Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Beck knüpft an alte Qualitäten an, Guy Chambers drückt sich um ein Popalbum herum, Sparklehorse bleiben karg, Der Hund Marie verzweifelt an sich und der Welt, und Pulps Großtaten werden als Deluxe-Edition wiederveröffentlicht - bei Abgehört, zum Lesen und Reinhören.

Beck – "The Information"
(Geffen/Universal, 6. Oktober)

"One, two, you know what to do!" – so gut begann noch kaum eine Platte des bei Zuhausebleibern, Partyhühnern, Freunden des gepflegten Song-Handwerks sowie Funk-, Jazz-, Hip-Hop-, Elektronik-und Soul-Aficionados gleichermaßen beliebten Künstlers Beck Hansen, der auf seinem letzten Album "Guero" nicht mehr tat, als er musste, um auf der folgenden Remix-Platte "Guerolito" wieder machen zu können, was er wollte. "The Information" hat, vom unschlagbaren "Sea Change" (2002) abgesehen, zwei der schönsten Beck-Momente überhaupt: Den lebhaften Klaviereinsatz in "Strange Apparition" und die ganz wundervolle Stelle, an der in "Think I'm In Love" nach anderthalb Minuten Akustikgitarren und Streicher einsetzen und das große Zweifeln die Überhand gewinnt: "What if it’s wrong?/ What if it's wrong to pray in vain?/ What does it mean to fake your death?/ To wake up tainted?". Düster, nur durch das kurze Anspielen der Mundharmonika aufgelockert, ist "Dark Star"; nonchalant und gemächlich trabt "No Complaints" voran, unablässig nervt "1000 BPM" mit den Beck eigenen Störgeräuschen. "The Information" ist, obgleich kein Meisterwerk, größtenteils eine Rückkehr zur alten "Midnite Vultures"-Form (ohne dessen Wahnsinn). Mitgeliefert werden eine DVD mit Videos zu allen fünfzehn Tracks und ein Set mit Designer-Aufklebern. (7) Jan Wigger

Guy Chambers & Sophie Hunter - "Isis"
(Ministry of Sound/Edel, 6. Oktober)

Die ganze Sache ist ein bisschen kompliziert, deshalb fangen wir am besten mit dem einfachen Teil an. Guy Chambers war sechs satte Jahre lang Songwriter und Produzent für Robbie Williams und hat dem einst orientierungslosen Boyband-Flüchtling mit Hymnen wie "Angels" eine glanzvolle Karriere beschert. Williams entschied sich nach der Trennung des Dreamteams 2003 für eine Zusammenarbeit mit Stephen Duffy - der beschämende Rest ist bekannt. Chambers werkelte im Hintergrund weiter und lieferte unter anderem Songs für Kylie Minogue, Melanie C und James Blunt. Mit "Isis" tritt er nun erstmals selbst ins Rampenlicht, allerdings nicht so direkt, wie man es sich gewünscht hätte. Gut aufpassen jetzt: Die Platte ist eine Hommage an die Soundtracks der französischen Nouvelle-Vague-Filme - und Chambers' einjähriger Tochter gewidmet. Die französischen Texte stammen von der inzwischen auch in Deutschland bekannten Chanson-Sängerin Keren Ann, die aber aus Zeitgründen nicht selbst singen wollte. Den Job übernahm schließlich die Schauspielerin Sophie Hunter, einer Nichte der Gainbourg-Muse Jane Birkin. Mit säuselnd-verträumter Stimme singt Hunter über die Chambers-Chansons, denen man das gewohnte Songwriter-Genie des Briten offen gestanden nicht oft anmerkt. Versonnen und süßlich tröpfelt das Album dahin, als wolle er sein Töchterchen vorrangig in den Schlaf säuseln lassen. Mit seinem Ausflug in frankophone Gefilde präsentiert Guy Chambers dennoch mit leichter Hand eines weitere Facette seines Könnens. Auf das Popalbum, an dem sich Williams, Blunt und Konsorten messen lassen müssen, wird man wohl noch ein bisschen warten. (5) Andreas Borcholte

Sparklehorse – "Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain"
(Astralwerks/Capitol/EMI)

Mark Linkous sieht nicht nur kaputt aus, Mark Linkous ist kaputt. Seit Jugendtagen leidet der Songschreiber, der sein erstes Album 1996 unnachgiebig "Vivadixiesubmarine-transmissionplot" nannte, an Depressionen, und einige Stücke auf "Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain" gehören zum Kargsten und Schonungslosesten, das jemals den Kopf des Grüblers verlassen hat, der irgendwo in Virginia eine Landhütte bewohnt. Nach wie vor beherrscht Linkous vorzugsweise drei Spielarten: Das kaum zu ertragende und beinahe vollkommen still stehende Klagelied ("Return To Me"), den wehmütigen, fast hoffnungsvollen Liebesgesang ("Some Sweet Day") und den ruppig-verzerrten Rocksong ("Ghost In The Sky"), jenes letzte Aufbäumen, das Sparklehorse-Platten vor dem Versinken in totaler Verzweiflung bewahrt. Noch nie hat Linkous ein mediokres Album veröffentlicht, doch angemessen erfolgreich wird er auch niemals werden, weil es kaum Leute gibt, denen Linkous' mal kränklich flüsternde, mal gebrochene Stimme wirklich gute Laune bereitet. (7) Jan Wigger

