Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wie bringt man Montreal zum Leuchten? Wie beschwört man die Wonnen des Teen-Seins? Und wie klingt ein persönlicher Verlust? Jan Wigger über Stars, The Thrills und Two Gallants.


Stars - "In Our Bedroom After The War"
(City Slang, 21. September)

Ehrlich gesagt: Noch beim Hören der letzten Stars-Platte "Set Yourself On Fire" wäre man nicht darauf gekommen. Doch während die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" gerade erst den geistreichen britischen Pop der frühen Achtziger Jahre gewürdigt und sogar an Haircut 100 und Fun Boy Three erinnert hat, klingen schlagartig auch die Stars aus Kanada nach Maßanzügen, Sophistication und Blue Eyed Soul.

"The Ghost Of Genova Heights"? Ein Scritti-Politti-Song. "Barricade"? Prefab Sprout, irgendwo zwischen "Jordan: The Comeback" und "Andromeda Heights", nur nicht ganz so glorios gesungen. Die Tatsache, dass Stars schon immer eine Pop-Band war (die, wenn man "Take Me To The Riot" als Maßstab nimmt, wohl auch im

Vorprogramm von U2 reüssieren könnte), kommt auf "In Our Bedroom After The War" auch deshalb so gut zur Geltung, weil Stücke wie das lind groovende "My Favourite Book" nicht das Geringste mit dem obsoleten Präfix "Indie" zu tun haben, sondern auf jedem etwas kühneren Radiosender laufen könnten. Montreal leuchtet: Die Stars sind auf dem Weg, Arcade Fire aber bleiben unerreicht. (7) Jan Wigger


Thurston - "Trees Outside The Academy"
(Ecstatic Peace / Cargo Records, 21. September)

Mit Verlaub und ohne jegliche Kenntnis darüber, was für Gitarren oder Verzerrer, welche Soft-Drinks und welche Sekundär-Literatur der große, alterslose, unsagbar coole Sonic- Youth-Avantgardist Thurston Moore für "Trees Outside The Academy" auch benutzt haben mag: Was für ein tolles Album! Naturgemäß kann man bekritteln, dass "Fri/End" wie "Diamond Sea" oder "The Empty Page" klingt, aber Sonic Youth stecken eben in Thurston drin und umgekehrt. Mehrere Ewigkeiten (genauer gesagt zwölf Jahre) muss die Veröffentlichung von Moores letzter wirklich hörbarer Solo-Exkursion "Psychic Hearts" nun schon her sein und "Trees Outside The Academy" ist, wie man sagt, versöhnlicher, gedämpfter, abgeklärter. Und noch während der heißblütige Titelsong läuft, fragt man sich, ob es überhaupt Menschen gibt, die erst jetzt, im Jahr 2007, von Sonic Youth erfahren? Nun ja: Die Wege des Hirns sind unergründlich. (8) Jan Wigger

The Thrills - "Teenager"
(Virgin / EMI, 21.September)

Nein, die originellste Band dieses Pop-Planeten sind The Thrills nicht, das kann man schon mal festhalten. Die Gitarren klingeln in Byrds-Manier, das Keyboard tippelt und Conor Deasy singt immer noch wie ein versehentlich im Gartenzaun steckengebliebener Laubfrosch, der vergeblich Liebeslieder raunt. Ungefähr so: "All I ever wanted was you". Oder: "Darling, no more empty words, they're just hurtful and deceiving". Das unbestimmte Sehnen der irischen Melancholiker, das an Provinznest und Großstadt zugleich gemahnt, hat in der heutigen Zeit wenig verloren und so exquisit und anrührend wie The Coral sind die Thrills auch nicht. Aber wer darüber schreibt, wie gern er die Zeit zurückdrehen würde, nur um wieder ein Teenager zu sein und die Wonnen der Jugend erneut zu genießen, verdient Anerkennung. Auch wenn alle drei bisher erschienenen Thrills-Platten gleich klingen. (6) Jan Wigger


Devendra Banhart - "Smokey Rolls Down Thunder Canyon"
(XL Recordings / Beggars Group / Indigo, 21. September)

Die "Bild"-Zeitung hatte Lady Dianas letzte Stunde als Comic, wir haben Devendra Banharts jüngste 16 Aufnahmen als CD. Zwar ist auch "Smokey Rolls Down Thunder Canyon" wieder viel zu lang geworden, doch die kommenden, zum Gähnen langweiligen Schrumm-Schrumm-Singer-Songwriter-Vorwürfe sind diesmal besonders leicht abzuwehren: Devendra Banhart, Bartman und Hippie im Herzen, macht World Music, singt portugiesisch auf "Samba Vexillographica" und jiddisch auf "Shabop Shalom", verwendet wenig gängiges, mittelalterliches Instrumetarium und gurrt wie eine Taube im tröstenden Nieselregen. Das religiöse Raunen, die Totengesänge, das Salbadern und die Feierlichkeit geraten auf "Smokey Rolls Down Thunder Canyon" kaum so strahlend wie auf dem Vorgänger "Cripple Crow", doch selbst Siddharta Gautama ist ja mehrere Jahre lang als Asket umher gewandert, bevor ihn die Erleuchtung ereilte. This is thirsty work making holy smoke! (6) Jan Wigger

Two Gallants - "Two Gallants"
(Saddle Creek / Indigo, 21. September)

Noch vor sehr kurzer Zeit veröffentlichten die Two Gallants ein akustisches Zwischenwerk, "The Scenery Of Farewell". Die nur fünf gar nicht mehr sumpfigen, hauptsächlich aufs Melodische konzentrierten Songs erinnerten fast schon an Arbeiten von Neil Young, so friedlich und wehmütig mäanderte beispielsweise "Linger On" durch die in diesem Fall greifbar endlosen Weiten des Two Gallants-Kosmos. "Two Gallants" ist Bindeglied zwischen "The Scenery Of Farewell" und der letzten elektrischen Gallants-LP "What The Toll Tells": Das Poltern der rauschhaften Live-Auftritte oder eines alten Rumplers wie "16th St. Dozens" ist kaum noch zu vernehmen, "Trembling Of The Rose" eine ebenso wahre wie schmerzliche Betrachtung über persönlichen Verlust: "But in the hour of my demise / I'll recall your empty eyes / You know I died the day you set me free / What good is livin' for when there's no knock on the door." Die Erfindung der Einsamkeit in fünf Minuten. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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