Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Morrissey hätte ruhig verwegener sein können, Pink konterkariert sich selbst, die Spinto Band ist besser als die Brit-Hypes, Ben Harper zeigt seine wahre Größe, und The Vines sind nicht innovativ, aber sympathisch. Abgehört - jetzt auch zum Reinhören!


Morrissey – "Ringleader Of The Tormentors"
(Attack/Sanctuary/Rough Trade, 7. April)

Es blieb keine Zeit, ihn zu vermissen: Früher als erwartet ist Stephen Patrick Morrissey mit jetzt schon berüchtigtem Mozalini-Trikot (die Nr. 10, der Spielmacher!) und Teufelsgeige nach dem exquisiten "You Are The Quarry" zurückgekehrt und wird sogar Konzerte in Deutschland geben. Man braucht den Mann, der mit dem Leben, aber auch mit dem Tod längst abgeschlossen hat, natürlich nicht mehr vorzustellen: Morrisseys heilsame Anmaßung, auch die süße Arroganz haben Leben gerettet. Und dennoch ist schief gewickelt, wer an dieser Stelle eine Dankbarkeits-Rezension erwartet: Die allzu oft zum Einsatz gebrachten Kinderchöre sind den Songs nicht zuträglich, der tendenziell rockistische Gestus eher mediokrer Stücke wie "The Father Who Must Be Killed" oder "I Just Want To See The Boy Happy" steht dem ernsten Poeten nicht.

Dafür werden auf "Ringleader Of The Tormentors" bisher nicht vertraute Ungeheuerlichkeiten zwanglos ausgesprochen: "I once thought that I had numerous reasons to cry/ And I did – but I don’t anymore/ Because I am born, born, born" ("At Last I Am Born"). Ist der zwanghafte Misantroph etwa milde, gar glücklich geworden? Wie gut, dass das großartigste und absurderweise erhebendste Lied des Albums "Life Is A Pigsty" ("Das Leben ist ein Saustall") heißt und nach viel Weltekel gegen Ende hin bislang Ungeahntes verkündet: "Even now in the final hour of my life/ I'm falling in love again." Die fast schon groteske Feierlichkeit des gloriosen "At Last I Am Born", der plötzliche Umzug nach Rom, die allmähliche Abkehr von allen Selbstmordgedanken: All dies gewinnt bei Morrissey eine geradezu mythische Dimension. Doch bei aller Liebe: "Ringleader Of The Tormentors" hätte ruhig etwas verwegener, etwas weniger "Morrissey by numbers"-artig ausfallen dürfen.
(8) Jan Wigger

Pink - "I'm Not Dead"
(Zomba/SonyBMG, 7. April)

Fängt gut an, das neue, vierte Album der US-Sängerin Pink: "Stupid Girls", jene Single, die bereits dankbar von den Radiosendern in die Rotation genommen wurde, ist frisch und bissig, genau richtig für ein Comeback. Denn das hat Alecia Moore bitter nötig, nachdem sie mit "Try This", ihrem vermurksten Ausflug in die Welt des Punkrocks, keine Punkte sammeln konnte. Von ihrer Mentorin und Co-Autorin Linda Perry hat sich Pink inzwischen ganz losgesagt. Statt der gewieften Songwriterin durften nun namhafte Größen aus der R&B-Szene an den Reglern drehen - was eine merkwürdige Diskrepanz zur Folge hat. Denn während sich Pink in besagter Single über jene HipHop-Video-Püppchen und gewisse affektierte Kolleginnen ereifert, klingt ihre neue Platte streckenweise wie ein Abklatsch des pseudo-emotionalen Hochglanzpops, den man von den geschmähten Pop-Sternchen Lindsay Lohan, Ashlee Simpson oder Kelly Clarkson kennt. So geht es gleich nach dem gelungenen Opener ganz tief hinab in die Tiefen des Mainstream-Einerleis: "Who Knew", Long Way To Happy", "Nobody Knows" - alles die gleiche Soße. In "Dear Mr. President" müssen dann die politisch korrekten Indigo Girls als Credibility-Faktor für einen halbherzigen Protestsong herhalten. Pinks Rebellion dreht sich eben nur um sich selbst und die eigene verkorkste Kindheit, was immer wieder zu schmollenden Retrospektiven führt ("Conversations With My 13 Year Old Self") oder Trotzreaktionen hervorruft ("I Got Money Now"). Wofür Pink nach vier Alben steht, bleibt ein Rätsel, aber leider eines, auf dessen Lösung man nicht mehr drängt. Auf dem Cover posiert sie inzwischen in der selben Pin-up-Pose, die schon Gwen Stefani ausprobiert hat. Und wir dachten, Pink wäre kein "stupid Girl". (3) Andreas Borcholte

The Spinto Band – "Nice And Nicely Done"
(Labels/EMI, 7. April)

