Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Thom Yorke läuft ohne Radiohead zu Hochform auf, Johnny Cash verabschiedet sich etwas zu sentimental, Ed Harcourt sucht immer noch sein Publikum, TV on the Radio provozieren Prügel, und Portugal.the Man fallen nicht nur durch ihren Bandnamen auf.

Thom Yorke – "The Eraser"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 7. Juli)

Wenn der Lebenswille nur noch an einem seidenen Faden hängt und die Tracks klingen, als hätte man sie unter einer Taucherglocke eingespielt, dann könnte es sich um Thom Yorke handeln. Der letzte Informationsstand: Die einzelnen Mitglieder von Radiohead haben sich auseinandergelebt, doch weitermachen möchte man trotzdem: Auf einer Tour, die die Band durch Amerika und weite Teile Europas führte, unterzog man den inneren Zusammenhalt einer Prüfung und arbeitet nun an neuen Stücken. Bis dahin ist Thom Yorkes erste Solo-Platte "The Eraser" ein ebenso schauriger wie glanzvoller Zeitvertreib: Das vertraute Geplucker, die geschundene Kopfstimme und die Störgeräusche, die Beeps & Clonx aus den epochalen Alben "Kid A" und "Amnesiac" gibt es hier in verschärfter Form, dazu das zitternde Piano, Yorkes Wimmern und manchmal, wie in "Harrowdown Hill", doch noch eine Gitarre.

In "Cymbal Rush" ist Thom Yorke schon wieder so weit weg wie damals in "How To Disappear Completely", doch es ist zum Heulen schön, genauso wie "Analyse", "Black Swan" oder das Titelstück. Die wenigen Menschen, die schon einmal mit Thom Yorke sprechen durften, betonen gern, wie normal, ja witzig der Mann sei. Stattgegeben, doch auf "The Eraser" klingt er wieder wie ein Außerirdischer, der aus dem Off übermittelt, dass nur die Liebe noch kälter sein kann als der Tod. Natürlich mag Yorkes Brillanz unfreiwillig schuld sein an ärgerlich überambitionierten Flitzpiepen wie Muse, doch diesmal reichen ihm ganze 41 Minuten zum Zurechtrücken der Verhältnisse: Thom Yorke und sonst niemand ist die Kugel in unseren Köpfen. (10) Jan Wigger

Johnny Cash - "American V: A Hundred Highways"
(American/Universal, 30. Juni)

Das nächste - und vermutlich nicht letzte - Kapitel in der posthumen Plünderung der Cash-Archive lohnt genaueres Hinsehen. Rick Rubin, der den frommen Country-Veteranen einst unter seine Fittiche nahm und mit den erdigen American Recordings endgültig unsterblich machte, führte auch hier wieder Regie und schwärmt, dass "A Hundred Highways" sein persönlicher Favorit der Reihe ist: "Es könnte das größte Album sein, das Johnny je aufgenommen hat". So weit sollte man vielleicht nicht gehen, denn "aufgenommen" hat der schon sehr gebrechliche Cash bis ganz kurz vor seinem Tod lediglich die Gesangsspuren, den Rest besorgten wiederum honorige Studiogrößen wie Benmont Tench (Keyboards), Mike Campbell (Gitarre) und David Ferguson (Toningenieur) sozusagen in der Postproduktion, also nach Cashs Tod am 12. September 2003. Rubin griff dabei - offenbar sehr bewegt - ausnahmsweise zu tief in den Zuckertopf. Vieles auf "American V", das durch die bewusste Kargheit früherer Rubin/Cash-Produktionen zu epochaler Größe gewachsen wäre, versuppt hier in säuselnden Streichern und gefälligen Arrangements, wie etwa das Gordon-Lightfoot-Cover "If You Could Read My Mind" oder die Springsteen-Adaption "Further Up (On The Road"). Dennoch bleiben beeindruckende Momente: Wenn Cash heiser und brüchig nach Hilfe von Gott barmt ("Help Me"), wenn er sonor und sehnsüchtig seinen letzten selbstgeschriebenen Song intoniert ("Like the 309"), oder wenn er mit leiser Ironie noch einmal "A Legend In My Time" anstimmt. "A Hundred Highways" ist vor allem geprägt von Demut, Schwermut und Todesnähe, deshalb taugt es gut als "finales Statement" (Rubin) des "Man in Black". Das ist in Ordnung. Möge er endlich in Frieden ruhen. (ohne Wertung) Andreas Borcholte

