Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Passend zur Hitzewelle veröffentlichen gleich zwei Spezialisten fürs Staubtrockene neue Platten: White Stripes und Queens of the Stone Age bleiben sich auf hohem Niveau treu, während Ghosts und Digitalism den Synthie-Pop plündern und Meg Baird funkelt wie ein Diamant.

The White Stripes - "Icky Thump"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 15. Juni)

Schade, dass Quentin Tarantino für sein "Grindhouse"-Segment "Death Proof" bereits einen (hervorragenden) Soundtrack zusammengestellt hat: "Icky Thump" wäre für das mutwillig auf alt getrimmte, sehr krude Stück Seventies-Exploitation genau die richtige musikalische Untermalung. Kurz vor ihrem 10. Jubiläum als schillerndstes Duo des amerikanischen Alternative-Rocks kehren Jack und Meg White zu alten Tugenden zurück. Nachdem auf dem letzten Album "Get Behind Me Satan" mit fiebriger Konzentration neues Instrumentarium und besinnlichere Momente ausprobiert wurden, rumpelt es nun fast schon wieder so heftig im Karton wie einst zu "White Blood Cells"-Zeiten - mit mehr Willen zur Melodie, versteht sich, das sei dem Popstartum geschuldet.

Dennoch dürfte das neue Album allen "Satan"-geschädigten Fans rauh und kratzig genug sein. Den Anhängern der whiteschen Experimentiererei - diesmal mit Dudelsäcken und Trompeten! - sei vor allem das orientalisch anmutende Titelstück empfohlen. Auch Schlagzeugerin Meg darf mit "St. Andrew (This Battle Is In The Air)" wieder ein impressionistisches Stückchen singen. Ansonsten dominiert der gewohnt staubtrockene Folk- und Futtrock, den Jack mit scharfkantig verzerrter Gitarre vorwärts und rückwärts durch die Musik-Historie dirigiert. Nicht viel wirklich Neues also aus den analogen White-Studios aus Detroit, aber das Altbewährte auf neuem Höchstniveau. (8) Andreas Borcholte

Queens of the Stone Age - "Era Vulgaris"
(Interscope/Universal, bereits erschienen)

Bleiben wir gleich im Milieu des Staubtrockenen: Auch beim nachhaltig erfolgreichsten Abkömmling des Stoner-Rock-Genres wird mit ausgetüfteltesten Gitarrenriffs mathematisch präzise an den Kakteen gerüttelt, was das Zeug hält. Nach dem bisher schwächsten QOTSA-Werk "Lullabies To Paralyze", das 2005 erschien, widmete sich Bandleader Josh Homme erstmal seinem lustigen Nebenprojekt Eagles of Death Metal, bevor es mit abgespeckter Gästeliste wieder ins Studio ging: Troy Van Leeuwen übernahm erneut die Gitarre, Joey Castillo blieb am Schlagzeug; als Gastvokalisten betätigen sich Julian Casblancas von den Strokes und Hommes guter alter Bekannter Mark Lanegan. Produziert wurde "Era Vulgaris" wieder von Chris Goss, der einst die Masters of Reality erfand. Die erste Hälfte des Albums scheint vor eines demonstrieren zu wollen: QOTSA haben immer noch ordentlich Bizeps im T-Shirt-Ärmel: "Turnin' On The Screw", "Sick, Sick, Sick", "I'm Designer" und "Misfit Love" sind so zynisch, schmutzig, hypnotisch und hart wie man es von dieser Band mag. Richtig interessant wird's aber erst ab dem wundersamen "3's & 7's", in das sich ein ungeahnt poppiger, beinahe britisch anmutender Sound schleicht, der sich über die nächsten Songs zieht wie ein Schleier süßester Melancholie. Ob's nun die Verzweiflung an der im Titel beschworenen Ära der Verkommenheit ist oder die pure Spielerei - egal: Wenn man am dramatischen, fulminant getrommelten Endstück "Run, Pig, Run" angekommen ist, haben sich die Queens of the Stone Age erneut die fellbesetzte Krone aufgesetzt. Als Zepter dient eine knorrige alte Keule. (7) Andreas Borcholte

Ghosts - "The World Is Outside"
(Atlantic/Warner, 22. Juni)

