Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jens Friebe singt, als würde er geheime Zauberformeln aufsagen, schwärmt Jan Wigger, bescheinigt dem braven Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl aber gähnende Inhaltsleere. Außerdem Neues von PJ Harvey, Pinback und Babyshambles.


Jens Friebe – "Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert"
(ZickZack/What's So Funny About/Indigo, 28. September)

Dass der Musiker und Autor Jens Friebe ein in hohem Maße geistreicher und stilsicherer Mensch ist, darf nach den Alben "Vorher Nachher Bilder" und "In Hypnose" als bekannt vorausgesetzt werden. Nach Gesprächen mit Friebe und extensivem Hören von "Das mit dem Auto ist egal Hauptsache dir ist nichts passiert" (anscheinend ohne Komma) lautet das Urteil: Friebe ist scheinbar so intelligent, dass er früher hochbegabter Schüler der "New Renaissance Academy" aus Joey Goebels genialischem Roman "Vincent" gewesen sein muss, ohne die Dummheit zu begehen, Sex mit der Frau seines Managers zu haben. Auch Friebe schätzt die großartige Tokio-Hotel-Single "Übers Ende der Welt" und erstarrt bei David Lynchs unterschätztem Film "Twin Peaks - Fire Walk With Me" in angstbebender Ehrfurcht.

"Das mit dem Auto ist egal Hauptsache Dir ist nichts passiert" ist Friebes vollkommenste Platte, "Du freust dich ja gar nicht" und "Frau Baron" unwiderstehlicher Pop für den Exegeten-Ball im Turmzimmer. "Was es will" ist das bemerkenswerteste und düsterste Stück der Platte: Friebe singt, als würde er geheime Zauberformeln aufsagen, doch der Kampf gegen das innere Pochen scheint schon verloren: "Und es wird da sein/ Auch wenn du es niemandem erzählst/ Und es wird lauter/ Wenn du die Ohren zuhältst/ Und es wird niemals still/ Bis du tust/ Was es will" Hinter die Welt des Gewöhnlichen und der Eigentlichkeit wagt sich auch der Dance-Track "Jeu de Cons": "Ich packe meinen Koffer/ Und ich nehme mit:/ Nichts." Denn auch ein Haufen Asche kann schon Glück bedeuten. (8) Jan Wigger

Babyshambles – "Shotter’s Nation"
(Regal/Parlophone/EMI, 28. September)

Nein, auf die vereinzelten Äußerungen, nach denen "Shotter’s Nation" sogar noch ein Stück brillanter sein soll als das todesverachtend durch Chaos und Gesetzlosigkeit watende Meisterwerk "Down In Albion", lassen wir uns nicht ein. Hat ja auch lange genug gedauert, bis man "Shotter's Nation" endlich ein paar Mal durchhören konnte: Immer und immer wieder blieb man an der ohne Einschränkung sensationellen und tief berührenden Single "Delivery" hängen: Wenn Pete Doherty nach ordnungsgemäß holprigem Kinks-Riffing in der Strophe nach 40 Sekunden zum ersten Mal kopfüber in den verführerischsten Refrain der Babyshambles-Geschichte kippt, sollte selbst Menschen, deren Bezug zur britischen Pop-Geschichte bei "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" und "Who's Next" endet, das Herz aufgehen. In "You Talk" fällt Doherty kurz wieder ins Falsett des Libertines-Songs "Don't Be Shy", "UnBilo Titled" und "UnsTookie Titled" breiten alle Arme aus, letzteres zitiert gedankenversunken und in die viel zu helle Sonne blinzelnd sogar noch einmal "Fuck Forever". "Baddies Boogie" hat sie wieder, die Mundharmonika und ja, es stimmt: Auf "The Lost Art Of Murder" spielt tatsächlich der große,alte Meister Bert Jansch von Pentangle Gitarre. Ach, es weiß sowieso niemand, wer das ist? Quod erat demonstrandum. (8) Jan Wigger

PJ Harvey – "White Chalk"
(Island/Universal, 21.September)

