Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Ewiges von The Libertines, Wehmütiges von Jeff Buckley, Überreizt-Ruheloses von Clinic, Räumliches von Das Weeth Experience und Venus in Flames zwischen Klischee und Potenzial.


The Libertines - "The Libertines"
(Rough Trade/Sanctuary)


Wenn man unbeteiligten Lohnschreibern zuerst die neueste Messer-Kollektion präsentiert und danach gleich fragt, wo es denn hier Drogen gibt. Wenn die mittlerweile gefeuerte Managerin den Tourbus absperrt, obwohl die Groupies verfügbar und gefügig sind. Wenn man in den Knast geht und dann ins Kloster und nicht geläutert, aber mit Ideen für die lässigsten, furchtlosesten, verwegensten, verspieltesten, unglaublichsten Songs wieder rauskommt - dann ist es wieder Zeit für die Libertines. Schon das Cover des zweiten Albums, dass gar nicht anders heißen kann, als "The Libertines", sagt viel über Größe und Elend des Menschen, die meist herzzerreißenden Texte dagegen alles über die verlorene Zeit von Carl Barat und Pete Doherty, über die wir glaubten, alles, wirklich alles schon zu wissen. Diese Platte lässt sich mit dem sensationellen Garagen-Debüt "Up The Bracket" allerdings nur schwer vergleichen. Die Mundharmonika in "Can't Stand Me Now" - nur ein paar kurze Momente lang, aber für die Ewigkeit. Oder wie in "Narcissist" immer wieder "You Really Got Me" angetäuscht wird. Wie wüst und doch präzise und empfindlich gespielt wird in "The Man Who Would Be King", im manisch rasenden "Campaign Of Hate" oder im ganz wunderbaren "Music When The Lights Go Out". Und ganz zum Schluss fasst "What Became Of The Likely Lads" sie dann zusammen, diese unerhörte Geschichte einer unmöglichen Freundschaft, die so atemlos macht, weil sie gerade erst beginnt. "Just blood runs thicker, oh/ We're thick as thieves, you know/ If that's important to you, it's important to me". Die Tür für Pete stehe zu jeder Zeit offen, sagt Carl. Denn die Libertines, das ist für immer. (10) (VÖ: 30. August 2004) Jan Wigger


Jeff Buckley - "Grace: Legacy Edition"
(Columbia/Sony)


Wer den großen Sensibilisten und Spiritualisten Jeff Buckley in der schmalen, aber aufschlussreichen Dokumentation, die dieser Veröffentlichung beiligt, über seine allumfassende, alles umarmende Liebe zur Musik sprechen hört, weiß letztgültig, dass es sich beim frühen Tod des empfindsamen Songschreibers nur um einen schrecklichen Badeunfall und um nichts anderes handeln konnte. Buckley war in den Neunzigern gemeinsam mit Elliott Smith der Talentierste von allen und "Grace" eine bohrende, brennende Platte von so schmerzhafter Intensität wie vielleicht nichts mehr danach. Zehn Jahre ist "Grace" mittlerweile schon alt, und das Nötigste wird nun veranlasst: Wie jüngst schon "Live At Sin-É", gibt es nun auch "Grace" in der so genannten "Legacy Edition", bestehend aus Buckleys klanglich optimiertem Album-Debüt, einer Bonus-CD mit meist noch unveröffentlichten Raritäten und Cover-Versionen, schließlich einer knapp einstündigen DVD mit einigen wenigen Videos und Gesprächen mit dem Melancholiker, mit Freunden und Weggefährten. Diese Dreingaben sind zufriedenstellend, doch nichts macht diese Anschaffung so dringlich wie "Forget Her", einem wehmütigen Song, den Buckley in letzter Minute zugunsten von "So Real" von "Grace" wieder herunternahm: "Oh my tears fall down as I tried to forget/ The love was a joke from the day that we met/ All of the words, all of her men/ All of my pain when I think back to when/ Remember her hair as it shone in the sun/ It was there on the bed when I knew what she'd done/ Tell yourself over and over you won't ever need her again." Der alles zersetzende Schmerz des Vergessens. Wer nie geliebt hat, wird es nicht verstehen. (Keine Wertung) Jan Wigger