Manche Bands brauchen ein paar Anläufe, bis es mit dem Durchbruch klappt. Ghosts wurden bereits 2003 in den einschlägigen Brit-Postillen als einer der nächsten großen Pop-Acts in die Hype-Maschinerie geworfen, damals hießen die studierenden Musikanten allerdings noch Polanski. Und dann waren es die Kollegen von Keane, die damals zu den Superstars der Saison wurden. Vier Jahre später treten Sänger Simon Pettigrew und seine Jungs erneut an, das nächste große Ding zu werden, und wenn man sich das langsam anschwellende Raunen über "The World Is Outside" so anhört, dann könnte es sogar gelingen. Aber das sagt noch nichts über die Qualität der Platte aus, nicht wahr? Sagen wir so: Abgesehen vom Opener "Stay The Night", der ordentlich Stimmung macht, der in den iTunes-Charts erprobten Single "Musical Chairs" und einigen anderen zuckersüßen Popsongs, bieten Ghosts wenig Originalität. Ihren Rivalen von Keane haben sie immerhin ein wichtiges Element voraus: die - wenngleich spärlich eingesetzte - Gitarre. Dennoch wünscht man sich nach elf mehr oder minder elegisch vor sich hinpuckernden Hymnen tatsächlich A-ha oder andere Achtziger-Originale zurück. Und das ist einfach kein gutes Zeichen. (5) Andreas Borcholte

Digitalism - "Idealism"
(Labels/EMI, bereits erschienen)

Man kann sich ja auf vielerlei Weise am Synthie-Pop der Achtziger bedienen. Hugh Grant tat es gerade in seiner Rolle als alternder Britpop-Star in der Schnulze "Mitten ins Herz". Der auch auf dem Soundtrack enthaltene Song "Pop Goes My Heart" - eine rührende Hommage an Wham! und Konsorten - schlägt übrigens alles, was oben erwähnte Ghosts so zusammenrühren. Was das jetzt mit Digitalism zu tun hat? Nicht viel, außer dass man Perlen oftmals nicht da findet, wo man sie vermutet - und umgekehrt. "Idealism", das Debüt-Album des Elektro-Duos erscheint in Frankreich beim renommierten Kitsuné-Label, das für den minimalen, elektrifzierten House-Sound steht, der von Daft Punk, Mr. Oizo, Cassius oder jüngst Uffie vom Konkurrenz-Label Ed Banger massentauglich gemacht wurde. Jens Moelle und Ismail Tuefekci kommen aber aus Hamburg, das sich noch nicht in diesem speziellen Genre hervorgetan hat. "Jence" und "Isi", wie sich die beiden angeblich wegen ihrer oft irrtümlich nach Frankreich verorteten Herkunft gelegentlich nennen, führen auf "Idealism" das fort, was sie mit ihrer Durchbruch-Single "Zdarlight" etabliert haben: Den Dancefloor-Beat hart, statisch ohne übertriebenen Flitter über die Bühne zu bringen. So manchen Ausflug in Gesänge, die auf "Yeah" enden, verzeiht man gerne, zumal die Platte vor lauter guten Ideen fast auseinanderplatzt. Am charmantesten ist sicher das bereits vielfach bewunderte Cure-Zitat "Digitalism in Cairo". Anders als bei Daft Punk, die bei dieser LP so offensichtlich Pate standen wie New Orders allgegenwärtiger "Blue Monday", zeigt sich an Digitalisms Debüt, dass ein fast schon dogmatisches Bekenntnis zum Minimal-Konzept nicht in Langeweile enden muss. Mal eine ganz neue Hamburger Schule. (7) Andreas Borcholte

Meg Baird - "Dear Companion"
(Wichita/Cooperative Music/Rough Trade, bereits erschienen)

Meg Baird ist eine der Sängerinnen bei der amerikanischen Hippie-Truppe Espers, die sich dank Folk-Revival und Freakfolk-Bewegung mit ihren psychedelischen, knorrig-meditativen Endlos-Stücken großer Beliebtheit erfreuen. Bairds Solo-Debüt "Dear Companion" erinnert indes eher an die filigranen Sessions, die sie mit ihrer Schwester als The Baird Sisters absolviert. Viele der nur mit Dulcimer oder Gitarre begleiteten Songs und Traditionals entstanden bei trüben Fahrten mit dem Pendler-Zug und sind laut Baird allen Menschen gewidmet, an denen ihr etwas liegt. Eine ziemlich intime Angelegenheit also, die dann auch gleich vom ersten Stück an in ihren Bann schlägt. Hat man sich erst einmal auf die Lagerfeuer-Atmosphäre eingelassen und die Alltags-Hektik hinter sich gelassen, funkeln Songs wie "Riverhouse in Tinicum", "The Waltze Of The Tennis Players" oder das hinreißende Jimmy-Webb-Cover "Do What You Gotta Do" umso heller. Danach entweder gleich noch mal von vorne abspielen oder Vashti Bunyans erste Platte herauskramen. Mit Meg Baird ist jeder Tag ein kleiner Diamant. (8) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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