Polly Jean Harvey hingegen dürfte jeder Mensch kennen, der die letzten zwölf Jahre nicht in einem Erdloch verbracht hat. Ihre Stimme gilt leidenschaftlichen Hassern von Frauengesängen in etwa als Bindeglied zwischen Kate Bush und Joanna Newsom, doch Göttinen sind ja eh alle drei. Über "White Chalk" wird gesagt, dass die Songs auf dieser Platte ihre bisher "persönlichsten" und "intimsten" seien, was einerseits falsch (man achte vor allem auf die Texte der frühen Alben "Rid Of Me" und "Dry"), andererseits aber auch richtig ist, weil "Broken Harp", "The Devil" oder "The Mountain" eine schmerzende Direktheit ausstrahlen, auf die man bei der launenhaften, nervenaufreibenden englischen Gräfin nicht unbedingt mehr hätte wetten wollen. Für die Anhänger von "Man-Size" oder "The Whores Hustle, And The Hustlers Whore", der energischeren PJ Harvey also: Auf "White Chalk" wird im Grunde nur Klavier gespielt. Doch das Reduzierte, Entzerrte lässt die harten Worte, die Polly Jean gelassen ausspricht, nur noch unbarmherziger klingen: "Please don't reproach me/ For how empty my life has become" Auf den Gipfeln der Verzweiflung ist immer noch was los. (8) Jan Wigger

Pinback – "Autumn Of The Seraphs"
(Touch And Go/Soulfood, bereits erschienen)

Der 11. September wird auf der Promo-CD von "Autumn Of The Seraphs" als US-Veröffentlichungsdatum angegeben, und kaum ein Tag könnte treffender sein für die Misere der amerikanischen Band Pinback, die vor vielen Jahren ein magisches Album namens "This Is A Pinback CD" herausbrachte, gefolgt von ein paar weiteren, insgesamt schwächeren Songsammlungen, deren Massen-Appeal ebenso begrenzt war. Leider haben sich Pinback für "Autumn Of The Seraphs" eine furchtbar verkitschte Zeichnung aufs Cover malen lassen – über dem auf einem Grabstein versunkenen Engel sollte eher Lake Of Tears oder Cathedral stehen statt Pinback. Mit "From Nothing To Nowhere" beginnt das Album ungewohnt rasant, der Rest verharrt meist im beruhigend voraussagbaren Pinback-Tempo, die dynamische, zielorientierte Rhythm Section immer im Vordergrund. Ganz ehrlich: Gegen die eine oder andere überraschung wäre diesmal wirklich nichts einzuwenden gewesen. Knapp: (6) Jan Wigger

Foo Fighters – "Echoes, Silence, Patience And Grace"
(RCA/SonyBMG, 21.September)

Der Rezensent liebt Mainstream-Musik, aber gut sollte sie schon sein. So wie "Rumours" von Fleetwood Mac, "Piano Man" von Billy Joel, "The Visitors" von Abba, "Synchronicity" von den Police oder wie das Debüt der Dire Straits. Foo-Fighters-Sänger und Gitarrist Dave Grohl, dessen rockmusikalische Verdienste (zu denen auch die beiden ersten Foo-Fighters-Alben zählen) nicht anzuzweifeln sind, ist allerorten wohlgelitten und hätte es weder künstlerisch noch finanziell nötig, den eher risikolosen Stadionrock abzuliefern, den es auf "Echoes, Silence, Patience And Grace" zu hören gibt. Die ordentliche Single "The Pretender" beginnt noch wie Foreigner, bricht dann aber unverfroren los wie noch fast jeder Vorbote einer Foo-Fighters-Platte. Die zwei Seiten der Doppel-CD "In You Honor", Testosteron-Rock und Gefühliges also, sind auf "Echoes, Silence, Patience And Grace" (und in Stücken wie "Let It Die") vereint, doch hinter dem ungelenken, prätentiösen Albumtitel verbirgt sich auch eine schon etwas länger bekannte Wahrheit: Dave Grohl kann dir zwar in kürzester Zeit die typische Foo-Fighters-Ballade, den typischen Foo Fighters-Brecher oder beides schreiben, hat aber nichts zu sagen. Und immer dann, wenn Grohl sich am Ernsthaften, Getragenen versucht ("Home", "Stranger Things Have Happened"), schlafen einem die Füße ein. Ansonsten: Robuster, handfester Erwachsenen-Pop-Rock von ganzen Kerlen, der sich wie von selbst verkaufen wird. (5) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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