Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Arctic Monkeys haben mit ihrem zweiten Album keine Chance gegen Maximo Park, findet Jan Wigger, während sich Andreas Borcholte von der entzückenden Leslie Feist an die pure Schönheit der Musik erinnert fühlt. Außerdem Neues von Blonde Redhead, Anaïs Mitchell und den Fehlfarben.


Arctic Monkeys – "Favourite Worst Nightmare"
(Domino/Rough Trade, 20. April)

Die Zahl der langweiligen Libertines-Stücke geht selbstverständlich gegen Null, doch das Schlaflied "Radio America", das die erste Seite von "Up The Bracket" beschließt, gehört dazu. Die Arctic Monkeys haben jetzt auch eine richtige Ballade aufgenommen: das psychedelische, wehmütig hallende, ebenfalls in der Mitte des Albums angesiedelte "Only Ones Who Know", das als melancholisches Zentrum von "Favourite Worst Nightmare" etwas besser funktioniert. Auch "505" beginnt kaum wie ein Arctic-Monkeys-Stück, gespenstisch dräut das Keyboard im Hintergrund, erst nach drei Minuten bricht der Sturm verhalten los, und Alex Turner singt die letzten Worte dieser Platte: "I crumble completely when you cry/ It seems like once again you’ve had to greet me with goodbye/ I'm always just about to go and spoil a surprise/ Take my hands off your eyes too soon."

Auch "Do Me A Favour" und "If You Were There, Beware" sind dankenswerterweise weit entfernt vom gewöhnlichen Riff-Rock der erschreckend schwachen Single "Brianstorm". "Teddy Picker" und "The Bad Thing" kommen noch am ehesten in die Nähe absurd monströser Hits wie "When The Sun Goes Down" oder "I Bet You Look Good On The Dancefloor". Gute bis sehr gute Platte, im britischen Wettstreit der zweiten Maximo-Park-LP aber deutlich unterlegen. (7) Jan Wigger

Feist - "The Reminder"
(Polydor/Universal, 20. April)

So viel Lorbeer: Leslie Feist wurde in den vergangenen Tagen bereits zur "schönsten Stimme der Popmusik" (FAS) ernannt, ihr neues Album "The Reminder" gilt als "schönste Platte des Frühlings" ("Die Zeit"). Ist dem noch etwas hinzuzufügen? Nicht mehr viel, bis auf dass es natürlich immer auch beklagenswert ist, wenn ein Geheimtipp aufhört, Geheimtipp zu sein. Man möchte nicht, dass diese von diesem zarten Wesen vorgetragene, filigrane Musik in den Kanon der Norah Joneses und Tori Amoses eingeordnet wird - in der Schublade mit den sensiblen Frauen mit schönen Liedern. Warum möchte man das nicht? Weil Feist, ehemals Indierockerin, ehemals Sängerin bei der kanadischen Band Broken Social Scene, ehemals Begleitung der Electroclash-Ikone Peaches, mehr zu sein scheint als das. Das merkt man schon an der enormen Bandbreite dieser neuen Platte, die von getragenen Balladen wie "The Water" über elektrische R&B-Stampfer wie der Coverversion "Sea Lion Woman" bis hin zu süßen, schokoladenträgen Soul-Epen wie "The Limit To Your Love" reichen. Das alles umweht ein unwiderstehlicher, subversiver Camp-Charme; im Hintergrund sind Vögel und Straßengeräusche zu hören, weil das Album quasi im Vorbeigehen, manchmal im Schlafanzug aufgenommen wurde. Noch intensiver, noch stärker aufs Wesentliche, die Essenz des Pop reduziert als das grandiose Vorgänger-Album "Let It Die" ist dieser "Reminder", der uns vielleicht daran erinnern soll, was für eine flüchtige Schönheit die Musik ist. Festhalten will man das. (9) Andreas Borcholte

Anaïs Mitchell – "The Brightness"
(Righteous Babe/Indigo, 20. April)

Vergleiche mit Joanna Newsom braucht man nicht anzustellen, die kommen schon von allein: Auch in Anaïs Mitchells Stücken waltet die kindliche Stimme der Unschuld, das Piano in "Of A Friday Night" klingt sogar ein bisschen nach "The Book Of Right-On". "The Brightness" ist schon ihre dritte Langspielplatte, Anaïs Mitchell hat sich außer in ihren Geburtsort Vermont auch in Lateinamerika, Beirut und Kairo aufgehalten, ist ausreichend belesen, spielt in Folk-Opern mit und ist neuerdings Künstlerin auf Ani DiFrancos Label Righteous Babe Records. Mit "Your Fonder Heart", "Old-Fashioned Hat" und "Out Of Pawn" hat "The Brightness" großartige Momente, manchmal jedoch erstirbt es (ähnlich Maria Taylor) in bloßer Anmut. Zauberhaft und angemessen: Ein aufwendiges Digipack mit Selbstauskunft der Sängerin: "I can't believe I get to do this for a living..." (6) Jan Wigger

Blonde Redhead – "23"
(4AD/Beggars/Indigo, 20. April)

Auf der zweiten The-Lapse-Platte "Heaven Ain't Happenin'" gibt es das wunderbare, von der Bassistin Toko Yasuda gesungene Lied "Hächi". Vieles von dem, was die Schönheit dieser paar Minuten ausmachte, lässt sich direkt auf Blonde Redhead übertragen: Die helle, traumverlorene Stimme von Kazu Makino, die gleich im ersten Song an die verblichene Gruppe Lush erinnert, die Gitarren, die traumverloren vor sich hin mäandern und ein Geheimnis, das den Album-Titel "23" umgibt. Die Band Blonde Redhead ist selbst ein Mysterium: Zwischen "Memory Of Certain Damaged Lemons" (2000) und "Misery Is A Butterfly" (2004) musste man pausieren, weil ein Pferd Kazu Makino in den Kiefer trat. Heute klingen die Fanfaren in "Sw" schon nach ewigem Gelingen. Altmodisch, beglückend und bei 4AD, Heimat von Scott Walker und den Breeders, mittlerweile genau richtig. (7) Jan Wigger

Fehlfarben – "Handbuch für die Welt"
(V2/Rough Trade, 20. April)

Eines ist mal ganz sicher: Die Gesamtqualität der neuen Fehlfarben-Platte "Handbuch für die Welt" tut niemandem mehr leid als dem Autor dieser Zeilen. Dabei war "Knietief im Dispo" aus dem Jahr 2002 eine zwar kommerziell nicht erfolgreiche, aber mehr als erstaunliche Rückkehr der alten Herren, die glaubwürdig geblieben sind, ohne sich dafür groß anstrengen zu müssen. Oder, wie Peter Hein es formuliert: "Ja, wir sind anders/ Anders geblieben/ Spielen andere Spiele/ Und haben keine Ziele." Ausgerechnet dem begnadeten Nichtsänger Hein, der Düsseldorf den Rücken gekehrt hat und die Regionalliga-Spiele der Fortuna nun von Wien aus verfolgt, die Art und Weise vorzuwerfen, wie er die erste Strophe von "Politdisko" phrasiert, wäre natürlich Unfug. Aber das Monks-Cover "We Do Wie Du", auch die dumpf lärmenden Stücke "Sprachlos" und "Handbuch für die Welt" liegen weit unter Fehlfarben-Niveau. Abgesehen von drei, vier Ausnahmen und ein paar Hein-Aphorismen: Wäre nicht nötig gewesen. (4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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