Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead geben sich gesitteter, Olli Schulz & Der Hund Marie fordern uns heraus, Willie Nelson hat sich gut mit Ryan Adams vertragen, Tom Waits führt uns durch sein Waisenhaus, und The Byrds haben nichts von ihrer Brillanz verloren.

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead – "So Divided"
(Interscope/Universal)

Am Ende war alles nur gelogen: Die gemeinsame Vergangenheit als Chorknaben. Die Geschichte mit dem Leuchtturm am Austin Town Lake, in dem Trail Of Dead angeblich kommunenähnlich leben. Auch die Behauptung, ihr Bandname würde auf eine Gesetzesammlung der Maya rekurrieren. Leider wahr ist dagegen die Tatsache, dass die überwältigende letzte Trail-Of-Dead-LP "Worlds Apart" vergleichsweise erfolglos blieb – trotz beträchtlicher Materialschlacht, echtem Wahnsinn und entfesselten Songs wie "The Rest Will Follow" oder "Will You Smile Again?". Auch wenn man genau weiß, dass man es mit derselben Band zu tun hat: "So Divided" als strukturierter, gemäßigter und irgendwie gesitteter zu beschreiben, wäre insgesamt gesehen nicht ganz falsch.

Der Trail-Of-Dead-Triumph liegt auf "So Divided" woanders: Im fast schon grotesk Beatles-infizierten, süchtig machenden "Eight Days Of Hell", in "Wasted State Of Mind", in der ganz unverstellten Cure-Hommage "Sunken Dreams" und in der wahrscheinlich besten Idee, die Trail Of Dead jemals hatten: Mit "Gold Heart Mountain Top Queen Directory" covern und veredeln die Texaner unter all den unzähligen Guided-By-Voices-Stücken ausgerechnet das schönste. Wir wissen: Die Zeit zerstört alles. Doch auch wenn die letzten Lichter ausgegangen sind, werden diese zwei Minuten noch ewig und drei Tage strahlen. (8) Jan Wigger

Olli Schulz & der Hund Marie – "Warten auf den Bumerang"
(Labels/EMI)

Unter die Gürtellinie zielend schrieb der Journalist Michael Rudolf einmal über die Hamburger Band Tomte: "Nicht mal tot in die Toilette gesperrt werden möchte man mit den Typen." So stark hat der Liedschreiber Olli Schulz, der ohnehin längst nach Berlin gezogen ist und mit "Warten auf den Bumerang" das Tomte-Label Grand Hotel van Cleef verlässt, nie polarisiert. Schulz hat andere Probleme: Eine gewisse Anzahl seiner Anhänger sehen in dem DJ und Musiker noch immer den lustigen Onkel, der als Dienstleister Zoten und Schenkelklopfer auf Zuruf liefern soll. Der mindestens latente Melancholiker war aber schon auf dem "beigen Album" um einiges schwieriger zu fassen, war komisch und ernst, traurig und belustigend, amüsant und am Boden. Textlich, vor allem aber musikalisch ist "Warten auf den Bumerang" die beste der drei bisher veröffentlichten Schulz-Alben: Das tiefschwarz eingefärbte Sentiment von "Unsichtbarer Vogel" und "Armer Vater", die Blumfeld-Gitarren auf "In jede Richtung" und der elektronisch verfremdete Schlagzeug-Beat in "Keiner hier bewegt sich (wir fallen)" sind ingeniös und herausfordernd. Vielleicht ist es ganz gut, dass ein paar der Schulz-Fans jetzt doch wieder auf Mike Krüger umsteigen müssen. (7) Jan Wigger

Willie Nelson – "Songbird"
(Lost Highway/Universal)

