Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Hard-Fi liefern eine der besten Singles des Jahres, Caitlin Cary wartet auf Americana-Fans, die Editors schlagen sich mit dem Interpol-Vergleich herum, Katze lassen Punk aufleben, und die Raveonettes haben das Etikett "Retro" wirklich verdient.


Hard-Fi - "Stars Of CCTV"
(Necessary Records/Atlantic/Warner)

Weil über diese leicht nach The Clash, The Specials und den Happy Mondays klingende Platte von nicht wenigen Lifestyle-Magazinen geschrieben werden wird, sie würde "einfach nur Spaß machen", heute mal die Frage: Was macht denn eigentlich einfach nur Spaß? Ein Konzertabend mit Smog, die Single "Heartbeat" von Annie, Natalie Portman in "Garden State" und "Closer" oder auch die Tatsache, dass immer "Sängerin" druntersteht, wenn die ehemalige Bro'sis-Staffage Indira im Fernsehen irgendetwas zu ihren Klamotten sagen darf. "Tied Up Too Tight" ist mit irrem Sesamstraßen-Chor und Schraddel-Gitarre nur einer von vielen spaßigen Tracks auf "Stars Of CCTV". "Hard To Beat" wird nicht nur schwer, sondern vermutlich gar nicht zu schlagen sein in der Indie-, Pop-, oder Souldiskothek: eine der besten Singles des Jahres 2005. "Cash Machine", ein Lied darüber, dass es eher doof ist, pleite zu sein, ist von ähnlichem Kaliber: "What am I gonna do, my girlfriend's test turned blue/ We tried to play it safe/ That night we could not wait/ No no, this can't be right/ She said it would be alright/ I can't afford to be a daddy/ So I leave tonight...". Das alles vorgetragen mit der Arroganz der Gosse: Hard-Fi kommen aus dem wenig beschaulichen Staines in West-London und sagen: "Hier gibt's nicht mal einen Spätzug oder einen Nachtbus, gar nix. Wenn du abends in Central London warst, musst du mit 'nem Taxi zurück, das kostet 80 Pfund." Nicht alle Songs sind so unfehlbar wie die oben Genannten, doch das war bei den Alben der Happy Mondays ja auch immer so. (7) Jan Wigger

Hard-Fi - offizielle Website

Caitlin Cary & Thad Cockrell - "Begonias"
(Yep Roc Records/Cargo)

Selbstverständlich haben Americana und Country-Folk in diesem Land nicht die geringste Lobby: Das herausragende "Rock'n'Roll Pony" von Gina Villalobos ging erwartungsgemäß unter, Laura Cantrell wird es ähnlich ergehen, und selbst die meisten Eingeweihten haben zwar Calexico, Wilco und Ryan Adams im Regal stehen, aber wiederum nichts von Adams' alter Band Whiskeytown. Alles gemeine und zynische Unterstellungen? Auf einem der eher spärlichen Deutschland-Konzerte des verdienten Jayhawks-Recken Mark Olson wurden vor ein paar Wochen nur rund 18 Leute gesichtet. An diese 18 Menschen richtet sich nun folgender Aufruf: Wenn Sie auch nur ein klein wenig mit Lucinda Williams, Tift Merritt und dem schmalen Gesamtwerk von Emmylou Harris & Gram Parsons anfangen können, kaufen sie sich "Begonias", das erste Duett-Album von Ex-Whiskeytown-Mitglied Caitlin Cary und ihrem alten Kumpel Thad Cockrell. Wenn Ihnen diese Platte dann nicht gefällt, haben sie definitiv irgendetwas falsch gemacht. "Two Different Things", "Please Break My Heart", "Conversations About A Friend" und diese lädierten Stimmen, die sich immer aufs Neue umspielen - ein seltener Genuss. (8) Jan Wigger

Caitlin Cary - offizielle Website

Katze - "Von hinten"
(ZickZack/Indigo)

