Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Erlösung durch Krach findet Jan Wigger im herrlich altmodischen Sound der wiedervereinigten Dinosaur Jr. Auch Andreas Borcholte wandelt mit Black Rebel Motorcycle Club auf Retro-Pfaden. Außerdem Neues von Tori Amos, Travis und den Manic Street Preachers.


Dinosaur Jr. – "Beyond"
(Pias/Rough Trade, 27. April)

Schon das Cover von "Beyond" ist so halbfertig, so unnachahmlich unmodern, dass nur noch der "SST Records"-Schriftzug auf der Rückseite fehlt: Ein hässlicher Teppichboden, auf dem eine Gitarre liegt, ein Tisch mit Schellenkranz, Aschenbecher und Textblättern drauf und ein Sofa mit Oma-Muster, in dessen Kissen jemand Kopf und Oberkörper ganz vergraben hat. Revenge of the nerds im Jahr 2007: Da dürfen Dinosaur Jr. nicht fehlen. "Beyond" ist die erste Dinosaur-Platte in Originalbesetzung seit fast 20 Jahren, ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man den großen, früh ergrauten Schweiger J.Mascis und den kapriziösen Sebadoh-Kopf Lou Barlow kennt.

Vielleicht war es ja der Schlagzeuger, der als Mediator fungierte: Murph, inzwischen hornbebrillt und haarlos, wirkt so friedfertig, als sei er zum Buddhismus übergetreten. Lassen sie sich bloß nichts von modernisiertem Bandsound oder anderen Neuerungen erzählen: "Beyond" klingt wie 1987, und bereits "Almost Ready", der erste von elf neuen Songs, fasst Dinosaur Jr. aufs Neue zusammen: Jaul-Gitarre, Quengel-Gesang, windschiefe Soli. Erlösung durch Krach. (7) Jan Wigger

Travis – "The Boy With No Name"
(Independiente/SonyBMG, 27. April)

Ein Gespräch mit einem herkömmlichen Travis-Fan hat immer das Potential, zu Irritationen zu führen. Langjährige Anhänger dieser schottischen Musiker sind meist auffallend genügsam und erwarten in der Regel nicht mehr als das Folgende: Fran Healy soll singen, die Gitarren sollen Melancholie transportieren und die Songs von nichts Besonderem handeln. Da Healy zwar ein wunderbarer Mensch ist, als Texter aber oft nur wenig zu sagen hat, war der letzte Punkt nicht selten automatisch abgedeckt. "The Boy With No Name" folgt dem unterschätzten "12 Memories" und liefert Byrdssches Gitarrengeklingel ("Selfish Jean"), Sentiment ("3 Times And You Lose"), Eintöniges ("Out In Space"), Glockenspiel, Streicher und Sensibilitäten ab. Es ist die alte Leier: Zu einer LP wie "The Man Who" sind Travis wohl nicht mehr in der Lage. Ansonsten lässt sich zum wohlig und harmlos dahinplätschernden "The Boy With No Name" kaum etwas Negatives anmerken. (6) Jan Wigger

Black Rebel Motorcycle Club – "Baby 81"
(Drop the Gun/Island/Universal, 27. April)

