Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Prince kehrt zum Pop zurück, Be Your Own Pet verzichten auf Struktur, I Love You But I've Chosen Darkness machen ihrem Namen keine Ehre, Josh Rouse ist leise und weise, und Secret Machines sind besser als ihr Ruf. Abgehört - jetzt auch zum Reinhören!

Prince - "3121"
(NPG Records/Universal, 24. März)

3121, das ist die Adresse von Princes Anwesen in Beverly Hills, wo vergoldete Billard-Tische herumstehen und riesige Kronleuchter mit purpurnen Edelsteinen besetzt sind. Das ist ganz schön protzig und geschmacklos, und man möchte am liebsten höhnen, dass ihm all die kitschigen Statusgerätschaften, die mit dem notorischen "Love Symbol" verziert sind, auch nichts nützen, wenn die Musik, die der gefeierte Superstar der Achtziger heute macht, nicht gut ist. Aber sie ist gut, sogar besser denn je. Nachdem Prince auf seinen herausragenden letzten Alben "The Rainbow Children" und "Musicology" die Zügel etwas lockerer gelassen hatte und viel Jazz und Spielfreude in seinen Funk einsickern ließ, steht nun wieder Disziplin auf der Tagesordnung. Gleich die ersten drei Songs auf "3121" sind ein Musterbeispiel für sparsame Effizienz: Das Titelstück rollt verführerisch präzise dahin, "Lolita" setzt mit einem ebenso schlichten wie atemberaubenden Riff den Ton für Princes Rückkehr zum Pop; und "Te Amo Corazón", die bereits bekannte Single, schmachtet, ohne zu überzuckern. Da sind sie also wieder, die hingetupften Licks, die abgezirkelten Bläser (von Maceo Parker und Candy Dulfer), die irrwitzigen Details, die einen Prince-Song so bezaubernd machen. "3121" ist ein Meisterwerk der Einfachheit, eine Pop-Platte wie "Around The World In A Day" oder Parade, aber gereifter, kontrollierter und immer abwechslungsreich: Die Jimi-Hendrix-Hommage "Fury" gesellt sich wie selbstverständlich an hypnotische Schmonzetten wie "The Dance" oder tatsächlich Tanzbares wie "Satisfied". Und zum Schluss gibt's wie immer in den letzten Jahren den großen Rausschmeißer-Funk: "Get On The Boat". Wer da nicht aufspringt, ist rettungslos verloren.
(9) Andreas Borcholte


Be Your Own Pet - "Be Your Own Pet"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 24. März)

Die Tatsache, dass der Sound einstürzender und hinterher komplett ausbrennender Fabrikgebäude ausgerechnet aus Nashville, Tennessee kommt, trifft einen wie der Schlag oder wie das 58 Sekunden lange "Let's Get Sandy (Big Problem)", eine der berüchtigten Singles von Be Your Own Pet. Bei sehr kurzen Songs, die Titel wie "Bicycle, Bicycle, You Are My Bicycle", "Fuuuuuun" oder "We Will Vacation, You Can Be My Parasol" tragen, ist sofort klar: Das Durchschnittsalter dieser Band liegt bei ungefähr 17 Jahren. Keine Strenge, keine Kühle, keine aufdringliche Klarheit und erst recht keine Struktur: Der schamlose, vollkommen ungezähmte Gesang (wenn man denn Gesang dazu sagen möchte) von Jemima "Pearl" Abegg schneidet Löcher in Stahlplatten, Jonas Steins Gitarrenspiel degradiert Sleater-Kinney und die Yeah Yeah Yeahs zu biederen Pop-Bands. Wer auch nur die leiseste Ahnung davon hat, wie man sich zu diesem fies-rudimentären, prächtigen Punk-Rock bewegen soll, wird bei den bevorstehenden Club-Konzerten hofiert werden wie ein weiser, alter Mann.
(8) Jan Wigger