Zuerst denkt man: Ok, noch ein Versuch, auf den deutschen Trend aufzuspringen. Dann sieht man das Label: ZickZack, wo einst FSK und Blumfeld erschienen sind und nun mit Jens Friebe die deutschen Popmusik-Karten mal wieder neu gemischt werden. Labelmacher Alfred Hilsberg in Hamburg, das weiß man, springt nicht gleich mit leichtem Gepäck auf jeden Zug. Dementsprechend anders als andere Platten klingt Katzes Debüt "Von hinten". Der Sänger und Comic-Zeichner Klaus Cornfield, früher mit Throw that Beat in the Garbage Can! unterwegs, versucht sich hier erstmals an seiner Muttersprache. Dazu wird gewollt laienhaft geschrammelt, auf dass der (blöderweise englische) Songtitel "Punks Not Dead" nicht ins Leere läuft. Tatsächlich ist "Von hinten" ein großer Spaß, weil das Album so schön naiv (Text) und nostalgisch (Musik) ist. Textzeilen wie "In dem Brief, den Du mir gabst/ Steht nur Scheiße" ("Der Brief") verkraftet man nur, weil Cornfield an anderer Stelle herzzerreißend melancholisch ist ("Herr Traurigmann") und mit "Sie liebt HipHop" für die deutsche Gitarrenpopszene einen veritablen Hit fabriziert hat. Gewöhnungsbedürftig bleibt an Katze dennoch vieles, vor allem Cornfields kindliche Stimme: Beim ersten Hören denkt man, dass gar nicht er selbst, sondern seine Muse und Mitmusikerin Minki Warhol singt. Die spielt aber nur das Stylofon. (6) Andreas Borcholte

Katze - offizielle Website

Editors - "The Back Room"
(Kitchenware Records/PIAS)

"Life is unfair/ Kill yourself or get over it!". Diesen beliebten Sinnspruch von Black Box Recorder müssten sich die Editors aus Birmingham eigentlich vor jedem ihrer noch folgenden Interviews klaglos selbst aufsagen, denn nicht einmal der nachsichtigste Journalist, ja nicht einmal der schlampigste Nebenbei-Hörer wird am Vergleich mit einer Band vorbeikommen: Interpol. Doch wo Interpol selbst seit Anbeginn ihres bis jetzt völlig makellosen Schaffens lernen mussten, mit dem Joy-Division-Vergleich zu leben, sollte es den Editors in Bezug auf die New Yorker auch gelingen. Tom Smith singt tatsächlich wie Interpols Paul Banks, die Gitarren drängt es überreizt in alle Richtungen, dabei ist Songs wie "Camera", "Munich" oder "Open Your Arms" ansonsten nicht das Geringste anzulasten. Qualifiziert sind auch die Texte: "Someone said they saw you/ In the night and on your own/ There's beauty in the lonely/ You're the moonlight in this town" ("Someone Says"). Bitte auch ein Auge auf das lange Jahre brach liegende Label Kitchenware Records richten, das "The Back Room" herausbringt: Hier veröffentlichten Prefab Sprout u.a "Swoon" und "Steve McQueen". (7) Jan Wigger

Editors - offizielle Website

The Raveonettes - "Pretty In Black"
(Columbia/Sony BMG)

Der immer noch viel zu häufig gebrauchte Begriff "Retro" ist normalerweise etwas für Deppen und Faulenzer: Sobald bei einer beliebigen Band eine entfernt an Velvet Underground oder Creedence Clearwater Revival erinnernde Gitarre erklingt, leuchtet ein rotes Lämpchen auf, das "Retro!" sagt, und die Band hat erst einmal verloren. Nun gibt es aber einige wenige Künstler wie zum Beispiel die Raveonettes, bei der die Verwendung dieses Begriffes nicht verwerflich wäre: Unüberhörbarer Fifties- und Sixties-Schmiss, verwegene Elvis-Presley-Nachahmungen ("The Heavens") und viel Phil-Spector-Zauber hat das dänische Boy/Girl-Duo Sune Rose Wagner und Sharin Foo da wieder einmal zusammengefügt. Sehr hübsch gegen Ende: die "Ode To L.A", wie fast alles andere auf "Pretty In Black" ordentlich verhallt und mit viel Liebreiz vorgetragen. (6) Jan Wigger

The Raveonettes - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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