Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Graham Coxon, Broken Social Scene, Lenny Kravitz, Pedro the Lion und Gomez.


Graham Coxon - "Happiness In Magazines"
(Parlophone/EMI)


Coxon ohne Blur, Blur ohne Coxon: Es hat sich gar nicht so viel geändert. Blur haben auf ihrem besten Album "Think Thank" die Entgrenzung weiter voran getrieben, Coxon veröffentlicht nach wie vor sehr viele Platten in sehr kurzer Zeit - und die Zahl grandioser Coxon-Stücke (zuletzt: "Bitter Tears" und "Mountain Of Regret") steigt an. Er scheint das Eingängige immer mehr zu lieben, Evergreens wie "Bitter Sweet Bundle Of Misery" oder "Bottom Bunk" schüttelt er ganz locker aus dem Ärmel, singt berückend, liegt herum, schaut Fernsehen und geht noch einmal durch das Haus seines verstorbenen Großvaters ("Ribbons And Leaves"). "Happiness In Magazines" fasst es noch einmal zusammen, das Desperate von "The Sky Is Too High", das Wüste von "The Golden D" das Erratische von "Crow Sit On Blood Tree", auch das kultivierte Songwriting-Handwerk, dass "The Kiss Of Morning" so durchweg gelingen ließ. Der große Verzweiflungsvirtuose, der die alte Band nicht mehr braucht - er soll bloß weiter schreiben. (8) Jan Wigger


Graham Coxon - offizielle Website


Broken Social Scene - "You Forgot It In People"
(Arts&Crafts/Alive)


Zu den mit Abstand unangenehmsten Zeitgenossen überhaupt sind jene Schwätzer zu zählen, die ungefragt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonen, der Indie-Rock der neunziger Jahre sei tot, ja mindestens so tot wie Gott. Diese Menschen sind die wahren Nerds, und es gilt, sich überall dort von ihnen fernzuhalten, wo eine geistreiche Konversation entstehen soll. Aus Mitleid kann man ihnen jetzt jedoch auch "You Forgot It In People" von Social Broken Scene schenken. Diese kanadische Indie-Supergroup, die aus mindestens zehn Leuten besteht, geistert schon seit vielen Monaten durchs Internet und siehe da: Das Album ist in den USA bereits seit anderthalb Jahren veröffentlicht und findet nun auch hier den Weg in die Hände einer eher desillusionierten Käuferschaft Anfang 30. Über "You Forgot It In People" könnte man mit Zuhilfenahmen der Vokabeln Flaming Lips, Tortoise, Post-Rock, Sonic Youth und Godspeed You Black Emperor nun trefflich spekulieren. Man kann es aber auch einfach mal sein lassen. Uneasy Listening, sehr angenehm. (7) Jan Wigger

Broken Social Scene - offizielle Website


Lenny Kravitz - "Baptism"
(Virgin/EMI)


"I don't wanna be a star/ Just want my Chevy and an old guitar", singt Lenny Kravitz in "I Don't Wanna Be A Star". Zu spät, kann man da nur sagen. Kaum ein männlicher Solokünstler war in den vergangenen Jahren erfolgreicher als der attraktive Afro-Amerikaner, der 1989 mit seinem Album "Let Love Rule" auf den Plan trat. Beatles, eine Prise Kiss, eine Portion Aerosmith und viel Jimi Hendrix, das ist der Fundus, aus dem sich Kravitz seitdem bedient, so auch auf seinem siebten Werk "Baptism". Schade eigentlich, denn ursprünglich wollte der Sänger, Songwriter und Multinstrumentalist ein reines Funk-Album aufnehmen und hatte sich sogar schon seine Afro-Krause aus dem Haar ziehen lassen, um Prince ähnlicher zu sehen. Doch dann machte er Station in New York, wo einst sein Debüt entstand - und ließ sich von der Nostalgie mitreißen. Im ehrwürdigen Edison Hotel schrieb, spielte und produzierte er im Alleingang 13 zumeist nabelschauende neue Songs, die nun eben so klingen, wie seine Songs immer klingen: Rockig, poppig, ein bisschen dirty, ein bisschen soft. Natürlich muss man schon vor Kravitzs reinem Talent Respekt zeigen, doch gewisse Abnutzungserscheinungen der guten, alten Retrorock-Masche sind auf "Baptism" leider spürbar. Für alle Kravitz-Fans ist das Album natürlich ein klares Muss, schon wegen pumpend-groovender Hits wie "Minister Of Rock'n'Roll oder "Flash". Mit "Storm" revanchiert sich Rapper Jay-Z für das Kravitz-Duett "Guns'n'Roses" auf seinem letzten Album, eine HipHop-Novität im Kravitz-Kosmos. Das Funk-Album hätte man trotzdem lieber gehört. (6) Andreas Borcholte

Interview mit Lenny Kravitz: "Musik ist sexy. Cool sein ist sexy"
Lenny Kravitz - offizielle Website
Lenny Kravitz - offizielle deutsche Website


Pedro The Lion - "Achilles Heel"
(Jade Tree/Cargo)


Nach einem Löwen, der ursprünglich einmal die Hauptfigur in einem Kinderbuch werden sollte, hat David Bazan vor Jahren seine kleine Band benannt. Der Löwe Pedro ziert dieses Mal das Cover: wenig friedfertig und verwundbar, wie die traurigen, aber immer auch tröstlichen Stücke von Pedro The Lion. "You woke up sicker than you'd ever been/ You threw up and shit the bed/ And there was no one there to clean you up/ And the room was spinning all around/ Make a fist and take a deep breath/ Close your eyes and count to ten/ Just keep swinging til you're over it" ("Keep Swinging"). Sämtliche Pedro The Lion-Platten sind großartig (und diese hier ist im Gegensatz zu "Control" sogar beschwingt zu nennen), doch wundert man sich von mal zu mal mehr, dass dieser Verfechter der eigenen Nutzlosigkeit immer wieder aufsteht, um eine neue zu machen. Criticism as inspiration. (7) Jan Wigger


Pedro the Lion - offizielle Website


Gomez - "Split The Difference"
((Hut/Virgin/EMI)


An den bisherigen Alben der britischen Band Gomez wurde ja immer mal wieder folgendes ausgesetzt: Die Songs klängen insgesamt zu disparat und vertrackt oder wahlweise zu "hippiemäßig", sie hätten noch nie ein von vorne bis hinten großartiges Album veröffentlicht und der eine Sänger würde immer bloß knödeln wie Eddie Vedder von Pearl Jam. All diese Kritikpunkte sind durchaus nicht falsch, ganz im Gegensatz zu jenem, der unlängst laut wurde: Gomez würden jetzt übrigens auch klingen wie die Strokes! Was für ein Unsinn. Gomez klingen immer noch so ähnlich wie auf "In Our Gun", und beinahe "geradliniger Rock", wie die Plattenfirma erstaunt bekannt gibt, ist es auch nicht. "Sweet Virginia" ist schon herrlich und auch "Extra Special Guy" geglückt, doch eine von vorne bis hinten großartige Platte ist auch "Split The Difference" nicht geworden. Gomez könnten natürlich, doch der Kniff ist ja, dass sie gar nicht wollen. So muss ein "Ziemlich gut." für dieses Mal reichen. (6) Jan Wigger


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