Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Ryan Adams, Damien Rice, Dashboard Confessional, The High Llamas und ein musikalische Hommage an Rio Reiser.


Ryan Adams - "Rock'n'Roll"
(Lost Highway/Universal Music)


Laut Auskunft des Künstlers soll "Rock'n'Roll" dem "Eighties-Rock" ein kleines Denkmal setzen. Und, so wurde schnell noch hinzugefügt: "It's a record that makes you wanna go skateboarding". Das muss man nicht ernstnehmen, ebensowenig wie die Songtitel auf "Rock'n'Roll", die auf gleich lautende oder ähnliche Titel anderer Interpreten rekurrieren, was jedoch überhaupt kein Grund ist, die neuen Adams-Songs schon gleich deshalb ins Herz zu schließen. Eine Spielerei, eine Randnotiz - wie so einiges auf "Rock'n'Roll", einer Platte, auf der Ryan Adams so offensichtlich zitiert wie nie zuvor. Das funktioniert wunderbar bei "Anybody Wanna Take Me Home", einer kaum verhüllten Hommage an den Smiths-Gitarrist Johnny Marr. Beim sicheren Hit "So Alive" stören im Grunde nur die U2-Anleihen (Refrain), der Versuch, Morrissey zu sein (Strophe) ist dagegen recht putzig, wenn auch naturgemäß zum Scheitern verurteilt. Das Titelstück ist bloß eine übernächtigte Skizze, aber locker der beste Song auf "Rock'n'Roll". "Shallow", mit "Cigarettes & Alcohol"-Beginn, ist dagegen nur Mittelmaß, "1974" langweiligster AOR-Ami-Hardrock, den wir aber, seit es "Nuclear" gibt, gnadenvoll mit durchwinken. "Note To Self: Don't Die", diesmal Nirvana, ist marginal, "Boys" und "The Drugs Not Working" ebenfalls Stücke, die es nie und nimmer auf ein Meisterwerk wie "Gold" geschafft hätten. "Rock'n'Roll" ist, ebenso wie "Demolition", ein eher zwiespältiges Vergnügen. Wäre übrigens mal ein lehrreicher Versuch gewesen, dieses Album ohne Hinweis auf den Urheber, unter anderem Namen also, in die Regale zu stellen. Ob wohl was passiert wäre? Doch zurück zu Adams: Ja, ja, er bleibt die coolste Sau der Welt und soll bloß weiter nur das machen, was er will. Zum Beispiel "Love Is Hell, Part 1", die erste von zwei Mini-LPs, die ebenfalls heute erscheint und exakt das hat, was man von jemandem, der etwas so makellos Schönes wie "Heartbreaker" schuf, auch erwarten darf: Durchweg exzellente Kompositionen, ganz schön düster sogar. Jan Wigger


Ryan Adams - offizielle Website mit Video und Soundfiles
Ryan Adams - offizielle deutsche Website mit Video


Damien Rice - "O"
(14th Floor Records/Eastwest/Warner Bros.)


Den David-Gray-Vergleich lassen wir gleich mal weg, das wäre ja gar kein Kompliment, eher das Gegenteil. Aus unerfindlichen Gründen aber - und es mögen schlicht topografische Gründe sein - zieht Damien Rice zu weiten Teilen ein Publikum an, dass sonst dem Langweiler Gray hinterher reist, nicht aber Ryan Adams, Bright Eyes, Turin Brakes oder Lambchop, nach denen sich "O" schon viel eher anhört. Unfassbar innerliche Stücke wie "Delicate", "Amie" oder "Eskimo" schreibt dieser Ire, begleitet vom Cello und der elfenhaften Sängerin Lisa Hannigan, die so glockenhell intoniert wie Heather Nova, als sie noch gut war. Sehr schöne Platte also und auch im Konzert überrascht Damien Rice: Die Cellistin spielt "Seven Nation Army" solo, es riecht nach Weihrauch und nach dem Auftritt kritzelt Rice seinen Fans alte EPs mit lustigen Bildchen voll.
Jan Wigger


Damien Rice - offizielle Website


The High Llamas - "Beet, Maize & Corn"
(Tricatel/Indigo)