Es ist immer schön, wenn Bands auch beim vierten Album noch für Überraschungen gut sind. Die neue Platte von Black Rebel Motorcycle Club hat mit dem Folk- und Blues-lastigen Vorgänger-Album "Howl" so wenig zu tun, dass man glatt von einer Kehrtwende sprechen kann. Die liegt vor allem in der Rückkehr des angestammten Drummers Nick Jago begründet, der den Club vorübergehend zum Duo degradiert hatte. In alter Personalstärke besannen sich die drei dann auf ein paar alte Tugenden, die sich gleich zu Beginn in der behäbig-bleiern dahinrollenden Rock-Lokomotive "Took Out A Loan" manifestieren. Da hört man die Stooges rumpeln, und im Hintergrund wabert und kratzt der monotone Fuzz-Sound wie einst bei Wire. Man muss wohl leider ein paar ausgeleierte Vokabeln bemühen, um diesen Sound zu beschreiben: "druckvoll" zum Beispiel. So knockentrocken und beinhart bleibt "Baby 81" auch trotz einiger Balladen. Spätestens wenn Songs Wie "Weapon of Choice" oder "Cold Wind" herbeidröhnen, darf man sich nichts mehr vorzumachen: Die Lederjacken, das düstere Jesus-and-Mary-Chain-Gehabe, der Bobby-Gillespie-Gesang von Peter Hayes und der rollende Stone-Roses-Groove von "666 Conducer" – diese Band ist so retro in ihrer Verklärung des Acid-Rocks der späten Achtziger, dass es schon fast wieder cool ist – und zeitgeistig sowieso. Das erdenschwere "Howl" mag das bisher beste BRMC-Album gewesen sein, aber "Baby 81" macht definitiv mehr Spaß. (6) Andreas Borcholte

Manic Street Preachers – "Send Away The Tigers"
(Columbia/SonyBMG, 4. Mai)

Die neue Manic Street Preachers! Klingt das noch so aufregend wie vor zehn Jahren? Nach ordentlichen (James Dean Bradfield) und grenzwertigen (Nicky Wire) Solo-Alben ihrer wichtigsten Mitarbeiter wollen die Manic Street Preachers mit "Send Away The Tigers" noch einmal zurück zu alter Relevanz und altem Klang, auch zur Euphorie der Trauer von "Everything Must Go": "Indian Summer", "Autumnsong", vor allem aber das grandiose "The Second Great Depression" hätten auch auf das Großwerk von 1996 gepasst. Das Duett mit Cardigans-Sängerin Nina Persson dagegen ist anspruchsloser Radio-Schmu, auch "Rendition", "Imperial Bodybags" und "Winterlovers" sind doch eher Manics-Standard als alte Emphase: Man beklatscht das eigene Gedächtnis und zuweilen den frühen Furor von "Generation Terrorists". Im Ganzen ist "Send Away The Tigers" besser als "Lifeblood" (2004), doch am Ende wartet eine Schreckenstat: Die als Hidden Track versteckte Cover-Version von John Lennons "Working Class Hero". Eine bodenlose Frechheit. (5) Jan Wigger

Tori Amos – "American Doll Posse"
(Epic/SonyBMG, 27. April)

So schnell wird man sie nicht mehr los. Wenn Tori Amos mit Ferkel im Schoß und Knarre im Anschlag auf der Veranda hockt, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Auf dem Cover von "American Doll Posse" ist Tori mit Huhn (lebendig) zu sehen, ein neuer Song heißt "You Can Bring Your Dog". Als hätte man es nicht schon im Vorfeld geahnt, umfassen die Exaltiertheiten der Metaphernreiterin schlappe 23 Songs. Was natürlich längst nicht alles sein kann, wie die Plattenfirma zu berichten weiß: "Für 'American Doll Posse' schlüpfte die unvergleichliche Singer/Songwriter-Ikone in insgesamt fünf unterschiedliche Charaktere, um ein Gesamtportrait der Frau mit ihren unterschiedlichsten Facetten nachzuzeichnen." Kann also mal wieder anstrengend werden. Und wo fängt man an? Die Platte ist selbstverständlich zu lang, "Almost Rosey" ist mal wieder "Strange Phenomena" von Kate Bush, es gibt tolles, berückendes Material wie "Girl Disappearing" oder "Roosterspur Bridge", aber auch das verlärmte "Teenage Hustling", bei dem alles zu viel ist: Zu viel Geleier, zu viel Krach, zu wenig Fokussierung. So bleibt es, wie es immer war: Nur Tori und ihr Bösendorfer sind uns Freude genug. Und immer im Hinterkopf behalten: Die Klavierspielerin bleibt der einzige Mensch, der Slayers göttliches "Raining Blood" covern konnte, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Knapp: (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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