Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead, LCD Soundsystem, Mando Diao, Lou Barlow und Mercury Rev.


...And You Will Know Us By The Trail Of Dead - "Worlds Apart"
(Interscope/Universal)

Die Zeit, in der sich neues Material von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead" ankündigt, ist nicht selten die Zeit des Bangens, des Hoffens und der totalen Ratlosigkeit. Kann man jeden Triumph noch einmal überbieten? Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, die Rockmusik an sich hätte jemals gerettet werden müssen, hätten Trail Of Dead aus Austin, Texas die Sache bereits mit ihrem letzten Album "Source Tags & Codes" erledigt: "It Was There That I Saw You" oder "Relative Ways" waren höchst raffinierte Stilübungen in Zertrümmerung, ausgeübt von drei Wahnsinnigen, die gleichzeitig Bildungsbürger waren und ganz genau wussten, dass sie auserwählt wurden, es besser zu machen als der schäbige Rest. Nun mag es unglaubhaft klingen, aber "Worlds Apart", ein symphonisches Schlachtengemälde, das zwei Schlagzeuger, Andrew Lloyd Webber, Johann Sebastian Bach, William Shakespeare und die mutwillige Zerstörung des amerikanischen Traums mit sich bringt, ist sogar noch großartiger. Aber hieß es nicht in anderen Medien, "Let It Dive" würde wie Oasis klingen? Das tut es, aber hier haben sich die Ungläubigen auch den einzigen Song eher herkömmlichen Aufbaus auf "Worlds Apart" herausgegriffen. Der ganze Rest ist heimtückischste, beunruhigendste, pathetischste Rockmusik mit gebrüllten Melodien, aus Tränen geboren und nur möglich auf einem Album von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead. "How they laughed as we shovelled the ashes of the Twin Towers/ Blood and death, we will pay back the debt for this candy store of ours", schreit Conrad Keely im Refrain des umwerfenden Titelstücks. Das Weiße im Auge, auf Platte gebannt. (9) Jan Wigger

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead - offizielle deutsche Website

LCD Soundsystem - "LCD Soundsystem"
(Labels/EMI)

Was ist eigentlich Punk? In den Achtzigern, als James Murphy in einer unsäglichen Kleinstadt in New Jersey aufwuchs, waren Punkbands alle, die nicht Mainstream waren: Violent Femmes, NEU!, Talking Heads, Liquid Liquid, A Certain Ratio, Black Flag - ganz egal, Hauptsache, es war anders. Diese Haltung hat Murphy verinnerlicht, deshalb macht er heute Punk, der fast ganz ohne Gitarren auskommt, aber dafür die Houseclubs rockt. Zusammen mit seinem Partner Tim Goldsworthy betreibt Murphy nicht nur die angesagte New Yorker Plattenfirma DFA, sondern auch das LCD Soundsystem, das vor drei Jahren seine erste Nummer ("Losing My Edge") herausbrachte und damit dem britischen Szeneblatt NME glatt den Titel "Single of the Week" abrang. Inzwischen ist Murphy auch als erfolgreicher Produzent von tanzwütigen Retro-Acts gefragt (Radio 4, The Rapture). Mit "LCD Soundsystem" erscheint nun das erste Album von Murphy und Goldsworthy, beides desperate Seelen, die in den Neunzigern den Glauben an gute Musik verloren und daher beschlossen, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Zu hören sind neun stilistisch so unterschiedliche Stücke, dass man kaum erahnen mag, wie viel Experimentierwille noch in den beiden Freaks stecken mag. Die Bandbreite reicht von stampfenden Club-Hymnen wie der ersten Single "Daft Punk Is Playing At My House" (nur auf den ersten Blick eine Verbeugung vor den französischen Tanz-Päpsten), bis zur filigranen Beatles-Ballade "Never As Tired As When I'm Waking Up". Dazwischen wird gegen die von den Journalisten erfundenen Poptrends geätzt ("Movements") oder gleich der ganze Hype um den Musiker-Ruhm generell bezweifelt ("Disco Infiltrator"). Pulsierendes wie "Too Much Love" oder "on Repeat" beackert derweil jenes Feld, das die inzwischen müden Chemical Brothers nach ihrem zweiten Album wüst und leer hinterlassen haben: Tanzflächenrock mit Bass und "Balls". Und damit der letzte Schrei in Sachen Disko-Retrorock auch hübsch beisammen ist, gibt's alle alten LCD-Singles als Bonus-CD dazu. Wenn Punk im Jahr 2005 so klingen soll: Mehr davon! (8) Andreas Borcholte