I Love You But I've Chosen Darkness - "Fear Is On Our Side"
(Secretly Canadian/Cargo, 24. März)

Der beste Bandname seit mindestens fünf Jahren, weltweit. Sehr gern hätte man nun noch die dazugehörige beste Platte seit mindestens fünf Jahren in Empfang genommen, doch I Love You But I've Chosen Darkness aus Austin, Texas haben auf "Fear Is On Our Side" das monochrome und somit auch etwas eintönige Leiden zum Programm erhoben: Die Gitarren dengeln hübsch wavig wie einst bei Echo & The Bunnymen oder heutzutage bei Interpol und Calla, es hallt und echot allerliebst, doch mit "Last Ride Together" und "If It Was Me" befinden sich auf diesem Debüt nur zwei große Songs. Die alles umarmende Kälte und die klirrende Monotonie von etwa Joy Division haben I Love You But I've Chosen Darkness irgendwie falsch verstanden: Sie gestalten fast alle ihre Stücke so dicht und verschlossen, dass weder etwas ein-, noch etwas austreten kann. "Fear Is On Our Side", und wenigstens so viel hätte man nach all den frühen Elogen auf die selbstbetitelte EP aus dem Jahre 2003 erwarten können, macht nicht einmal richtig Angst. (5) Jan Wigger


Josh Rouse - "Subtitulo"
(Bedroom Classics/Nettwerk/ Soulfood, 24. März)

Jetzt singen sie wieder, die scheinbar Harmlosen und Treuherzigen, die alle zwei Jahre (oder sogar jedes Jahr) eine neue Platte mit akkuraten, hauchfeinen neuen Stücken machen, die den Kritikern gefällt und in Deutschland in den Regalen liegen bleibt, weil es über Leute wie Josh Rouse wenig auch nur annähernd Skandalöses zu berichten gibt: Er verehrt "Innervisions" von Stevie Wonder, er ist vom Bundesstaat Tennessee nach Spanien gezogen und nimmt jeden Tag zwei warme Mahlzeiten zu sich. Wahrscheinlich besitzt er nicht einmal ein Surfbrett. Aber Lieder schreiben wie "Streetlights", "1972" oder jetzt "Quiet Town", das können nicht allzu viele. "Subtitulo" ist Josh Rouses leisestes und unspektakulärstes Album, ein kaum spürbarer Windhauch mit dem ein oder anderen Pianotupfer von Brad Jones und kleinen Weisheiten: "And I tell ya that some folks don't grow up/ They're content with what they got/ they just sit back and they watch TV" ("El Otro Lado"). Am besten mit "1972" (2003) einsteigen und dann mal weitersehen. (6) Jan Wigger


Secret Machines - "Ten Silver Drops"
(Reprise/Warner Brothers, 24. März)

Über die bisherigen, eher lauwarmen Besprechungen zu "Ten Silver Drops" darf man schon ein wenig traurig sein. Ja, es ist etwas zu viel Hall, zu viel Bombast und allgemein zu viele Geräusch auf dieser Platte, und die Überraschungsmomente von "Now Here Is Nowhere" (2004), der grandiosen Stilübung im Geiste von Led Zeppelin, Neu! und den mittleren Pink Floyd, fehlen. Aber dürfen denn nur Oasis eine Rock-Oper wie "Be Here Now" aufnehmen, mit einhundert Tonnen Koks in der Nase und 46 Gitarrenspuren übereinander? Allzu Repetitives wie "Daddy's In The Doldrums" (laut Band eine Art Fifties-Blues-Nummer) hätte es nicht gebraucht, doch das abschließende "1000 Seconds" ist so anrührend und hymnisch wie einiges von den Webb Brothers auf "Maroon". Großzügige Dreingabe: The-Band-Keyboarder Garth Hudson spielt auf "I Want To Know If It's Still Possible" Akkordeon. (6) Jan Wigger



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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