Diese zahllosen neuen Gitarrenbands, die Großbritannien anhand einer oder zwei Singles unverzüglich unter Feuer setzen - sie machen einen fertig! Gestern war ein Infoschreiben in der Post, welches freudlos mitteilte, dass Gruppen mit Namen wie This Et Al, ILIKETRAINS oder Forward, Russia! momentan die Insel unter Wasser setzen. Die Spinto Band allerdings stammt aus Delaware, North Carolina und ist den Gitarren-Schrammlern von der Insel mit einem ideenreichen, gewieften Pop-Song wie "Direct To Helmet" um Längen voraus. Wenn Sänger Nick Krill, dessen Großvater Roy Spinto angeblich für zahlreiche Spinto-Band-Texte verantwortlich ist, im wunderbaren "Oh Mandy" die Zeilen "And now I'm at the end of my wits/ Don't gotta tell me where this is going/ Cause I know nothing ever falls apart" singt, muss man einfach an David Byrne denken (und fühlt sich hinterher schuldig dafür). Der Rest hat mit den Talking Heads nur wenig zu tun und ist listiger Pop mit Wendungen und Widerhaken, mit Liebe gespielt. Kaufen sie "Nice And Nicely Done"! Und wenn noch Geld übrig ist, kaufen sie unbedingt auch eine Single der Londoner Band Dustin’s Bar Mitzvah. Beide sind es wert.
(7) Jan Wigger

Ben Harper - "Both Sides Of The Gun"
(Virgin/EMI, 7. April)

"Put the curtains shut/ Try to keep it dark/ But the sun is burning", singt Ben Harper in "Morning Yearning", dem ersten, wunderschön melancholischen Song seines neuen Albums, der ein Dilemma auf den Punkt bringt. Der man mit den zwei Songwriter-Gesichtern musste wegen seiner stilistischen Querschlägerei, dem munteren Verquicken von Protestrock und Ballade, Reggae und Soul, Rock und Folk, immer wieder Kritikerschelte einstecken. Für sein sechstes Album hat er seine musikalischen Gegensätze daher voneinander getrennt: "Both Sides Of The Gun" erscheint auf zwei CDs, eine introspektiv, eine extrovertiert. Das Ganze könnte drohen, etwas statisch zu werden, doch Harper, anscheinend beseelt von seiner jüngsten Zusammenarbeit mit der Gospel-Truppe The Blind Boys of Alabama, entfacht in insgesamt 18 Songs eine ganz neue Intensität. Neben sanften Blues- und knarzigen-zarten Soul-Nummern wie "Waiting For You" oder "More Than Sorry", die die erste Hälfte des Albums dominieren, ist Harper am besten, wenn er seinem Sarkasmus freien Lauf lässt: "Cryin' Won't Help You Now", "Please Don't Talk About Murder While I'm Eating" oder "The Way You Found Me" sind ätzende Betandaufnahmen des Zwischenmenschlichen, gefärbt von viel Stones-Flair der "Exile On Main Street"-Ära. Seiner politischen Agenda ist der 36-jährige Kalifornier treu geblieben: "Black Rain" prangert die Versäumnisse der US-Regierung in New Orleans an; der Titelsong kritisiert Bushs Irak-Politik. "Both Sides Of The Gun" beinhaltet so viel Gefühl, Virtuosität und Vehemenz, dass man sich fragt, warum Ben Harper immer noch mit dem schnöden Lenny Kravitz verglichen wird. Dieser ewige Geheimtipp wird einfach immer besser. (8) Andreas Borcholte

The Vines – "Vision Valley"
(EMI, 7. April)

Die dritte Vines-LP "Vision Valley" überschreitet die halbe Stunde nur um eine einzige Minute. Das ist schade, sagen die einen, denen kaum verhüllte Nirvana-Nachformungen wie "Gross Out" nichts ausmachen. Das ist gut so, sagen andere, denen die hübsch dahinplätschernde Midtempo-Ballade "Take Me Back" nicht viel gibt. Craig Nicholls, der sich vorschriftsmäßig entweder durch die Songs krakeelt oder am Sentiment versucht, ist dem Rezensenten höchst sympathisch: Nicht deshalb, weil er an einer speziellen Form des Autismus leidet, sondern weil er nicht selten die ihm aufgezwungenen Interviews entweder ganz verweigert oder zumindest unbestechlich deutlich macht, dass er für die Zwänge, die das Showgeschäft so mit sich bringt, nicht geschaffen ist. Wie schon auf "Winning Days" ist es auch auf "Vision Valley" das Psychedelisch-Balladeske, das die Australier mittlerweile am besten beherrschen: "Going Gone", "Vision Valley" und "Spaceship" stechen heraus, während der eher abgegriffene Riff-Rock von "F**k Yeh" oder "Atmos" enttäuscht. Craig Nicholls hat ein Problem: Er hat nichts zu sagen und muss deshalb Sachen wie "This ain’t the real world/ It ain't a fuckin' thing/ People are full of hurl/ And so are all their friends/ Yeah ma ma my baby/ Yeah ma ma my girl" texten oder seine Songs "Futuretarded" (Wortspiel!) nennen. Überraschend, aber wahr: "Vision Valley" ist trotz allem eine zwar wenig originelle, aber sehr anständige Platte geworden.
(6) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.