Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Depeche Mode versuchen sich flott zu machen, den Silver Jews geht's auch nicht besser, John Watts besinnt sich aufs Wesentliche, John Vanderslice macht sich vorstellig und Amusement Parks On Fire haben die richtigen Vorbilder.

Depeche Mode - "Playing The Angel"
(Mute/EMI, 14. Oktober)

"Playing The Angel" ist ein Begriff aus der Welt des Pokerspiels, das bekanntlich viel mit Bluffen zu tun hat. Das heißt noch lange nicht, dass Depeche Mode uns mit ihrem elften Album in 25 Jahren ein X für ein U vormachen wollen, aber dennoch wird man ein bisschen misstrauisch, wenn eine Band, die sich eigentlich schon so gut wie getrennt hat und kaum noch zusammen in einem Interviewraum sitzen will, ein neues Album veröffentlicht, das so wenig Wut und Aggression verströmt. Geradezu somnambul kommen die meisten Songs daher, auch wenn die Plattenfirma beschwört, das neue Werk sei das "flotteste" seit langem und seit "Ultra" und "Exciter" sowieso. Waren die denn so unflott? "Playing The Angel" jedenfalls wirkt mit seinem ambienten TripHop-Sound eher besinnlich, auch wenn Produzent Ben Hillier im Studio das ganze alte Analog-Equipment wieder auspackte und daher alles fiept, quakt und trötet, als wäre wieder mal "Construction Time Again". Rückbesinnung und Wundenlecken also bei Martin Gore, Andrew Fletcher und Dave Gahan, dem Sänger, der hier zum ersten Mal drei selbst geschriebene Songs beisteuern darf. Die Knie hätten ihm geschlottert, als er sie dem Obermotz Gore vorlegte, sagt der von der Heroinsucht Geheilte. Dabei gibt es keinen Grund zur Bescheidenheit: "Suffer Well", "Nothing's Impossible" und vor allem die Ballade "I Want It All" gehören zu den besten Stücken des Albums, vielleicht auch, weil sie ein bisschen optimistischer sind als Gores Texte, die wie immer ganz unten am Abgrund der menschlichen Seele schaben und wühlen. "We're damaged people (...) disturbed souls/ Playing out forever/ These games that we once thought we would be scared of" heißt es in "Damaged People". Depeche Mode - eine Schicksalsgemeinschaft, die dazu verdammt ist, aus Schmerz und Leid ihr kommerzielles Kapital zu schlagen. Ganz ohne Bluff: Eher ein Straight Flush als ein Royal. (8) Andreas Borcholte

Depeche Mode - offizielle Website 

Silver Jews - "Tanglewood Numbers"
(Drag City/Rough Trade, 14. Oktober)

Man weiß nicht so genau, ob es Crack war oder das Antidepressivum Xanax oder eine Mischung aus beidem, mit dem David Berman zuletzt versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Sicher dagegen ist, dass uns das einfarbige Brummeln seiner Stimme, der windschiefe Americana-Entwurf seiner Band und die hinreißenden, klarsichtigen Texte des Poeten selbst gefehlt hätten, wenn er mit seinem Selbstmordversuch Erfolg gehabt hätte. Hört man den kleinmütigen Künstler in "Punks In The Beerlight" über die Freuden und Gefahren der Selbstaufgabe singen ("Punks in the beerlight/ Two burnouts in love/ I always loved you to the max!"), denkt man auch all die anderen Silver-Jews-Stücke mit: "Random Rules", "Honk If You're Lonely" und natürlich "Time Will Break The World", das wundervollste und erschütterndste Lied, das Berman jemals aufgenommen hat. Vielleicht wird es "Tanglewood Numbers" zum Nachteil gereichen, dass es zerfahrener ist und mehr Bruchstellen hat als "Bright Flight" (2001), doch wenn es um das Leben selbst geht und die Möglichkeit von spätem Glück, gehören die Silver Jews noch immer zum Besten, was Amerika uns geben kann. (7) Jan Wigger

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John Watts - "Real Life Is Good Enough"
(Silversonic Records/H'Art, bereits erschienen)

