Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Divine Comedy suchen die Schönheit des Simplen, She Wants Revenge wollen uns zerfetzen, Mojave 3 sind die letzten ihrer Art, Nouvelle Vague covern alte Helden, und The Guillemots geben sich geräuschvoll und gewitzt.


The Divine Comedy – "Victory For The Comic Muse"
(Parlophone/EMI, 23. Juni)

Wenn Ihro Stilsicherheit Neil Hannon aufs Neue zwischen 18 und 476 Musiker zu Aufnahmen ins Studio lädt, geziemt es sich, nicht von einer Platte, sondern von einem Werk zu sprechen. Das neue Werk also hat Hannon "Victory For The Comic Muse" genannt. Hat er das kaum bekannte und von ihm zu Recht gering geschätzte Divine-Comedy-Debüt "Fanfare For The Comic Muse" etwa überwunden? Vielleicht, doch der Titel verweist, wie es sich für Hannon gehört, auch auf eine Konversation in einem Roman E.M Forsters. Eingeweihte glauben, Hannon knüpfe mit "Victory For The Comic Muse" nach all den Jahren an die Album-Trilogie "Liberation", "Promenade" und "Casanova" an.

Der Rezensent glaubt, in "A Lady Of A Certain Age", "The Light Of Day" und vor allem in "The Plough" immerhin drei Stücke zu erkennen, die an die "Absent Friends"-Meisterleistungen "Our Mutual Friend" und "Leaving Today" heranreichen. Muss man noch über den Lyriker Neil Hannon sprechen? Nein: Im Königreich der Pop-Poeten teilt sich der Unzeitgemäße mit Jarvis Cocker und Luke Haines freundschaftlich den Thron. Ist "Victory For The Comic Muse" eine weitere Hommage an Scott Walker geworden? Nicht nur. Hannon gelingen inzwischen ganz nebenbei auch wundervolle Jaques-Brel-Nachbildungen. Die Schönheit des Simplen, mit Liebe im Gefühl. (8) Jan Wigger

She Wants Revenge - "She Wants Revenge"
(Flawless/Geffen/Unversal, bereits erschienen)

Treibt ja ganz schön seltsame Blüten, dieser Retro-Kult. She Wants Revenge klingen streckenweise wie eine leidlich gut gemachte Kopie der alten Wave-Helden Bauhaus, Joy Division und New Order – und sind gerade mit Depeche Mode auf Tournee. Irgendwelche nostalgieseligen Briten also, die noch nicht gemerkt haben, dass 25 Jahre ins Land gezogen sind? Weit gefehlt. She Wants Revenge kommen aus dem sonnigen Kalifornien, nicht aus den Nebeln Nordenglands, und wurden von Limp-Bizkit-Frontmann Fred Durst entdeckt, der uns auch schon die inzwischen bedeutungslosen Rocker Staind beschert hat. Muss einen das misstrauisch machen? Nein, es lässt einen nur staunen über die Pop-Trends, die derzeit in den amerikanischen Markt sickern. Hier wird dem fröhlichen Nihilismus gefrönt, alles ist sinsister und metallisch und wird mit dem glasklaren Klagesingsang von Justin Warfield vorgetragen, was ein bisschen gruselt, weil Ian Curtis allzu eindeutig Pate stand. Passend zur makabren Stilistik wird ein Set Rasierklingen im Jewel Case der CD mitgeliefert. Suicide-Chic nennt man das wohl. Nicht alles glänzt auf diesem Debüt, aber vieles schimmert, darunter die Selbstquäler-Hymne "I Don’t Wanna Fall In Love" und das zappelnde "Out Of Control". "I Wanna Fuckin’ Tear You Apart", dezidiert Warfield durchaus eindrucksvoll und kaltherzig in der Joy-Division-Hommage "Tear You Apart". Die Jungs werden das College-Radio im Sturm erobern. (6) Andreas Borcholte

Mojave 3 – "Puzzles Like You"
(4AD/Beggars/Indigo, 16. Juni)

