Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Morrissey, The Streets, Magnetic Fields, Keane und Loretta Lynn.

Morrissey - "You Are The Quarry"
(Sanctuary/Rough Trade)


Wenn "Society-Expertin" Sibylle Weischenberg Morrissey kennen würde, würde sie ganz sicher sagen: "Er wollte immer nur geliebt werden." Natürlich ist ihr Morrissey kein Begriff und somit kann sie leider nicht die geschlagene sieben Jahre lang erwartete und nun endlich erfolgende Niederkunft des Mozzfathers miterleben. Zur Erinnerung: Die Smiths waren selbstverständlich weit mehr als nur die beste Band der Achtziger Jahre und die besten Texte hatten sie sowieso. Auch Morrisseys bisherige Solo-Arbeiten, denen gern Unrecht getan wurde, waren größtenteils grandios: Zuvorderst konnten "Viva Hate", "Maladjusted", vor allem aber "Vauxhall And I" mindestens mit dem Smiths-Album "Meat Is Murder" mithalten. Morrisseys wohl geruhsames Leben in Los Angeles stellt man sich vor wie das des vergessenen Stummfilm-Stars Norma Desmond in Billy Wilders Film "Sunset Boulevard", die das Wort "Comeback" hasste, immer nur von "Rückkehr" sprach und wacker behauptete: "I'm still big. It's the pictures that got small." Was soll man bloß über ein solch phantastisches Album wie "You Are The Quarry" sagen? Dass "First Of The Gang To Die", "I Have Forgiven Jesus" und "Come Back To Camden" die überwältigendsten Songs seit "Now My Heart Is Full" und "Lifeguard Sleeping, Girl Drowning" sind? Dass keine einzige Platte von Morrissey je so klar, so konzise, so frei von jeglichen Schwachpunkten war? Dass Morrissey auch noch besser singt als jemals zuvor? "Existence is only a game/ And I'm not sorry for the things I've done/ And I'm not looking for just anyone" ("I'm Not Sorry"). Es ist das alte Lied, zweifellos, doch den süßen Größenwahn und den tröstenden Narzissmus dieses Mannes haben wir vermisst wie nichts anderes. "You Are The Quarry" ist der späte Triumph des eitlen Scharfschützen. (10) Jan Wigger


Popsänger Morrissey: Der Papst der Einsamkeit
Morrissey - offizielle Website 


The Streets - "A Grand Don't Come For Free"
(WEA)


Anlässlich des zweiten The-Streets-Albums "A Grand Don't Come For Free" kann man das ja einfach mal so sagen: Mike Skinner ist wohl so ziemlich der coolste Typ, der in ganz Süd-London rumläuft. Im wundervollen "Could As Well Be In" verliebt er sich in die schlechteste Pool-Billard-Spielerin unter der Sonne und schätzt seine Chancen bei ihr danach ab, wie oft sie in seiner Gegenwart mit ihren Haaren spielt, weil er irgendwo gehört hat, dass das etwas zu bedeuten hat. "If she played with her hair, she's probably keen/ She's playing with her hair, well, regularly/ So I reckon I could well be in". In "Get Out Of My House" streitet Skinner erbittert mit seiner Freundin und rechtfertigt sich halbherzig: "You don't care about my broken TV/ I sit on my sofa all day smoking weed/ I never phone that bloke from the TV company/ Don't be like this, please, please, please". Einige der neuen Tracks sollen vom in East London grassierenden neuen Musikstil "Grime" inspiriert sein, aber das ist im Grunde egal. Das Erstaunliche ist vielmehr, dass Skinner sich plötzlich auch im Soul-informierten Balladenfach als Könner erweist: "Dry Your Eyes" ist eines der rührendensten Stücke der letzten Zeit. So ist "A Grand Don't Come For Free", wie schon "Original Pirate Material", eine vollkommen großartige Platte. Bitten sie Mike Skinner nicht, über sich selbst oder seine Musik zu reflektieren: Dieser Könner nimmt sich das absolut wohl verdiente Recht, zu schweigen. Ein Album wie dieses erklärt sich von selbst. (9) Jan Wigger

