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11. September 2007, 11:32 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Wie bringt man Montreal zum Leuchten? Wie beschwört man die Wonnen des Teen-Seins? Und wie klingt ein persönlicher Verlust? Jan Wigger über Stars, The Thrills und Two Gallants.

Stars - "In Our Bedroom After The War"
(City Slang, 21. September)

Ehrlich gesagt: Noch beim Hören der letzten Stars-Platte "Set Yourself On Fire" wäre man nicht darauf gekommen. Doch während die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" gerade erst den geistreichen britischen Pop der frühen Achtziger Jahre gewürdigt und sogar an Haircut 100 und Fun Boy Three erinnert hat, klingen schlagartig auch die Stars aus Kanada nach Maßanzügen, Sophistication und Blue Eyed Soul.

"The Ghost Of Genova Heights"? Ein Scritti-Politti-Song. "Barricade"? Prefab Sprout, irgendwo zwischen "Jordan: The Comeback" und "Andromeda Heights", nur nicht ganz so glorios gesungen. Die Tatsache, dass Stars schon immer eine Pop-Band war (die, wenn man "Take Me To The Riot" als Maßstab nimmt, wohl auch im

Vorprogramm von U2 reüssieren könnte), kommt auf "In Our Bedroom After The War" auch deshalb so gut zur Geltung, weil Stücke wie das lind groovende "My Favourite Book" nicht das Geringste mit dem obsoleten Präfix "Indie" zu tun haben, sondern auf jedem etwas kühneren Radiosender laufen könnten. Montreal leuchtet: Die Stars sind auf dem Weg, Arcade Fire aber bleiben unerreicht. (7) Jan Wigger


Thurston - "Trees Outside The Academy"
(Ecstatic Peace / Cargo Records, 21. September)

Mit Verlaub und ohne jegliche Kenntnis darüber, was für Gitarren oder Verzerrer, welche Soft-Drinks und welche Sekundär-Literatur der große, alterslose, unsagbar coole Sonic- Youth-Avantgardist Thurston Moore für "Trees Outside The Academy" auch benutzt haben mag: Was für ein tolles Album! Naturgemäß kann man bekritteln, dass "Fri/End" wie "Diamond Sea" oder "The Empty Page" klingt, aber Sonic Youth stecken eben in Thurston drin und umgekehrt. Mehrere Ewigkeiten (genauer gesagt zwölf Jahre) muss die Veröffentlichung von Moores letzter wirklich hörbarer Solo-Exkursion "Psychic Hearts" nun schon her sein und "Trees Outside The Academy" ist, wie man sagt, versöhnlicher, gedämpfter, abgeklärter. Und noch während der heißblütige Titelsong läuft, fragt man sich, ob es überhaupt Menschen gibt, die erst jetzt, im Jahr 2007, von Sonic Youth erfahren? Nun ja: Die Wege des Hirns sind unergründlich. (8) Jan Wigger

The Thrills - "Teenager"
(Virgin / EMI, 21.September)

Nein, die originellste Band dieses Pop-Planeten sind The Thrills nicht, das kann man schon mal festhalten. Die Gitarren klingeln in Byrds-Manier, das Keyboard tippelt und Conor Deasy singt immer noch wie ein versehentlich im Gartenzaun steckengebliebener Laubfrosch, der vergeblich Liebeslieder raunt. Ungefähr so: "All I ever wanted was you". Oder: "Darling, no more empty words, they're just hurtful and deceiving". Das unbestimmte Sehnen der irischen Melancholiker, das an Provinznest und Großstadt zugleich gemahnt, hat in der heutigen Zeit wenig verloren und so exquisit und anrührend wie The Coral sind die Thrills auch nicht. Aber wer darüber schreibt, wie gern er die Zeit zurückdrehen würde, nur um wieder ein Teenager zu sein und die Wonnen der Jugend erneut zu genießen, verdient Anerkennung. Auch wenn alle drei bisher erschienenen Thrills-Platten gleich klingen. (6) Jan Wigger


Devendra Banhart - "Smokey Rolls Down Thunder Canyon"
(XL Recordings / Beggars Group / Indigo, 21. September)

Die "Bild"-Zeitung hatte Lady Dianas letzte Stunde als Comic, wir haben Devendra Banharts jüngste 16 Aufnahmen als CD. Zwar ist auch "Smokey Rolls Down Thunder Canyon" wieder viel zu lang geworden, doch die kommenden, zum Gähnen langweiligen Schrumm-Schrumm-Singer-Songwriter-Vorwürfe sind diesmal besonders leicht abzuwehren: Devendra Banhart, Bartman und Hippie im Herzen, macht World Music, singt portugiesisch auf "Samba Vexillographica" und jiddisch auf "Shabop Shalom", verwendet wenig gängiges, mittelalterliches Instrumetarium und gurrt wie eine Taube im tröstenden Nieselregen. Das religiöse Raunen, die Totengesänge, das Salbadern und die Feierlichkeit geraten auf "Smokey Rolls Down Thunder Canyon" kaum so strahlend wie auf dem Vorgänger "Cripple Crow", doch selbst Siddharta Gautama ist ja mehrere Jahre lang als Asket umher gewandert, bevor ihn die Erleuchtung ereilte. This is thirsty work making holy smoke! (6) Jan Wigger

Two Gallants - "Two Gallants"
(Saddle Creek / Indigo, 21. September)

Noch vor sehr kurzer Zeit veröffentlichten die Two Gallants ein akustisches Zwischenwerk, "The Scenery Of Farewell". Die nur fünf gar nicht mehr sumpfigen, hauptsächlich aufs Melodische konzentrierten Songs erinnerten fast schon an Arbeiten von Neil Young, so friedlich und wehmütig mäanderte beispielsweise "Linger On" durch die in diesem Fall greifbar endlosen Weiten des Two Gallants-Kosmos. "Two Gallants" ist Bindeglied zwischen "The Scenery Of Farewell" und der letzten elektrischen Gallants-LP "What The Toll Tells": Das Poltern der rauschhaften Live-Auftritte oder eines alten Rumplers wie "16th St. Dozens" ist kaum noch zu vernehmen, "Trembling Of The Rose" eine ebenso wahre wie schmerzliche Betrachtung über persönlichen Verlust: "But in the hour of my demise / I'll recall your empty eyes / You know I died the day you set me free / What good is livin' for when there's no knock on the door." Die Erfindung der Einsamkeit in fünf Minuten. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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