Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Kante lassen sich Bärte wachsen, James Dean Bradfield versucht es ohne die Manic Street Preachers, The Hidden Cameras treten auf der Stelle, iForward Russia! tanzen aus der Reihe, und Tom Petty ist besser als man glaubt.


Kante – "Die Tiere sind unruhig"
(Labels/EMI)

Nachdem die Fraktion der kleinkarierten Eierköpfe Deutschlands in einer ihrer letzten Coolness-Sitzungen mehrheitlich beschlossen hat, dass Texte über Raben, Apfelsorten und Schmetterlinge aus bestimmten, meist diffusen Gründen eher unangenehm berühren und Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer im wahren Leben eigentlich Schrebergärtner ist, naht nun neuer Ärger: Das vierte Kante-Album heißt ausgerechnet "Die Tiere sind unruhig", Sänger Peter Thiessen trägt jetzt Vollbart und Matte, die Mitglieder von Kante posieren auf neuen Fotos im Pandabär- oder Gorilla-Kostüm. Nur wenig erinnert noch an die morbide, gebrochene Schönheit der phantastischen "Zombi"-LP, Kante spielen auf mindestens drei der sieben Stücke scharfe, emphatische Rockmusik im Sinne von Queens Of The Stone Age, vielleicht auch der letzten beiden Alben von Surrogat: In "Nichts geht verloren", einem atemberaubenden Song über Sex, werden Gitarre und Bass nicht gespielt, sondern förmlich angerissen.

"Die Tiere sind unruhig" changiert zwischen Warten und Aktion, zwischen Zweifel und Perspektive, im zwanglos groovenden "Die größte Party der Geschichte" verpasst die Band das jüngste Gericht, "weil die Wegbeschreibung scheiße war". Die üblichen Vorwürfe an empfindsame Menschen, die stilistisch nicht zu fassen sind und akkurate Texte schreiben, die inhaltlich sogar noch etwas aussagen, greifen hier nicht: "Die Tiere sind unruhig" ist weder verkopft, noch studentisch, noch anstrengend. Das schonungslose Riff zu "Ich hab's gesehen" wird man noch so lange erinnern wie Dave Mustaines grimmige Gitarre in Megadeths "Symphony Of Destruction", und in der Feierlichkeit und Totenstille des orchestralen "Die Hitze dauert an" wird die eigene Traurigkeit, die immer mitgedacht werden muss, transzendiert wie in einem Film von Wong Kar Wai: "Doch für uns ist nichts verloren/ So lang die Zeit noch in uns wohnt/ So lang der Schmerz im Wandel bleibt/ Auch wenn die Zeit ihn nicht mehr heilt." Die Platte zur sanften Apokalypse kommt in diesem Jahr aus Hamburg. (10) Jan Wigger

James Dean Bradfield - "The Great Western"
(Red Ink/Rough Trade, bereits erschienen)

Alles an dieser Platte atmet Nostalgie. "The Great Western", so hieß der Zug, mit dem die damals noch völlig unbekannten Manic Preachers immer zwischen ihrem Heimatkaff Blackwood, Cardiff und London pendelten. Sänger James Dean Bradfield erinnert sich auf seinem ersten Solo-Album an diese längst vergangenen Zeiten und widmet einen Song ("An English Gentleman") sogar dem einstigen Mentor der walisischen Band, dem 1993 verstorbenen Philip Hall, die Jungs damals sogar bei sich wohnen ließ. Ja, die Geschichte der Manics, wie sie von Fans gern genannt werden, ist spannend, und tatsächlich profitiert auch das Solo-Debüt Bradfields von der bewegten Historie, obwohl der Sänger zuvor noch nie einen eigenen Songtext geschrieben hatte. Für "Bad Boys And Painkillers" schwang allerdings Manics-Songwriter Nicky Wire die Feder, das Sujet ist heikel: Es geht um die Seelenwelt des 1995 auf mysteriöse Weise verschwundene Bandmitglied Richey Edwards und die Eskapaden des ehemaligen Libertines-Sängers Pete Doherty. Merkbar an Bradfields Songs ist eine große Sehnsucht nach den früheren, elegischen Rockhymnen, die man auf den Manics-Alben "Everything Must Go" und "This Is My Truth Tell Me Yours" fand. Wer díese Phase der Band zu schätzen wusste, kommt bei "The Great Western" auf seine Kosten, zumal bei politisch engagierten Stücken wie "That's No Way To Tell A Lie", das sich mit der Aids-Katastrophe in Afrika beschäftigt. Mit "To See A Friend In Tears" adaptierte Bradfield sogar einen Chanson von Jacques Brel; der Schluss-Song "Which Way To Kyffin" ist eine Hommage an den Landschaftsmaler Kyffin Williams. Sehnsucht nach Wales? Sehnsucht nach der Vergangenheit? Sehnsucht nach einem neuen Manics-Album? Bis auf weiteres haben wir adäquaten Ersatz. (6) Andreas Borcholte