Ist schon ein komischer Kauz, dieser John Watts. Mit seiner Band Fischer-Z und Songs wie "Marliese", "Room Service" oder "Cruise Missiles" bereicherte der Gitarrist und Songwriter Anfang der achtziger Jahre die New-Wave-Szene mit viel Pop, einer Spur Reggae und dieser hochtönenden Stimme, die bis heute sein Markenzeichen geblieben ist. Bei jedem neuen Album will man das Wort Comeback in den Mund nehmen, aber John Watts war einfach nie weg, hat sich nie unterkriegen lassen, noch nicht einmal, als sein Plattenvertrag vor einigen Jahren der Krise der Plattenindustrie zum Opfer fiel. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, überlegte sich der sympathisch verschrobene Watts alternative Modelle der Veröffentlichung und Produktion. Für "Ether" reiste er mit einem Ministudio rund um den Erdball, um befreundete Musiker aufzunehmen; zum fertigen Album gab's eine Konzertkarte gratis, eine Dokumentation auf DVD konnte man dazu erwerben. Nach so viel Multimedia reduziert Watts seinen Output nun wieder auf das Wesentliche: Zwei CDs, eine schrammelig, eine akustisch, mit insgesamt 16 neuen Songs bietet "Real Life Is Good Enough", dazu gibt es ein erweitertes Booklet mit kurzen Texten und Gedichten des Briten aus Brighton. Nicht alles ist so grandios wie frühere Geniestreiche, zumal wenn sich Watts an einer rührenden, aber unbeholfenen Würdigung eines Idols versucht ("The Day Johnny Cash Passed Away"), dann aber blitzt zwischendurch wieder diese magische Kraft des Songschreibers Watts durch. Bittersüße Kleinode wie "She Walks On Wheels" und "What A Time To Live" gehören zum Besten, was Watts seit langem veröffentlicht hat. (6) Andreas Borcholte

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John Vanderslice - "Five Years (Selected Recordings, 2000-2005)
(Barsuk Records/Indigo, 14. Oktober)

Matthew Caws von Nada Surf und Britt Daniel von Spoon, zwei der größten amerikanischen Songschreiber also, lieben diesen Mann, weshalb es eigentlich ein Einfaches für uns sein sollte, ihn ebenfalls zu lieben. Die Rede ist von John Vanderslice, der bereits fünf Alben veröffentlicht hat, die dem europäischen Hörer aber bislang vorenthalten wurden. Eines davon hieß "Cellar Door" - das muss Vanderslice bei "Donnie Darko" geklaut haben, wo eben diese Wortkombination von der Lehrerin Drew Barrymore zum Allerschönsten erklärt wird, das unsere Sprache zu bieten hat. "Five Years" versammelt die besten, obgleich nicht immer repräsentativsten Vanderslice-Stücke seit Anfang des Jahrtausends. Hineinlesen kann man in Songs wie "Bill Gates Must Die" oder "Me And My 424" sehr viel: Built To Spill etwa, Death Cab For Cutie, Bright Eyes, Ben Kweller und auch alte Helden wie Neutral Milk Hotel. Im November auf Tour mit - jawohl!- Nada Surf. (6) Jan Wigger

John Vanderslice - offizielle Website 

Amusement Parks On Fire - "Amusement Parks On Fire"
(V2/Rough Trade, bereits erschienen)

In einer Zeit, in der man nicht einmal mehr die Straße hinunter gehen kann, ohne von einer jener Killer-Kastanien erschlagen zu werden, die alle fünf Sekunden von den Bäumen fallen, ist es gut, dass es eine Band wie Amusement Parks On Fire gibt. Deren Debüt klingt nach all den Bands, zu denen man Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger hätte Drogen nehmen müssen, wenn man sich damals schon getraut hätte: My Bloody Valentine, The God Machine, Ride oder Swervedriver. Alles scheppert, lärmt und hallt, und das ortsansässige Stadtmagazin kann dazu sicher etwas von Gitarrenwänden schreiben, die sich auftürmen und von den bewusstseinserweiternden Qualitäten dieser erstaunlichen Platte aus Nottingham. Im ganz vorzüglichen "Venus In Cancer" singt Michael Feerick scheinbar die Dinosaur-Jr.-Melodie von "Little Fury Things" zu unablässig dröhnenden Gitarren. Wie schon erwähnt: Bessere Vorbilder kann man kaum haben, wenn man, wie Feerick, gerade mal 21 Jahre alt ist. (6) Jan Wigger

Amusement Parks On Fire - offizielle Website 


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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