Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Elegischer Zauber von The Arcade Fire, gelungene Retroseligkeit von Moby, Spätes von The Concretes, ein Verlust von Finesse bei Athlete und eine kleine Box der großen Yo La Tengo.


The Arcade Fire - "Funeral"
(Merge/Rough Trade)

Die üblichen Informanten, die vorzugsweise spät in der Nacht anrufen und voller Leidenschaft Songzeilen durchs Telefon singen, die man noch gar nicht kennt, hatten "Funeral" natürlich schon vor einem halben Jahr als Import. In der Zwischenzeit wurde das Album von der internationalen Presse exorbitant hoch bewertet , die bald genervte und unsinnigerweise gern mit den Talking Heads verglichene Band aus Montreal zu unzähligen Gesprächen mit sogenannten Medienpartnern gezerrt und die Hintergrundgeschichte für "Funeral" enthüllt (drei Todesfälle in der Famile von Sänger Win Butler). Was macht die Band The Arcade Fire so brillant? Die Violinen, der Kontrabass, das Piano, die flirrenden Gitarren, die Erhabenheit. Der Gesang von Win Butler, in Modest Mouse-Manier gekränkt ("Neighborhood 2 (Laika)") oder ganz empfindsam und vielleicht einzig mit Daniel Bejar von Destroyer vergleichbar. Auch Butlers Frau Régine Cassagne singt umwerfend im abschließenden "In The Backseat". Die zehn symphonischen, elegisch-zauberhaften und sonderbaren Stücke schwingen sich in höchste Höhen auf und fallen unmerklich wieder in sich zusammen. "They say it fades if you let it / Love was made to forget it / I carved your name across my eyelids / You pray for rain, I pray for blindness", singt Butler im ans Herz fassenden "Crown Of Love". All die toten und die lebendigen Lieben - The Arcade Fire haben sie in einzigartigen Songs verewigt.(9) Jan Wigger

Arcade Fire - offizielle Website

Moby - "Hotel"
(Mute/EMI)

Moby, der vegetarische Glatzkopf mit dem Politbewusstsein, ist schon ein Phänomen: Ganz unabhängig von seiner medial aufgeputschten Fehde mit Eminem erzeugt der Nachfahre Herman Melvilles so viele Antipathien, dass man sich fragt, was denn an dem Mann so provoziert. Täte er immer nur dasselbe, könnte man ja sagen, er nervt. Kaum ein Künstler aber wechselte seinen Stil so oft wie der schüchterne New Yorker. Die elegischen Gospel- und Blues-Samples der letzten beiden Alben fingen wahrlich an, ein bisschen streng zu riechen. Das fand Moby wohl auch und zeigt eine bisher unbekannte Facette. Nicht Techno, nicht Punk und nicht House heißt das Motto der fünften Platte, sondern Retroseligkeit. "Hotel", vom Künstler in seinem Apartment fast im Alleingang aufgenommen, führt uns zurück in die späten Siebziger und frühen Achtziger und lässt uns einen Blick in Mobys Plattenregal werfen. David Bowie finden wir da, Roxy Music, Joy Division und New Order, deren "Temptation" er in eine ätherische Ballade verwandelt. Ätherisch? Also doch wieder der übliche Schmus. Nein, denn Samples und störende Opulenz gibt es auf "Hotel" nicht. Moby singt meistens selbst und sinniert über die Themen, die ihn eben beschäftigen: Regen, Liebe, Sex und die böse Bush-Regierung. Spröde und unaufdringlich kommt das Album daher und wirkt sehr privat. Man kann sich förmlich vorstellen, wie Moby in seiner New Yorker Wohnung hockt und aus dem Fenster in einen grauen Herbsthimmel stiert. Sie finden das abschreckend? Das war Becks "Seachange" beim ersten Hören auch, aber dann ... Ob man Moby mag oder nicht, in dieses Hotel einzuchecken kann sich lohnen. (7) Andreas Borcholte

Moby - offizielle Website

The Concretes - "The Concretes"
(Heavenly/EMI)