Jeff Buckley - offizielle Website

Clinic - "Winchester Cathedral"
(Domino)


Was weiß man denn schon über Clinic? Dass sie schon früh von Radiohead gemocht wurden, überrascht nicht, die Grammy-Nominierung für "Walking With Thee" schon mehr. Während die Libertines nach nur zwei Alben so viel Klatsch-Material mitbringen, dass Liam Gallagher sie eigentlich hätte adoptieren sollen (was wiederum daran gescheitert wäre, dass er hierzu ein Formular hätte ausfüllen müssen), findet das Zerlegen und Zusammensetzen, das Clinic aus Liverpool in ungeahnter Perfektion beherrschen, weiter im Verborgenen statt. Die gespenstischen Orgeln, Ade Blackburns befremdliche Melodica-Einlagen und manchmal sogar Engelsgesänge bilden noch immer das Gerüst von sehr wohl eingängigen Stücken wie "Anne", die jedoch genauso gut schon auf "Internal Wrangler" gepasst hätten. Diese erste Clinic-LP bot kontrollierten Wahnsinn und wurde schon von vielen besorgten Bekannten beim Nachmittagstee nicht ganz zu Unrecht als "krank" bezeichnet. Das Überreizte und Ruhelose an "Winchester Cathedral" ist auch deswegen so gut, weil man immer wieder beruhigende Tracks wie etwa "Falstaff" dazwischen schiebt. Sowieso mit das Betörendste, was es bisher von Clinic zu hören gab. (7) Jan Wigger


Clinic - offizielle Website

Das Weeth Experience - "The Accentric Sounds Of ..."
(Dian Recordings/Indigo)


An der Hamburger Band Das Weeth Experience, mittlerweile fast zwölf Jahre alt, hat von Beginn an der Name am meisten fasziniert. Ständig fragte man ältere Musiknerds, was er wohl bedeuten möge, doch niemand wollte Auskunft geben. Bitter enttäuscht von der Menschheit ließ man Platten wie "Planeeth Weeth" (1996) im Schaufenster stehen und kaufte doch wieder die neue Sonic Youth. Mit "The Accentric Sounds Of....." haben Das Weeth Experience ihren wunderlichen, sehr räumlichen und nur unter Mühen beschreibbaren Sound (Giant Sand oder Calexico zu erwähnen, wäre jedenfalls nicht völlig falsch) noch einmal verfeinert und mehr Platz gelassen für Feedbacks, Zwischentöne und kratzige Stimmen aus dem Nichts. Eine dreiteilige Suite sowie sieben weitere Stücke, unter denen "Rusty Stars" und "The Sum Of Some Sometimes" herausragen, wurden von Halbgott Tobias Levin im weltbekannten "Electric Avenue"-Studio produziert. (7) Jan Wigger


Das Weeth Experience - Website von Indigo Records

Venus in Flames - "Notes Of Tenderness"
(Lipstick Records/Supermusic/Alive)


Immer mehr Journalisten berichten über neue Musik aus den Benelux-Staaten, und die meisten schienen begeistert, als die belgische Band Venus In Flames "Notes Of Tenderness" dort veröffentlichte. Man solle Jan De Campenaere, das ist der Sänger, doch bitte recht schnell mit Paul McCartney, Jim Keltner und einer Menge Geigen in ein Tonstudio einsperren, schrieb einer, der sich vor Begeisterung wohl nur noch schwer halten konnte. Es sind ja auch wirklich nette Songs auf "Notes Of Tenderness", das irgendwo zwischen Travis und den späten The Verve balanciert. De Campenaere konnte Sarah Bettens (K's Choice), Bart Maris (dEUS) und Tom Kestens (Das Pop) als Gastmusiker gewinnen. Gemeinsam trauert man nun Frauen wie Cynthia hinterher. "I feel like I am fading/ I've lost my holy ground/ Maybe there's a chance that the lost will be found" ("Cynthia's Gone"). Die Texte bleiben leider so klischeehaft, musikalisch besteht allerdings noch viel Potenzial. (6) Jan Wigger


Venus in Flames - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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