Der Hund Marie - "Hooligans & Tiny Hands"
(Grand Hotel Van Cleef/Indigo)

Dieser Mann hat einen für Hamburg St. Pauli total ungewöhnlichen Vollbart, gehört aber dennoch zu den meistbeschäftigten Musikern der Hansestadt. Als Mitglied der allseits geliebten Gitarrenband Tomte und fester Bestandteil des Songwriter-Projekts Olli Schulz und der Hund Marie hat Max Martin Schröder eigentlich gar keine Zeit, eigenes Material aufzunehmen. Dass er es, im vergangenen Sommer, komplett im Alleingang, doch geschafft hat, grenzt an ein Wunder. Umso zärtlicher muss man mit diesem filigranen Popalbum umgehen, das nun unter Schröders kaninem Pseudonym bei seinem Hauslabel Grand Hotel van Cleef veröffentlicht wurde. Vieles erinnert hier an Eels, dafür eher wenig an Tomte oder Olli Schulz. Wie allen Grand-Hotel-Künstlern ist dem Hund Marie mithin zu eigen, das Leben zwar von der melancholischen Seite zu betrachten, aber dennoch immer einen Lichtstreif am Horizont zu sehen: Irgendwie alles im Dutt, aber irgendwie auch alles nicht so schlimm. Songtitel wie "Stellt mich auf die Beine" sprechen da für sich. Am besten ist Schröder, wenn er mit seiner traurig-somnambulen Stimme über holpriger Ostküstenrockgitarre vom generellen Verzweifeln an der Welt und einem vagen Gefühl der Deplatziertheit singt. "Ich weiß nicht, wie ich heiß'" stößt er im besten Stück der Platte hervor, es heißt, wiederum bezeichnend, "Die Stimmung ist verwirrend"- ein Hund gegen den Rest der Welt. "Hooligans & Tiny Hands" ist ein sympathisches, ganz bescheidenes Album mit leisen Melodien und lustigen Gedanken geworden. Beim nächsten Mal dürfte es gerne ein bisschen mehr Gebell geben. (6) Andreas Borcholte

Pulp – Deluxe Editionen
(Island/Universal)

Bevor noch im November dieses Jahres sein erstes Solo-Werk erscheinen soll, schlägt Jarvis Cocker mit den Wiederveröffentlichungen der neben "We Love Life" wichtigsten Alben der Working-Class-Hedonisten Pulp zurück. Auf "His'n'Hers" (1994) probiert der dato notorisch erfolglose Cocker ein Stylophon aus, besingt die "Joyriders" ("We don't look for trouble/ But if it comes we don't run") und ätzt in "Do You Remember The First Time?" der ersten Liebe hinterher. Schon damals, auf dieser ungemein künstlichen, gellenden Platte schrieb Cocker die intelligentesten und spöttischsten Texte Englands, um nur ein Jahr später mit "Different Class" (1995) das Hauptwerk des Britpops herauszubringen. "Live Bed Show", "Monday Morning", "Something Changed" und "Underwear" sind so unzerstörbar wie die leider fast zu Tode gespielten Klassiker "Common People" und "Disco 2000". In "Mis-Shapes" erklärte Cocker seine Band: "We won't use guns/ We won't use bombs/ We'll use the one thing we've got more of – that's our minds". Ein Jahr bevor Blur mit "13" die Neunziger und den Britpop abschlossen, vertonte Cocker mit Pulp die nahende Apokalypse. "This Is Hardcore" (1998), trostlos und triumphal zugleich, war schon der Anfang vom Ende der schlauesten britischen Band seit den Smiths: Cocker machte zu Hause den Abwasch ("Dishes"), dämmerte vor dem Fernseher dahin ("TV Movie"), verfasste den besten Pulp-Song aller Zeiten ("This Is Hardcore"), machte als Letzter das Licht aus und verlas am Ende der Platte das berühmte Diktum: "Irony Is Over. Bye Bye."

Den drei Deluxe-Editionen und den neuen Booklets, durch die Cocker noch einmal als guter Onkel durch die Pulp-Stationen führt, wurde noch jeweils eine Bonus-CD mit insgesamt 21 bisher unveröffentlichten Tracks zugefügt, die in weiten Teilen deutlich machen, was fehlen wird, wenn Jarvis irgendwann ganz aufhört. Das Unmögliche machte der dürre Entertainer auch noch im neuen Jahrtausend möglich: Von überall her reisten die Mädchen an, zwängten sich in die kleinsten Clubs und hörten sich eine Stunde lang das schrottige Getöse seiner neuen Band Relaxed Muscle an. Ach, es war halt Jarvis. "His'n'Hers" (8) ; "Different Class" (10) ; "This Is Hardcore" (10) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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