The Hidden Cameras – "Awoo"
(Rough Trade/Sanctuary, 4. August)

Nichts als höchsten Respekt verdienen die Hidden Cameras noch immer und vor allem für ihr Album "The Smell Of Our Own" von 2003, auf dem der schlaue Kanadier Joel Gibb vor allem textlich einen Weg fand, die Komplexitäten, Schwierigkeiten und Wonnen des schwul-lesbischen Lebens auf vollkommen unpeinliche und klischeefreie Art und Weise zu beschreiben. Hinzu kamen die glutvollen Konzerte und das unprätentiöse Auftreten des bis zu 13 Musikern starken Gay Church Folk-Kollektivs aus Toronto, das mit "Awoo", einer Platte über Tiefenpsychologie, die Wirkung des Mondes, Religion, den Tod und allgemeine Gefühlsverstrickungen, allerdings auch ein wenig auf der Stelle tritt: Die Melodien von "The Waning Moon" oder "Hump From Bending" kennt man schon von der letzten LP "Mississauga Goddam", und Füllsel wie "Heji" sind nicht der Rede wert. Neben "Fee Fie", "Wandering" und "Death Of A Tune" dagegen grandios und fast ein Punk-Song: Das zielsicher rumpelnde "Lollipop". (6) Jan Wigger

iForward, Russia! – "Give Me A Wall"
(Cooperative Music/Rough Trade)

Zweifellos wird die Musikwelt in England und anderswo nun schon seit längerer Zeit von juvenilen Post-Punk und New-Wave-Bands beherrscht. Dies lässt traditionsbewusste Gemüter erzittern: Auch "Give Me A Wall" von iForward, Russia! ist wieder keine Platte für Icke Häßlers Melodic Rock-Label "MTM". Leicht überreizte Charaktere allerdings dürften ihren Spaß haben mit den verflochtenen, vorsätzlich unstrukturierten und beinahe auseinander fallenden Tracks der Gruppe aus Leeds (siehe auch: Kaiser Chiefs, The Cribs, The Long Blondes). Der Sänger nennt sich schlicht Tom und leidet stimmlich an der Grenze des Erträglichen, die Musik ist Dance-Punk mit unzähligen Breaks und Wendungen, die Songs heißen "Nineteen", "Sixteen", "Twelve" oder "Fifteen Pt.1", ganz in der Reihenfolge, in der man sie erstmals aufgenommen hat. Für eine wenigstens ungefähre Ahnung des iForward Russia!-Sounds seien At The Drive-In, The Rapture und Bloc Party genannt. (6) Jan Wigger

Tom Petty – "Highway Companion"
(American Recordings/Warner, bereits erschienen)

Um noch einmal auf Kante zurück zu kommen: Bärte sind der Hit. Solange Sie Bartträger sind, wird sich keine Frau mehr bei Ihnen melden und kein flüchtiger Bekannter hält sie auf der Straße mit Belanglosigkeiten auf. Deshalb unser Tipp an die männlichen Leser: Legen sie die neue und sehr gute Tom-Petty-Platte auf und lassen sie sich dabei einen Bart wachsen – man wird sie dann gleich doppelt ächten. Was eigentlich ist an Tom Petty, der manchen Leuten allenfalls als Aushilfs-Neil bzw. Aushilfs-Bruce gilt, so unsexy? Der Autor dieser Zeilen kennt außer dem Musiker Olli Schulz nur noch ganze zwei weitere Menschen unter 40, die sich für "Highway Companion" interessieren. Das ist tragisch, denn Jeff Lynne, der auch schon "Full Moon Fever" und "Into The Great Wide Open" produzierte, hat die zwölf neuen Petty-Songs nicht mit Keyboards und Synthie-Schichten zugekleistert, sondern so gelockert und gelöst in Szene gesetzt, wie es sich gehört. "Down South", "Jack", "Ankle Deep" und der bittere Abschied "The Golden Rose" gehören zu den schönsten Kompositionen des späten Petty, und sobald der Refrain erklingt, weiß man immer genau, wie der Song heißt. "Highway Companion" rockt nicht und schockt nicht – aber es beruhigt. (7) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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