Es ist wichtig und gut, dass der 73-jährige Willie Nelson vor zwei Jahren mit der bewegenden LP "It Always Will Be" wenigstens kurz noch einmal in den Blickpunkt geraten ist: Mild schlurften Nelsons unverwechselbare Country-Balladen voran, tröstlich und verlässlich erklang die Pedal Steel, ungerührt sang er "My Broken Heart Belongs To You". Nelsons Reggae-Album fand dann nicht so viele Freunde, doch auf "Songbird" gibt es wieder den alten Willie: Die Produktion übernahm Ryan Adams, dessen Band The Cardinals Nelson auf diesem Album voller Coverversionen, neu eingespielter Nelson-Klassiker und den beiden neuen Kompositionen "Blue Hotel" (von Adams) und "Back To Earth" (von Nelson) begleitet. So spielen die Cardinals nun beseelt auf Fleetwood Macs "Songbird", sogar das Gram-Parsons-Cover "$ 1000 Wedding" glückt. Einzig Leonard Cohens "Hallelujah" bleibt weit hinter den Interpretationen von Rufus Wainwright und Jeff Buckley zurück: Einer der wenigen Songs, zu denen Willie Nelsons Stimme definitiv nicht passt. (7) Jan Wigger

Tom Waits - "Orphans"
(Anti/SPV)

Die "Waisen", Orphans, die Tom Waits hier in einem dreiteiligen Boxset versammelt, bestehen aus Songs, die Waits mal für Andere geschrieben hat, die auf Soundtracks oder Samplern auftauchten - oder schlicht aus Liedern, Fragmenten und Experimenten, die noch nie das Licht der Welt erblickten. 30 von insgesamt 56 Aufnahmen sind unveröffentlicht, das macht "Orphans" zu einem Muss für Waits-Fans. Eine Werkschau ist es nicht geworden, aber wer hätte die auch gebraucht? Was der Amerikaner hier mit "Brawlers", Bawlers" und "Bastards" (so die Titel der einzelnen CDs) veranschaulicht, ist das schiere Spektrum seines sprachlichen Könnens. Ob tränenreiche Ballade, heulender Blues, schlurrender Walzer oder dröhnender Gospel; ob heiseres Keuchen oder geisterhaftes Gegrummel: Waits ist in allen musikalischen Stilen zu Hause, das Besondere aber bleibt sein Instrument, die Stimme. Mit ihr unternimmt er Ausflüge in die modrigen Abseiten der Gesellschaft. In seinen oft fieberhaft assoziativen Texten geht es um Insekten, Mord, Tod durch Ertrinken, Wahnsinn... David Lynch hätte seine wahre Freude daran, zu Waits' Kammermusik des American Gothic die passenden Bilder zu finden. "Growling and warbling, barking and screeching" nennt Waits seinen expressiven Gesangsstil, der hier mit einem opulent gestalteten Booklet voller Merkwürdigkeiten angemessen schräg gefeiert wird. Wer Dickens, Poe und Ambrose Bierce liebt, findet in Tom Waits' Morbiditäten-Kabinett immer eine Heimat. Unmöglich, einen modernen Klassiker wie ihn mit einer schnöden Zahl zu bewerten. Andreas Borcholte

The Byrds – "There Is A Season" (Boxset)
(Legacy/Columbia/Sony BMG)

Zunächst sei gesagt: Wer sich auch nur entfernt für Gitarren-Pop interessiert, für Bands wie Teenage Fanclub, The Lemonheads, Mojave 3 oder Daryll-Ann, der sollte sich das Byrds-Boxset "There Is A Season" einfach kaufen. Obwohl als größte Byrds-Leistung fast immer "Sweetheart Of The Rodeo" (für das man 1968 Gram Parsons ins Boot holte) genannt wird, ist es doch schwer zu entscheiden, welches der sechs zwischen 1965 und 1968 veröffentlichten Alben das beste, welcher der Byrds-Songwriter eigentlich der begabteste war: "Younger Than Yesterday" (1967) hatte "My Back Pages", "Mr. Tambourine Man" (1965) "I’ll Feel A Whole Lot Better" und "All I Really Want To Do"; auf dem bereits himmelwärts strebenden "The Notorious Byrd Brothers" (1968) glänzten unter anderem die allzu selten besungenen "Get To You" und "Change Is Now" – leider sind beide nicht auf "There Is A Season" enthalten. Darüber hinaus ist Kritik jedoch nicht angebracht: Diese Byrds-Box, auf denen besonders den Kompositionen von Gene Clark viel Platz eingeräumt wird, enthält 99 Songs auf vier CDs, eine DVD und das obligatorische dicke Booklet mit Kommentaren, Anekdoten, Fotos und Erinnerungen an die verlorene Zeit. Laut aufdrehen und alle Ablenkungen außer Reichweite bringen: The world turns all around them! (ohne Wertung) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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