Ed Harcourt – "The Beautiful Lie"
(Heavenly/EMI, bereits erschienen)

Aufgepasst, eine wichtige Information: Die neue Ed-Harcourt-Platte ist wirklich erschienen! Sogar in Deutschland! Man hat zu wenig Einblick in den Sachverhalt, um ein abschließendes Urteil zu wagen, doch immerhin zwei Dinge fallen auf: Erstens ist es schwer bis unmöglich, überhaupt andere Besprechungen zu "The Beautiful Lie" zu finden, weil es im Grunde gar keine gibt. Zweitens attackiert Harcourt die Mitarbeiter seiner Plattenfirma in Deutschland als "little fuckers", die es nicht einmal nötig hätten, auf seinen Konzerten aufzutauchen. In Hamburg gab der Songschreiber zuletzt ein Konzert vor wackeren und zumeist gerührten 40 Leuten. Das alles ist sehr bedauerlich, zumal auch mit "The Beautiful Lie" die Serie nicht reißt: Ein bloß mediokres Album von Ed Harcourt gibt es nicht. Neben der exzellenten Band des Engländers zählen diesmal "The Last Cigarette", das gebrochene "Rain On The Pretty Ones" und der Tom-Waits-Gedenk-Rumba "I Am The Drug" zu den eindrucksvollsten Momenten. (7) Jan Wigger

TV On The Radio – "Return To Cookie Mountain"
(4AD/Beggars/Indigo, 30. Juni)

Man wird sich noch prügeln wegen TV On The Radio. Die Meinungen zu "Return To Cookie Mountain" sind, gelinde gesagt, divergent: Die einen hören nur Lärm, zu viele Geräusche und vermeintliche Quellen, um diese wenigstens mittelfristig verarbeiten zu können, die anderen glauben in TV On The Radio schon seit dem Debüt "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes" die musikalischen Heilsbringer schlechthin zu erkennen – "Return To Cookie Mountain" sei demnach mindestens ein "Jahrhundertalbum", das diffizile "Playhouses" der Song des Jahres. Ein Klischee, das in diesem Fall hilfreich sein könnte: Hören sie sich diesen silberweißen, tonnenschweren Brocken öfter als nur vier oder fünf Mal an und beginnen sie mit "Hours", "Wolf Like Me" und "Blues From Down Here": Wenn Interesse für David Bowie (singt mit), Elektro, Funk, Soul, Jazz und ganz sonderbare Rock-Reminiszenzen besteht, kann man sich mit TV On The Radio mindestens bis Weihnachten 2010 selbst herausfordern. Und Beach-Boys-Harmonien wie die in "A Method" hat man in einem solchen Kontext auch noch nicht gehört. New Yorks universellste Musikgruppe, hands down. (8) Jan Wigger

Portugal.the Man – "Waiter: You Vultures!"
(Defiance/Cargo, bereits erschienen)

Wo einen TV On The Radio noch vor das Problem stellen, viel zu viele Einflüsse in viel zu kurzer Zeit filtern zu müssen, fallen Portugal.the Man vor allem dadurch auf, dass sie nur nach sich selbst zu klingen scheinen. The Mars Volta in abgemilderter und geschliffener Form? Architecture In Helsinki als Rock-Entwurf? Nichts greift. Nur logisch, dass der ulkige Bandname nicht die einzige Besonderheit bleibt: Die Band stammt tatsächlich zum Großteil aus Alaska und ist auf "Waiter: You Vultures!" dann auch noch bemüht, Emo-Rock, Prog und Schlaumeier-Pop zu vermählen. Das gelingt in "How The Leopard Got Its Spots", "Stables & Chairs" oder "Marching With 6" vorzüglich, nervt aber in all seiner Bemühtheit bei "Chicago" und "Guns.Guns... Guns". Insgesamt: Gute Genre-Platte mit erstaunlich literarischen Texten. (6) Jan Wigger

Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)

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