Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Tigerbeat und Mark Ronson, Weihnachtliches von den Blind Boys of Alabama, Re-Releases von David Sylvian und ein herrliches Box-Set von den Talking Heads.


Talking Heads - "Once In A Lifetime"
(EMI)


Was neben der Tatsache, dass es nach all den Jahren endlich ein der Bedeutung dieses unschlagbaren Quartetts angemessenes Box-Set gibt, zweifelsohne auffällt: Diese luxuriöse Zusammenstellung der Werke der schlauesten und hysterischsten Visionäre aus New York erscheint in einem höchst seltsamen und nicht gerade Platz sparenden Format: So weit in die Länge gezogen wie nur möglich, sieht dieses Ding aus wie eine Art Kinderfibel, jedoch mit nicht jugendfreiem Inhalt und Gepinsel drauf. Und freilich mit dem Unterschied, dass sich drinnen ein achtzigseitiges, exquisites Booklet mit allerlei Erinnerungen, Fotos, Anekdoten und Essays finden, die unerlässlich sind, um den ganz normalen, urbanen Wahnsinn zu durchdringen, den David Byrne so perfekt vermitteln konnte wie niemand vor oder nach ihm.

Was ist also drauf auf "Once In A Lifetime"? Insgesamt 55 Stücke auf drei CDs, die die acht Studio-Alben der Talking Heads mehr als zufrieden stellend abdecken, dazu verzweifelt Gesuchtes wie die allererste Single "Love Goes To A Building On Fire", die nicht auf der nach wie vor tollsten Heads-Platte, dem Debüt "Talking Heads 77" enthalten war. Wer, wie fast jedermann, behauptet, der Zenit sei "Remain In Light" gewesen, hat nun zumindest noch einmal die Gelegenheit, sich die frühe Meisterschaft auf "Uh-Oh, Love Comes To Town" oder "Don't Worry About The Government" zu Gemüte zu führen. Als Bonus: Die DVD "Storytelling Giant" mit den großartigen Videos der zweitbesten Band der Welt. Jan Wigger


Tigerbeat - "13 Songs"
(Buback/EFA)


Klingt zunächst fast wie eine dieser ubiquitären und schon fast wieder langweilig werdenden "The"-Bands, was Tigerbeat auf ihrem zweiten Album "13 Songs" abliefern. Aber eben nur fast. Die Hamburger Rocker haben sich von launigen Wiedergängern von Haudrauf-Combos wie der Jon Spencer Blues Explosion zu einer Band mit einem eigenen Sound entwickelt. Neben den noch immer durchklingenden Fuzz-Elementen der frühen Tage herrscht hier eine musikalische Reife und Vielfalt, die man bei vergleichbaren deutschen Rockbands derzeit schmerzlich vermisst. Soul, Blues, Pop, merkwürdige Synthesizer, die an Krautrock erinnnern, und sogar ein handfester Disco-Beat (auf "Beat Me Till I Understand") fügen sich zu einem Album zusammen, das schon nach dem ersten Hören süchtig macht. Selbst die von Zeitgeistkritik und typisch-hanseatischem Schwermut durchzogenen Texte sind eine nähere Betrachtung wert. Man dachte bisher, so etwas gäbe es nur in New York. Man hat sich geirrt. Andreas Borcholte


Tigerbeat - Homepage bei Buback Records


The Blind Boys Of Alabama - "Go Tell It On The Mountain"
(Real World/EMI)


Menschen, die ernsthaft an Weihnachten interessiert sind, bietet man von Seiten der Werber und Verkäufer gerne und oft den so genannten "idealen Soundtrack für die Festtage" an. Um sich diesbezüglich nicht unnötig veralbern lassen zu müssen, plädieren wir für die uralte Gospel-Combo The Blind Boys Of Alabama, die mit "Go Tell It To The Mountain" ein skurriles und wahrhaft unterhaltsames Weihnachtsalbum mit zahlreichen Gast-Vokalisten aufgenommen hat. Zu den Duett-Partnern zählen Solomon Burke ("I Pray On Christmas"), Tom Waits (im Titelstück), Chrissie Hynde und Richard Thompson ("In The Bleak Midwinter") und die schon vor längerer Zeit langweilig gewordene Shelby Lynne im schönen "Christmas Song". Zum Schluss noch "Silent Night", danach kann dann in aller Ruhe weiter gestritten werden.
Jan Wigger


Blind Boys of Alabama - offizielle Website


Mark Ronson - "Here Comes The Fuzz"
(Elektra/Eastwest/Warner Bros.)


Ab und zu kommen sie ans Licht, diese im Hintergrund unermüdlich werkelnden Produzenten und DJs. Der New Yorker Mark Ronson ist so ein Schattengewächs. Nachdem er sich durch Remixe (u.a. Outkast, Nelly Furtado, Moby) und die Entdeckung der R&B-Sängerin Nikka Costa einen Namen gemacht hat, vollführt der Songwriter, Knöpfchendreher und Multiinstrumentalist den nächsten - eigentlich logischen - Schritt: Er veröffentlicht ein Album unter seinem Namen. Das Besondere an "Here Comes The Fuzz" ist seine Leichtigkeit: Ronson bat Stargäste der Black-Music-Szene (u.a. Mos Def, Ghostface, Nate Dogg, Sean Paul, Tweet) ins Studio, holte noch ein paar befreundete Rocker (Weezers Rivers Cuomo, Jack White) dazu und feierte eine Riesenparty. Dabei kommen nicht nur "Always On The Run" von Lenny Kravitz und Frank Farians "Sunny" unterhaltsam unter die Räder, dabei passiert auch die wundersamerweise homogene und elegante Fusion von HipHop, Pop und Rock. Manchmal ist es eben ganz in Ordnung, wenn die Strippenzieher die Bühne betreten.
Andreas Borcholte

Mark Ronson - offizielle Website


David Sylvian - Re-Releases
(Virgin/EMI)


Einen ganzen Schwung Wiederveröffentlichtes gibt es von David Sylvian, Mitte der Siebziger Sänger und Gitarrist bei der wundersamen Londoner Band Japan, der im Zuge des "New Romantic"-Booms immerhin drei, vier Jahre lang zumindest beachtlicher Erfolg beschieden war. Allen voran die somnambule, selten schöne Platte "Secrets Of The Beehive", Sylvians Solo-Debüt "Brilliant Trees", angereichert mit Funk und Jazz und somit von vielen Japan-Fans nicht mitgetragen. Dann noch das nie enden wollende Doppel-Album "Gone To Earth" mit dem grandiosen "Before The Bullfight", schließlich die "Rain Tree Crow"-LP von 1991 in der ursprünglichen Japan-Besetzung: Sylvian jedoch wollte den alten Bandnamen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Zur Sylvian-Neuauflage kommen die Japan-Werke "Gentlemen Take Polaroids" (1980), "Tin Drum" (1981) und die Live-Dokumentation "Oil On Canvas". Das schon sehr komplette "Quiet Life" (1979) fehlt leider.
Jan Wigger

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