Die schmerzlinderne, wohltuende Harmlosigkeit der Band Mojave 3, die aus dem legendären Zeitlupen-Kollektiv Slowdive hervorging, führte in der Vergangenheit sowohl zum arg unterschätzten Meisterwerk "Excuses For Travellers", als auch zur etwas langatmigen, sich meist im bloßen Wohlklang erschöpfenden letzten LP "Spoon And Rafter". "Puzzles Like You" ist nun, bei Licht betrachtet und ins Verhältnis zu den früheren Anstrengungen der Engländer gesetzt, fast schon eine Uptempo-Platte: Neil Halstead und Rachel Goswell umschlingen sich mit Worten und liebreizenden Harmony-Vocals, die Musik ähnelt auffallend den Go-Betweens in der Mitte der Achtziger, im hinteren Drittel auch einer etwas helleren Ausgabe von Felt. Die zwölf jüngsten Halstead-Kompositionen als "Gitarren-Pop" zu klassifizieren, würde zu kurz greifen: Mojave 3 haben Folk, Pop und auch Country zu etwas Neuem gebündelt, mit dem sich außer ihnen selbst in Großbritannien kaum noch jemand beschäftigt. (6) Jan Wigger

Nouvelle Vague - "Bande à Part"
(Pias/Rough Trade, bereits erschienen)

Diese beiden Franzosen sind so unverschämt, dass man sie schon wieder gern haben muss. Ihr zweites Album nannten Marc Collin und Olivier Libaux "Bande à part", was - neben aller Godard-Spielerei- eine feine Anspielung auf Quentin Tarantinos Soundtrack-Label A Band Apart sein kann. Dann wäre man nämlich ganz nah an der Quelle der Inspiration von Nouvelle Vague, die erneut einige der heiligsten Punk- und Wave-Klassiker in andere, seichtere Genres der Popmusik übersetzt haben – so wie Tarantino seine Lieblings-Kino-Genres aubeutet und in seine eigenen Filme einfließen lässt. Man sollte den groben Unfug der Franzosen also als nett gemeinte Hommage verstehen, dann macht "Bande à part" auch richtig Spaß. Angefangen bei Echo & The Bunnymens "The Killing Moon" über den Buzzcocks-Schlager "Ever Fallen In Love", Yazoos "Don’t Go" und New Orders "Blue Monday" bis hin zu Heaven 17s "Let Me Go" und "Fade to Grey" von Visage werden liebgewonnene Songs hier nicht mehr wie beim Debüt streng ins Bossa-Nova-Korsett gezwängt, sondern einzeln – unter Zuhilfenahme mehrerer Sängerinnen und eines Sängers - neu vertont. Zumeist, das ist der Sinn der Sache, muss man sehr genau hinhören, um sie überhaupt wiederzuerkennen. Das tut manchmal ein bisschen weh, oft entsteht aber auch eine kostbare neue Dimension. Einzig Billy Idols "Dancing With Myself", ohnehin eine schlechte Wahl, klingt auch als beschwingtes Popstück keinen Deut besser. Davon abgesehen: ein Jux, aber ein effektvoller. (5) Andreas Borcholte

Guillemots – "From The Cliffs"
(Naive/Indigo, bereits erschienen)

Die Besonderheiten zuerst: Zwar kommen die Guillemots aus London, klingen aber in all ihrer Detailverliebtheit und Durchdachtheit nicht selten wie eine dieser schlauen, belesenen amerikanischen Indie-Bands der ausgehenden Neunziger. Bei Nachforschungen über den Bandnamen stößt man auf eine Vogelart, der Gitarrist, ein Brasilianer, heißt MC Lord Magrao, Mini-Keyboards, Tierstimmen und singende Säge kommen zum Einsatz, und in "Who Left The Lights Off, Baby" gibt es ein gar gruseliges Saxofon-Solo. Das eher Gewöhnliche an einer LP wie "From The Cliffs": Die erste Hälfte ist fulminant, gegen Ende wird das Geräuschvolle und Gewitzte dann doch ein wenig überstrapaziert. Trotzdem eine gute Platte, die Fans von Badly Drawn Boy, den Flaming Lips oder XTC gefallen sollte. (6) Jan Wigger


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