Schau an, die High Llamas mit einem neuen Album. Nach "Buzzle Bee", halbherzig und lustlos, dachte man ja eigentlich, da käme nichts mehr hinterher, doch Sean O'Hagan und seine Begleitband haben sich mit "Beet, Maize & Corn" noch mal aufgerappelt, um an erfolgreiche ("Hawaii") und halberfolgreiche ("Cold And Bouncy") Alben anzuknüpfen. Kaum erwähnenswert, dass dies mit demselben heillosen Schönklang, derselben Sophistication und demselben Kunstanspruch geschieht wie in der Vergangenheit: Beach Boys, Bacharach, Klassik, ein wenig Elektronik, ein wenig mehr Prätention - eine ähnlich spannungsarme Mischung hat auch Stereolab nach dem fantastischen "Emperor Tomato Ketchup" langsam aber sicher egal werden lassen. Die Llamas aber können damit scheinbar noch ein paar Jährchen leben. Gutes Experiment übrigens: Spielen sie einem fanatischen Hörer beliebiger "The"-Bands der letzten zwei Jahre "The High Llamas" vor. Was für ein Gesichtsausdruck! Jan Wigger


Diverse - "Rio Reiser Familienalbum"
Safety Records/Edel)


Der arme Rio, er kann sich ja nicht mehr wehren. Unter der Ägide des Hamburger Pop-Produzenten Franz Plasa, der seit Selig und Echt nichts Gutes mehr auf die Spur gebracht hat, versammelten sich die Großen und Kleinen der deutschen Musik zu einem "Familienalbum" zu Ehren des 1996 verstorbenen Liedermachers. Nun kann man sich fragen, ob Reiser, Zeit seines Lebens ein toleranter und weltoffener Mensch, auch Nieten wie den Viva-Moderator Tobi Schlegl oder den banalen Jüngling Marlon als "Familie" bezeichnen würde. Letzterer trällert sich durch eine völlig überflüssige Version des ohnehin überstrapazierten Gassenhauers "Junimond", während Schlegl bei "Alles Lüge" gerade noch an der größten Peinlichkeit vorbei schrammt. Doch es gibt auch Glanzlichter, wenn auch wenige: Die Sterne rocken sich lakonisch durch den Scherben-Klassiker "Wenn die Nacht am tiefsten", die Nachwuchs-Stars Wir sind Helden geben eine wunderbar spröde Version von "Halt Dich an Deiner Liebe fest" und die Söhne Mannheims (samt Naidoo) drücken der Hymne "Mein Name ist Mensch" ihren religiösen Stempel auf. Das ist auch nicht toll, aber allemal interessanter als die Vergewaltigung von "Wo sind wir jetzt" durch Joachim Witt, Nenas hysterisches "Schritt für Schritt ins Paradies" oder Marianne Rosenberg, die sich mit zu viel Koloratur durch "Für immer und Dich" schmachtet. Aber zum Glück sind Reisers Songs so robust, dass sie all das ertragen: Noch nicht einmal der grausame HipHop-Clown Ferris MC kann dem "König von Deutschland" etwas anhaben. Man vermisst ihn nur noch ein bisschen mehr. Andreas Borcholte

Dashboard Confessional - "A Mark, A Mission, A Brand, A Scar"
(Vagrant/Motor/Universal Music)


Erst vor kurzem war an anderer Stelle zu lesen, dass mittlerweile sogar schon die lyrischen Schlichtheiten von Travis (diesmal: "You have a brain so use it/ You have a choice so choose it/ You have a voice don't lose it") als löbliches Beispiel herangezogen werden. Da tut einem Chris Carrabba, früher Sänger bei den Indie-Rockern Further Seems Forever, fast Leid. Zwar kann auch er sich nicht vollkommen vom Klischee des "Emo"-Songwriters befreien - mit Albumtitel und Songs wie "Carve Your Heart Out Yourself" tut er selbst ein übriges dazu -, aber recht feine, manchmal fast sloganartige Texte - die hat er schon. "Go on, go on, your cruel intentions won't solve your problems/ Everyone's gotta get bottom, bottomed out in the long run/ And those are the times you need love" ("Hey Girl"). So, oder besser noch mit Elliott Smiths "Somebody That I Used To Know" sollte man lieblose Frauen und vergebliche Lieben in die Wüste schicken. Auch sonst: Gut gelungen. Jan Wigger


Dashboard Confessional - offizielle Website

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