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03. Juli 2007, 11:02 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Nicht weniger als eine Sensation ist der erste Song der neuen Interpol-CD, jubelt Jan Wigger - und bescheinigt dem US-Quartett Spoon nachhaltige Sexyness. Andreas Borcholte fragt sich, ob man sich vor den neuen Smashing Pumpkins fürchten muss.

Spoon – "Ga Ga Ga Ga Ga"
(Anti/SPV, 6. Juli)

Nachdem in der örtlichen Tageszeitung kürzlich scharfsinnig erkannt wurde, dass die Arctic Monkeys eine "einzigartige Mixtur aus Post-Punk und HipHop" spielen, muss die Musikgeschichte abermals umgeschrieben werden: Ob Britt Daniels fabelhafte Band Spoon aus Austin, Texas in kommenden Rezensionen wohl dem Schraddel-Punk, dem Neo-Grunge oder doch wieder dem ollen, als Kategorie immer bequemen "Indie-Rock" zugerechnet wird? Der achtsame Funk, der kennerhafte Pop, der Blue Eyed Soul, das Schöpfertum und die Sexyness dieses Quartetts, in dem Britt Daniel als weichherziger Diktator wirkt, erklimmt auf "Ga Ga Ga Ga Ga" erneut die höchsten Höhen. Seit "Girls Can Tell" (2001) sind sämtliche Alben dieser in den Staaten gut und in Europa schlecht verkaufenden Eklektizisten uneingeschränkt zu empfehlen. Spoon lassen Prince und Joe Jackson, Wire und Julian Cope, die Kinks und George Clinton wie selbstverständlich in ihre Musik einfließen. Diesmal grandios: Die lässigen "You Got Yr. Cherry Bomb" und "The Underdog", letzteres mit kräftigen Van Morrison-Bläsern und viel Aplomb. (8) Jan Wigger

Interpol – "Our Love To Admire"
(Capitol/EMI, 6. Juli)

Aus Selbstschutz überprüft man den Stand der Dinge zwar nur alle paar Wochen, denkt danach aber immer dasselbe: Die deutschen Album-Top-10 sind wirklich der Untergang. Muss man etwa bis zur Veröffentlichung der kommenden K.I.Z.-Platte im August warten, um wieder eine würdige Nr.1 zu haben? Ganz so hoch werden Interpol es nicht schaffen, doch "Pioneer To The Falls", der erste Song auf der dritten Interpol-LP "Our Love To Admire" ist nicht weniger als eine Sensation: "Show me the dirtpile and I will pray that the soul can take/ Three stowaways" und etwas später: "I felt you so much today", singt Paul Banks zu den bekannten, dunkel surrenden Gitarren, zum suggestiven Interpol-Sound aus der Liebeshölle. Dieser Song ist ungelogen noch großartiger als "Take You On A Cruise", dem Kitt, der das stolze Meisterwerk "Antics" zusammenhielt. "The Heinrich Maneuver" dagegen ist die berechnendste und mutloseste aller Singles: Hier (oder auf "Who Do You Think?") klingen Interpol schon jetzt wie ihre eigene Coverband. Als Ganzes keinesfalls so stark wie "Antics". Wer den Vergleich braucht: Das Editors-Album ist ungefähr gleich gut. (7) Jan Wigger

Smashing Pumpkins - "Zeitgeist"
(Warner, 6. Juli)