Abgehört: The Streets - "Original Pirate Material"
The Streets - die offizielle deutsche Website 


The Magnetic Fields - "I"
(Nonesuch/WEA)


Stephin Merritt treibt es auf die Spitze: "I" heißt die neue LP der Magnetic Fields und sämtliche Stücke fangen mit dem Buchstaben "I" an: Von "I Die" bis "It's Only Time" handeln Merrits Lieder wieder weitestgehend von der Liebe, wie schon auf "69 Love Songs&", die Merritt vor rund fünf Jahren auf drei CDs veröffentlichte. Aber kennen sie jemanden, der die dritte CD von "69 Love Songs" ebenso verinnerlicht hat, so oft gehört hat, wie die Erste? Eher nicht. "I" dagegen ist sehr konzentriert ausgefallen und sagt uns zudem alles über das Werden und Vergehen der Hingabe. "There'll be some day when your eyes do not enthrall me/ I'll be numb, I realize you'll never call me/ Cause I've read your horoscope and now I've given up all hope/ So I don't really love you anymore" ("I Don't Really Love You Anymore"). Merritts lakonische Poesie der Vergeblichkeit im fast kammermusikalischen Pop-Gewand bleibt universal und mit "I Don't Believe You" hat er zudem einen Song geschrieben, der in diesem Jahr sogar dem geradezu göttlichen "Our Mutual Friend" von The Divine Comedy das Wasser reichen könnte. It's all true. (8) Jan Wigger


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Keane - "Hopes And Fears"
(Island/Universal Music)


"Everybody's changing/ And I don't feel the same"("Everybody's Changing"). Recht früh, nämlich auf ihrer allerersten Single haben Keane bereits den Lauf der Dinge erkannt. Beim Hören von "Hopes And Fears" nimmt man anfangs gar nicht wirklich wahr, dass Keane weder einen Bassisten, noch einen Gitarristen beschäftigen, sondern lediglich mit Gesang (Tom Chaplin), Piano (Tim Rice-Oxley) und Schlagzeug (Richard Hughes) operieren. "Somewhere Only We Know" ist ohne jeden Zweifel ein Hit, eine Hymne der empfindsamen Sorte gar, der für den anämischen Mist von Vega 4 und das hohle Pathos von Muse gleich doppelt und dreifach entschädigt. Die berechtigte Frage, ob jener Keane braucht, der doch Travis, Coldplay oder von mir aus auch Starsailor hat, lässt sich recht leicht beantworten: Nichts ist neu, aber fast alles ist grundsympathisch auf "Hopes And Fears". Persönliches Risiko weitestgehend ausgeschlossen. (7) Jan Wigger


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Loretta Lynn - "Van Lear Rose"
(Interscope/Universal Music)


"I want you out of my head and back in my bed/ Before the morning sun comes up/ I can&'t stand another night without holding me tight/ How I miss your lovin' touch" ("Out Of My Head & Back In My Bed"). Auch wenn man sich an diese und andere frühe Zeilen Loretta Lynns möglicherweise noch erinnert, liegen die (auch kommerziell) erfolgreichen Zeiten längst hinter der mittlerweile 70-jährigen Honkytonk- und Country-Sängerin. Nun ist bizarrerweise Jack White von den White Stripes der Produzent der neuen Lynn-Platte "Van Lear Rose", die zwischen recht traditionellem, transparenten Singer/Songwriter-Folk und staubigem Blues changiert. Er spielt die Gitarre fiebrig auf "Little Girl Shoes", er singt mit in "Portland, Oregon", seine Produktion ist schlicht und angemessen, kurz: Er stört in keinster Weise. Wie man die Wahrnehmung des durchschnittlichen Alternative-Country-Konsumenten auf eine tendenziell eher uncoole, aber große Platte wie diese lenken könnte, bleibt ein weiteres Problem, doch wir versuchen es trotzdem mal: Wer sogar die ganz frühen, spröden Alben von Lucinda Williams verehrt, kann sich "Van Lear Rose" ungehört zulegen.
(8) Jan Wigger


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