Ein treffliches Beispiel dafür, dass man den meisten Menschen einfach nur Zeit lassen muss, bevor sie etwas zustande bringen, ist das kommunenähnlich organisierte Oktett The Concretes aus Schweden. Vor zehn Jahren als popinformiertes Mädchen-Trio zusammen gekommen, vor sechs Jahren drei männliche Mitglieder hinzu gewonnen, vor fünf Jahren nochmal zwei und zwischendurch drei EPs eingespielt - so lässt es sich leben in Stockholm, der Stadt der kleinen und meist fabelhaft sortierten Plattenläden. Bei einer solch großzügigen Anlaufzeit verwundert die Zahl der kaum verhüllten Einflüsse auf dem Album-Debüt "The Concretes" (Die LP "Boy You Better Run Now" aus dem Jahr 2000 kompilierte lediglich zwei der EPs) nur wenig: Victoria Bergsmans aufreizendes Hauchen erinnert in den ruhigen, traumverlorenen Stücken an Hope Sandoval von Mazzy Star und in den kraftvolleren Passagen tatsächlich ein wenig an Diana Ross, deren Namen auch ein Song auf diesem Album trägt. Dennoch keine Coverversion: das vorbildlich verhallte "You Can't Hurry Love". (7) Jan Wigger

The Concretes - Offizielle Website

Yo La Tengo - "Prisoners of Love"
(Matador/Beggars Group/Indigo)

So ein kleines Box-Set von Yo La Tengo zum 15-jährigen Jubiläum hat uns ja gerade noch gefehlt: Seit nun also schon anderthalb Dekaden gehören Bassist James McNew und das Ehepaar Georgia Hubley und Ira Kaplan zu den erklärten Lieblingsbands eines jeden vernünftigen Indie-Rockers. Zwei der wundervollsten Filme über Großstadt-und Kleinstadt-Nerds, "American Splendor" und "Napoleon Dynamite" , hätte man mit Yo La Tengo-Songs perfekt orchstrieren können; in "I Shot Andy Warhol" durfte die Band aus Hoboken, New Jersey, immerhin Velvet Underground spielen. Insgesamt drei CDs enthält die billig zu erstehende Box "Prisoners Of Love": 26 der schönsten Stücke aus allen Schaffensperioden auf den CDs 1&2, auf der dritten Raritäten und Outtakes wie "Almost True" und "Magnet", bei denen man sich mit Fug und Recht fragen kann, wieso ihnen der Zugang auf einer der vielen Yo La Tengo-LPs verwehrt blieb. Und was war nun eigentlich in all den Jahren die größte unter den Kostbarkeiten aus Hoboken? Wir können uns auch nicht entscheiden und wählen gleichauf die beiden Spätwerke "I Can Hear The Heart Beating As One" (1997) und "And Then Nothing Turned Itself Inside-Out" (2000). (Keine Wertung) Jan Wigger

Yo La Tengo - offizielle Website

Athlete - "Tourist"
(EMI)

Vor zwei Jahren ging das recht clevere Athlete-Debüt "Vehicles & Animals" unberechtigterweise etwas unter. Schade, denn mit der Finesse von "El Salvador", "You Got The Style" oder "Shake Those Windows" ist auf dem zweiten Athlete-Album "Tourist" auch schon wieder Schluss. Die Band aus London zieht es stattdessen zum Bombast, zum erhebenden Piano und zu ausladenden Stücken wie "If I Found Out", das standesgemäß von einem Gospelchor beendet wird. Ob "Tourist" hierzulande nun noch schwieriger verkäuflich ist? Bei der feinen Single "Wires", einer Nachbetrachtung Joel Potts über die plötzlich auftretenden Herzprobleme seiner gerade erst geborenen Tochter, stimmt fast alles, doch auf Albumlänge fehlen der Band die Emphase und die großen Songs, die ähnlich konzipierte Platten wie "The Last Broadcast" (Doves) oder "Parachutes" von Coldplay ausgezeichnet haben. (6) Jan Wigger

Athlete - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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