Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

An Razorlight scheiden sich die Geister, Klez.e begeistern durch Ungewöhnlichkeit, Bosse finden die Kraft der Ruhe, I'm From Barcelona liefern Gesummse und Geklöppel, und Lambchop bleiben Nashvilles ganzer Stolz.


Razorlight – "Razorlight"
(Mercury/Universal, 18. August)

Irgendetwas muss da schief gelaufen sein: Die erste, durchweg traumhafte Razorlight-Platte "Up All Night" stieß in Deutschland eher auf taube, mit ungezogenem Garagen-Rock bereits übersättigte Ohren. Kurz- oder langfristige Tourabsagen trugen ebenfalls wenig zur Weltherrschaft der Briten bei. Wurde "Up All Night" also noch zwanglos marginalisiert, so ist die Rezeption der aktuellen UK-Nummer-eins "Razorlight" mehr als bizarr: Mal ist es das beste Gitarren-Album seit "Definitely Maybe", mal sind es die mit Abstand schlechtesten Songs des Jahres, die sich angeblich sogar nach Phil Collins und Huey Lewis & The News anhören sollen. Nennt uns unverständig und dumm, aber hier lief "Razorlight" in den letzten Wochen so oft wie kaum eine andere Platte, und keiner kann uns erzählen, dass es sich bei "In The Morning", "Kirby’s House" oder "Los Angeles Waltz" um seelische Grausamkeiten handeln soll.

Warum besonders um billigen Distinktionsgewinn bemühte Mainstream-Verächter "Razorlight" trotzdem hassen werden: Weil "Who Needs Love?" eigentlich "Hungry Heart" von Bruce Springsteen ist und das ungewöhnlich emphatische "America" eigentlich ein Travis-Song. Vor allem aber deshalb: Johnny Borrells Texte sind bestürzend schlecht. Und jetzt, wo Razorlight kaum noch rocken und schrammeln, sondern irgendwie souligen Sixties-Pop, ein bisschen New Wave und sogar Doo-Wop machen, merkt man das erst so richtig: "There's nothing on the TV/ Nothing on the radio that I can believe in/ All my life, watching America/ All my life, there's panic in America / Oh-oh-oh, there’s trouble in America / Oh-oh-oh-oh-oh." Ein tolles Stück, durch Worte zertrümmert. Wie wär's mal mit einem guten Buch? (7) Jan Wigger

Klez.e – "Flimmern"
(Loob Musik/Universal, 18 August)

Bitte nicht davon irritieren lassen, dass diese Band im Herbst mit Madsen touren wird und nicht näher überliefert ist, wie man den Begriff Klez.e (ein Computer-Wurm, der nicht nur den PC von Sänger Tobias Siebert infizierte) überhaupt aussprechen soll: Hier kommt eine der großartigsten und ungewöhnlichsten Platten des Jahres und sie kommt aus Berlin. Ganz grob umrissen ist "Flimmern" ein in jeder Sekunde unruhig zitternder, ans Herz greifender Hybrid aus Radioheads "The Bends" und "12" von The Notwist. Die hohe Anzahl der Zwischentöne, das durchaus ungewöhnliche Instrumentarium (Weingläser, zirpende Elektronik) und die oft übergangslosen Wendungen in den Stücken verhindern jegliche Abnutzung. Siebert singt seltsam bittend, uneindeutig, ungestüm, dabei fast mädchenhaft und sagt die Dinge so, wie sie gesagt werden müssen: "Ich wünsche mir dich/ Ohne Farben, ohne Licht/ Und doch dass du uns nicht sagst/ Dass du nie zurück kommst." "Strandlied" und "Tag im Fall" bringen sogar eine Überzeugung zurück, die bisher nur das weiße Album von Tocotronic auzulösen im Stande war: Das Aus-sich-Heraustreten und das ganz und gar lautlose Verschwinden sind gewissenhaft zu prüfende Lebensoptionen. (8) Jan Wigger

Bosse - "Guten Morgen, Spinner"
(Capitol/EMI, bereits erschienen)

