Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

The Long Blondes bescheren uns Zopfmädchen und Pünktchen-Blusen, Jarvis Cocker begräbt Pulp, Damien Rice meistert sein zweites Album, Beirut rocken den Balkan, und Yusufs Stimme ist unzerstörbar - bei Abgehört zum Lesen und Hören.


The Long Blondes – "Someone To Drive You Home"
(Rough Trade/Sanctuary, 10. November)

Vielleicht nicht unbedingt vom Sound her, aber vom Grundgefühl, das Musik wie diese auszulösen vermag, sind The Long Blondes aus Sheffield der Nachklapp zu den schwedischen Love Is All aus der letzten Abgehört-Kolumne. Mit lasziv-unterkühltem, gleichzeitig flammendem Gestus besingt Kate Jackson die Beschwernisse der Jugend, den Kitzel des Erwachsenwerdens und in "Giddy Stratospheres" auch die andere Frau, die mit dem eigenen Geliebten immer nur in der Wohnung sitzt und ihm die Zeit stiehlt: "What's eating you is a mystery/ But go home with her one more time/ And you know you'll be history/ She'll never take you to giddy stratospheres that come from your fears!"

Die große Kunst, eine fehlerlose Pop-Punk-Nummer, die keine drei Minuten dauert, einfach so hinzuschleudern, perfektionieren die Long Blondes dann mit "Once And Never Again": "19, you're only 19 for God's sake/ Oh, you don't need a boyfriend." In England ist Jackson, eine von drei Frauen in der Band, bereits die neue Queen of Cool. Tendenz in Deutschland: Noch mehr Zopfmädchen, noch mehr Pünktchen-Blusen. (8) Jan Wigger

Jarvis – "Jarvis"
(Rough Trade/Sanctuary, 17. November)

Der Mann, der Mythos, die Brille: Wer nicht von Ungeduld erfüllt auf das erste Solo-Album Jarvis Cockers gewartet hat, hebe bitte schnell die Hand. Mit "We Love Life" hatte der spillerige, geistvolle Cocker auf vorbildliche und atemraubende Art und Weise seine nie offiziell aufgelöste Band Pulp vorläufig zertrümmert. Vom letzten, göttlichen "We Love Life"-Song "Sunrise" wurden wir nach Hause gebracht, von der nur im Netz erhältlichen Single "Cunts Are Still Running The World" (die auf "Jarvis" immerhin als Hidden Track auftaucht) wieder abgeholt. "Jarvis" bewegt sich musikalisch grob gesagt zwischen den Pulp-Alben "We Love Life" und "This Is Hardcore", Cocker wird von einem Stalker ("I Will Kill Again") und der Erinnerung an amouröse Verstrickungen ("Heavy Weather") heimgesucht und findet in "Quantum Theory" die endgültige Weltformel: "This morning, when I awoke/ God was dead but I lived on/ I cannot move but I am free/ I found the source of gravity/ Somewhere everyone is happy." "Don't Let Him Waste Your Time" und "Baby’s Coming Back To Me", die beiden Songs, die Cocker für Nancy Sinatra schrieb, sind vergleichsweise leichtgängig. "Fat Children" und "Black Magic" (in dem Jarvis den eigenen Tod durch Zauberei zu verhindern sucht) dürften denen, die nur mit einer Handvoll Pulp-Singles vertraut sind, schwer im Magen liegen. Der Traum für die nächsten paar Jahre bleibt bestehen: Pulp in der Royal Albert Hall, einen Champagner Jacquesson Rosé in Reichweite. (8) Jan Wigger

Damien Rice - "9"
(Warner, 24, November)

Vier Jahre hat man auf das zweite Album des irischen Sängers Damien Rice gewartet, nun ist es da. Das Problem mit Alben, die nach Debüts erscheinen, die Offenbarungen waren, ist, dass sie eigentlich keine Chance haben. Rice selbst gibt zu, dass viele Songs auf seiner neuen Platte genau so klingen wie die auf der alten, aber da "O" ein Meisterwerk war, ist das doch eigentlich gar nicht so schlimm, oder? Wieder darf Rices Freundin Lisa Hannigan an besonders zerbrechlichen Stellen mitsingen, allerdings nur zweimal, ganz am Anfang und ganz am Ende. Dazwischen macht sich Rice erneut Gedanken über das, was unsere Beziehungen zueinander ausmacht, was sie zusammenhält und was sie zerstört. Das geht es dann auch schon mal an unangenehme Themen wie das Doppelkinn der Geliebten ("The Animals Were Gone") oder die verzweifelte Suche nach letzten Ankern ("Accidental Babies"). Brüchiger und gleichzeitig vehementer hat diese Schmerzensmusik zurzeit niemand drauf. Da verzeiht man auch Ausrutscher in stampfenden Mainstream-Rock ("Rootless Tree") und einen beunruhigenden Hidden Track, der aus zehn Minuten ätherischem Tinnitus besteht. Schwieriges zweites Album, erfolgreich gemeistert. (7) Andreas Borcholte

Beirut – "Gulag Orkestar"
(4AD/Beggars/Indigo)

Es gibt durchaus Leute, die allein schon deshalb vor dem Kauf dieser Platte zurückschrecken, weil die Band "Beirut" und das Album "Gulag Orkestar" heißt. Nun nennt der unvermutet junge Zach Condon seine bedrückten, würdevollen, gleichzeitig ungemein tröstlichen Stücke gern auch "Brandenburg", "Prenzlauerberg" oder "Bratislava". Kann man die Musik auf "Gulag Orkestar" überhaupt angemessen beschreiben? Neuschöpfungen wie Balkan- oder Puszta-Folk sind schnell zur Hand, aber dem sonderbaren Phänomen Zach Condon kommt man damit nicht bei. Immerhin die desolate, wunderbar fließende Stimme des Amerikaners ist fassbarer: "Scenic World" könnte problemlos von Jens Lekman oder Stephin Merritt (The Magnetic Fields) interpretiert werden. Auf den restlichen Klageliedern singt Condon, der die Plätze, von denen seine Einflüsse zu stammen scheinen, noch nie bereist hat, wie ein kraftloser Rufus Wainwright. Eine Art ortlose Folklore mit dem traurigsten Akkordeon dieses Herbstes. (8) Jan Wigger

Yusuf – "An Other Cup"
(Polydor/Universal, 10. November)

Als "Musik von gestern" bezeichnete ein Freund den Song "Midday (Avoid City After Dark)", der gerade lief, als er das Zimmer betrat. Keine vollkommen unberechtigte Aussage: Was ist ein Yusuf-Album in der Zeit von höchst talentierten Songwritern wie Sufjan Stevens, Conor Oberst oder Will Oldham eigentlich noch wert? Zur Erinnerung: Den "Tea For The Tillerman"-Cat Stevens gibt es nicht mehr, bloß noch den Namen Yusuf Islam, den Stevens Ende der Siebziger annahm, nachdem er zum islamischen Glauben konvertierte. Seien wir ehrlich: Die von Yusuf gesprochenen Zwischenspiele "When Butterflies Leave" und "Whispers From A Spiritual Garden", oder Zeilen wie "Every little thing you do/ You better know it's coming back to you/ You can't bother with the truth/ because one day you're gonna die/ And good's going high/ And evil's going down in the end" sind nur unter Mühen erträglich – auch deshalb, weil Yusuf sie in angemessen salbungsvollem Ton vorträgt. Toll dagegen "Heaven/ Where True Love Goes", "Don't Let Me Be Misunderstood" und das bereits knapp vier Dekaden alte "Green Fields, Golden Sands". Die Stimme? Unzerstörbar. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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