"Is everyone afraid?/ Is everyone ashamed?" fragt Billy Corgan gleich zu Anfang des eröffnenden Songs "Doomsday Clock" auf dem ersten Album der Smashing Pumpkins seit sieben Jahren. Soll man Angst haben? Soll man sich schämen für diese glatzköpfige des Alternative Rock, der sich mit "Zeitgeist" seine Band zurückgeholt hat und sich seine Heimat USA für eine apokalyptische Bestandaufnahme vornimmt? Angesichts des viel zu weit im Vordergrund wummernden Schlagzeugs von Jimmy Chamberlin und der dominant wabernden Gitarren, die gut die Hälfte des Albums volldonnern, mag es einem schon ein bisschen bange werden. Warum so viel Lärm? Erst nach der neunminütigen Katharsis "United States" kommt ein wenig Licht in die Heavy-Metal-Höhle: "Neverlost" funkelt fast so wie frühe Corgan-Kompositionen, "Bring the Light" und "(Come On) Let’s Go" erinnern an glorreiche Zeiten – wenn da nicht immer diese jubilierende Mosher-Gitarre hervorjaulen würde (am schlimmsten in "Tarantula").

Von ungefähr kommt das nicht, denn aus unerfindlichen Gründen wurde "Zeitgeist" von den alten Haudegen Roy Thomas Baker (Queen, Foreigner) und Terry Date (Pantera) produziert, was den Abschied der Ur-Pumpkins D’Arcy Wretzky und James Iha noch schmerzhafter macht. Dennoch: Die Smashing Pumpkins sind wieder da – überproduziert und vollfett wie es sich für ein Saurier-Comeback gehört. Da unterscheidet sich diese einst einflussreiche Band plötzlich gar nicht so sehr von anderen Recken, die uns dieses Jahr erneut heimsuchen. Genesis zum Beispiel. Vor diesem "Zeitgeist" müssen Emo-Epigonen nicht zittern. (6) Andreas Borcholte

Crowded House – "Time On Earth"
(Parlophone/EMI, 6. Juli)

Neil Finn sieht auf der Cover-Rückseite schon etwas verwittert aus, aber es stimmt: "Time On Earth" ist das erste Crowded-House-Album seit 14 Jahren. Nun ist es in der Zwischenzeit vermutlich nicht cooler geworden, Crowded House zu hören. Und doch: Wer zwei Ohren hat, weiß, dass "Pineapple Head", "Four Seasons In One Day", "Into Temptation" oder "Distant Sun" als Kompositionen ebenso tadellos waren wie das Image dieser Pop-Beamten, die sich wie keine andere Band die Beatles aneigneten und so wehmütige Musik machten wie es vielleicht nur Neuseeländer können. Wäre es unbotmäßig zu sagen, dass "Time On Earth" genauso klingt wie alle Crowded-House-Alben zuvor? Finn schrieb "Silent House" mit den Dixie Chicks und "Even A Child" mit Johnny Marr; auch ein großer Wurf wie "Pour Le Monde" ist immer noch drin. Sehr ordentliche Platte, auch für ältere Semester, die die Rockmusik von heute nicht mehr so ganz verstehen. (6) Jan Wigger

Shellac – "Excellent Italian Greyhound"
(Touch & Go/Soulfood, bereits erschienen)

Weil der nicht umkehrbare Entschluss, keinerlei Rezensionsexemplare an Journalisten zu verschicken, nicht von den Entscheidungsträgern einer großen Plattenfirma, sondern von Steve Albini selbst stammt, ist es sogar zu begrüßen, dass wir "Excellent Italian Greyhound" (natürlich auf Vinyl) im kleinen Plattenladen an der Ecke erstehen mussten. Der unnachgiebige Albini, der den Begriff "Produzent" zutiefst verabscheut, verfährt seit Jahren so; auf der letzten Shellac-LP machte er im unglaublich brutalen Stück "Prayer To God" kurzen Prozess mit einer Verflossenen und ihrem neuen Liebhaber – beide sollten sterben: "Just fucking kill him, I don’t care if it hurts/ Yes I do, I want it to, fucking kill him/ But first make him cry like a woman." "The End Of Radio" oder "Spoke" sind nun ähnliche Brecher, "Elephant" schleppt sich wie ein verwundetes Tier durch die letzten Meter, auf dem neunminütigen "Genuine Lulabelle" sendet Albini per Sprechgesang Schweinigeleien nach draußen. Acht Versuche über Verzögerung, Verschleppung und puren Lärm. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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