Der Berliner Axel Bosse hat im letzten Jahr bereits mit seinem Debüt-Album "Kamikazeherz" und der Single "Kraft" auf sich aufmerksam gemacht. Kraft ist vielleicht sogar das Schlüsselwort für diese naiv-unverstellte Spielart deutscher Rockmusik, denn Bosse, jetzt als komplette Band unterwegs, scheinen vor lauter Energie förmlich zu vibrieren. Das entdeckte auch Produzent Moses Schneider, der die Jungs bei einem Konzert bewunderte und nun für das zweite Album Pate stand. Was ihm gelang, ist die Kanalisierung der rohen Kraft in muskulöse Nummern wie die wütende Single "Die Irritierten", das aufputschende "Plötzlich" oder den Groove von "Dein Takt". Während sich Bosse dort richtig austoben, lassen sie an anderer Stelle auch mal Ruhigeres zu, was die eigentliche Überraschung dieser Platte ist. "Frankfurt/Oder" nämlich, garniert mit einem Trompetensolo Sven Regeners, gehört zu den schönsten deutschen Balladen dieses Sommers und sollte unbedingt immer im Doppelpack mit Dorfdiskos Hymne "Kurz vor Malmø" gehört werden. Kurzum: Der melancholische, von langen Nächten und vollen Aschenbechern zeugende Opener "Wenn wir schlafen" zeigt die Richtung an, in die Bosse weiter vordringen sollten. Die Kraft kann auch in der Ruhe liegen. (6) Andreas Borcholte

'm From Barcelona – "Let Me Introduce My Friends"
(Virgin/EMI, 18. August)

Ein guter Rat: Tun sie sich bitte selbst einen großen Gefallen und betätigen sie nach dem zehnten Lied "Barcelona Loves You" sofort die Stop-Taste ihres CD-Players. Auf diese Weise entgehen sie nämlich der grausamen Power-Ballade "The Saddest Lullaby", einer Art Kreuzung aus Chris Normans "Midnight Lady" und "Die weißen Tauben sind müde" von Hans Hartz, gesungen von einem gewissen Mathias Alrikson, der hier als einmaliger Gastsänger auftritt und scheinbar so etwas wie der Udo Dirkschneider Schwedens sein muss. Dieser Abschluss von "Let Me Introduce My Friends" führt freilich in die falsche Richtung, denn das bis zu 29-köpfige Kollektiv I'm From Barcelona aus Jönköping spielt auf den restlichen Tracks harmlosen Bubblegum-Pop mit ganz viel Gesummse und Geklöppel zu arglosen "La-La-La"-und "Ba-Ba-Ba"-Background-Chören. "Oversleeping", "We’re From Barcelona" oder "Rec & Play" sind für den Moment ganz hübsch, doch die naive Art, die Kommunen-Seligkeit und vor allem Belanglosigkeit der meisten anderen Kompositionen, in denen mal Baumhäuser gebaut, mal Briefmarken gesammelt werden, ist schon enttäuschend. Das leider wohl ernst gemeinte Cover deutet es an: Vielleicht die richtige "Sommerplatte" für "Wendy"-Abonnenten, Besitzer von Norweger-Pullis und Pilzesammler. (4) Jan Wigger

Lambchop – "Damaged"
(City Slang/Rough Trade, 11. August)

Kurt Wagner bleibt Nashvilles ganzer Stolz, auch wenn ihn selbst dort außerhalb des Insider-Zirkels kaum jemand kennt. Weil Wagner mit seiner Band Lambchop ziemlich oft Alben (und zuletzt auch Doppel-Alben) veröffentlicht, sind es längst nicht mehr die perfekt eingesetzten Streicher, das sanftmütig klimpernde Klavier, die Klarheit der akustischen Gitarre oder der unwirkliche Gesang Wagners, was nachhaltig beeindruckt. Es ist vielmehr Wagners bereits bekanntes, auf "Damaged" aber deutlicher denn je zur Geltung kommendes Talent als Lyriker. Seine Fähigkeit, durch Andeutungen und hintergründige, ganz subtile Ironie die vertraute Lambchop-Spannung zu erzeugen, lässt ihn zu den großen amerikanischen Prosa-Schreibern aufschließen. "We are thrown out of our bedclothes/ Instead of slumbering away/ And a smile spreads like a sunbeam through your face." ("Prepared"). Auch wenn Wagner einmal nicht mehr singen sollte – es bleibt ihm doch immer noch das Schreiben. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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