LCD Soundsystem - offizielle Website

Mando Diao - "Hurricane Bar"
(EMI)

Es hat wohl seine Gründe, dass man überdurchschnittlich oft auf Menschen trifft, die Mando Diao schon ablehnen, ohne auch nur einen Ton gehört haben: Die sehr junge Band aus dem schwedischen Borlänge hat schon zu Zeiten ihres furiosen Debüts "Bring 'Em In" behauptet, besser zu sein als all die Bands, nach denen sie klingen: The Beatles, The Who, The Jam, Small Faces und der Rest der üblichen Verdächtigen. Zudem brach unter den Gralshütern der Sixties-Pop-Invasion rasch Besorgnis aus: Dürfen vier schwedische Flitzpiepen so beachtlich frisiert sein und überdies die Leichen heiliger, britischer Bands fleddern? Entscheidend ist allein dies: Auch "Hurricane Bar" ist wieder eine feine, fiebrige Angeber-Platte geworden, etwas weniger dringlich vielleicht, dafür mit noch mehr Sicherheit im Auftreten und getragen von offensichtlich lückenlosen Kenntnissen über den Plattenschrank der eigenen Eltern. Einen künftigen Evergreen wie "Annie's Angle" hauen Mando Diao so ganz nebenbei raus, in "You Can't Steal My Love", dem besten unter vielen tollen Songs, wird die apodiktische Band-Philosophie noch ein weiteres Mal erklärt: "And all the love we've got in store, you can't kill/ You peasants! We won it all". Besser ist, wir haben schon mal Angst. (8) Jan Wigger

Mando Diao - offizielle Website

Lou Barlow - "Emoh"
(Domino/Rough Trade)

Zu all den unzähligen unsterblichen Helden des amerikanischen Indie-Rock zählen nicht nur schrullige Zeitgenossen wie Evan Dando, Stephen Malkmus oder J.Mascis. Auch Lou Barlow gehört dazu, bekannt durch seine wunderbaren Lo-Fi-Bands und Wortschöpfungen wie Sebadoh, Sentridoh und The Folk Implosion. Als großer Lebensmelancholiker war Barlow fast immer traurig. Ein befreundeter US-Musiker erzählte einmal, dass Barlow sich während einem seiner Konzerte direkt auf der Bühne umbringen wollte und nur durch einen herbei eilenden Fan davon abgehalten werden konnte, der sich nicht damit abfinden wollte, in Zukunft keine weiteren Barlow-Platten mehr käuflich erwerben zu können. Seinem unbestritten schönsten Song "Too Pure" (zu finden auf "Harmacy" von Sebadoh) fügt Barlow nun noch ein paar weitere schöne Songs wie "If I could" oder "Puzzle" hinzu, eingespielt mit Freunden oder allein an der akustischen Gitarre. "I know I wanted more than you could give to me/ I know there'll come a day I understand/ Until then I'll be trying to solve a mistery/ Wonder why I couldn't make you stay", singt Lou in "Legendary": Solange Barlow das Leben genau so beschreibt, wie es ist, muss er weiter machen. (7) Jan Wigger

Lou Barlow - offizielle Website

Mercury Rev - "The Secret Migration"
(V2 Records/Rough Trade)

Wenn man die Anfänge von Mercury Rev, die es nun auch schon rund anderthalb Jahrzehnte gibt, mit dem aktuellen Album "The Secret Migration" vergleicht, stellt man doch immer wieder fest, wie erstaunlich die Entwicklung vom psychedelisch-verstiegenen Noise-Rock zu den Traumtänzereien war, die sich Jonathan Donahue, Sean "Grasshopper" Mackowiak und die anderen spätestens seit dem seinerzeit vollkommen abseitigen "Deserter's Songs" (1998) patentieren ließen. Kaum eine Rezension kam damals ohne Erwähnung der berühmten "singenden Sägen" aus, die Feierlichkeit und Herrlichkeit dieser Platte blieb unwiederholbar. Und war schon "All Is Dream" eine gekonnte, aber eben auch etwas unbefriedigende "Deserter's Songs"-Variation, wird auch bei den jüngsten Stücken das alte Erfolgsrezept noch einmal strapaziert. Der Gesamteindruck bleibt daher zwiespältig: "Secret For A Song" oder "First-Time Mother's Joy" sind zwar beeindruckend, doch davon abgesehen treten Mercury Rev nun schon seit längerer Zeit auf der Stelle. (6) Jan Wigger

Mercury Rev - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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