch schändlich "Progressive Rock" genannt) konnte man sie auch belächeln. Der Running-Gag von Sunny Day Real Estate ging von jeher so: Wir werden Konzerte in Deutschland geben. Ganz am Schluss kam die Auflösung dazwischen. The Fire Theft treten nun in der alten SDRE-Besetzung (Jeremy Enigk, Nate Mendel, William Goldsmith) an und klingen auch so. Wer das großartige, schwelgerische "Carry You" hört, wird um den SDRE-Split nicht mehr traurig sein: Ein neuer Name, der gleiche, erhebende Bombast - das ist alles. Jan Wigger


The Fire Theft - offizielle Website


My Morning Jacket - "It Still Moves"
(RCA/BMG)


Verhallte und etwas zeitlupenhafte Slow-Motion-Musik, wie sie My Morning Jacket am schönsten auf ihrer zweiten Platte "At Dawn" machten, verleitete den ein oder anderen Musikschreiber ganz bestimmt zu Vergleichen mit "imaginären Landschaften" oder "endlosen Weiten" - worunter wiederum die Leser zu leiden hatten. "It Still Moves" ist immer noch Rockmusik, allerdings mit einer Fülle an Einflüssen aus Seventies-Rock, Country und psychedelischem Folk - was Menschen, die schon bei Neil Young & Crazy Horse oder Gram Parsons' Flying Burrito Brothers gähnen müssen, leicht langweilen könnte. Jim James, Sänger, Songschreiber und Gitarrist bei My Morning Jacket, bleibt davon unbeeindruckt: "I will sing to you of greater things/ Money, gold and diamond rings/ Just don't make it last any longer than it has to" ("I Will Sing You Songs"). Eine fabelhafte Platte, durchweg. Jan Wigger


My Morning Jacket - offizielle Website

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.