Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Cult-Sänger Ian Astbury entfacht auf dem Comeback-Album seiner Band ein heiliges Geheul, das Andreas Borcholte bis ins Mark trifft. Jan Wigger lobt den blauäugigen Soul von Jack Peñate und wünscht sich bei Beirut etwas mehr Innovation.


The Cult - "Born Into This"
(Roadrunner/Warner, 5. Oktober)

Das Cover ist gruselig, der bloße Gedanke an ein weiteres Stelldichein alternder Rockstars lässt einen zusammenzucken. Doch dann fängt "Born Into This" mit diesem kreiselnden Riff und mächtigen Schlägen auf die Snare an, und alles ist plötzlich gut. Man erinnert sich wohlig schaudernd an den muskulösen Langhaar-Rock der achtziger Jahre, an scharfkantige Alben wie "Electric" und "Sonic Temple", mit denen The Cult es mächtig krachen ließen, bevor Guns N' Roses und Konsorten alles mit zu viel Sleaze zukleisterten. Jetzt haben sich Sänger Ian Astbury und Gitarrist Billy Duffy wieder zusammengetan, um dem eher müden Cult-Album "Beyond Good And Evil" von 2001 doch noch einen - vielleicht den letzten - Kommentar hinterherzuschicken. Und, oh Wunder, es funktioniert: Man weiß nicht, welche indianischen Rituale Astbury an seinem geliebten wie gehassten Kompagnon ausprobiert hat, er spielt jedenfalls, als gäbe es morgen keine Gitarrensaiten mehr zu kaufen.

Und Astbury selbst, der sich zwischenzeitlich doch noch für die Rolle Jim Morrisons entschied und mit der Doors-Show auf Tour ging, entfacht ein fiebrig vibrierendes Geheul, das jeden Knochen im Leib zum Klappern bringt. Das stramm marschierende "Citizens", neben dem explosiven "I Assassin" Höhepunkt des Albums, erinnert an "Love Removal Machine" und andere düstere Cult-Höhepunkte. Von der Single "Dirty Little Rockstar", auf der sich die beiden Veteranen selbstironisch als Medienhuren bezichtigen, soll man sich nicht täuschen lassen: So modernistisch ist nicht das ganze Album. Im Gegenteil: Sehr schöne Stones-Reminiszenzen im ersten und im letzten Song, da verneigen sich die Alten vor den Greisen. Ist "Born Into This" also vor allem ein Nostalgiefest? Aber hallo! Macht aber nichts, ist trotzdem ein großer, ein ganz großer Spaß. (7) Andreas Borcholte

Jack Peñate – "Matinée"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 5. Oktober)

Als vor vielen Monaten hastig die exzellente Jack-Peñate-Single "Second, Minute Or Hour" herumgereicht wurde, durfte man schon an den frühen Jonathan Richman oder an eines der konzisen Housemartins-Stücke wie "Sheep" und "Five Get Over Excited" denken, ohne dadurch gleich für den "King Of Uncool 2007" nominiert zu werden. Jack Peñate, mit der heißblütigen Meta-Göre Kate Nash und seiner gütigen elektrischen Gitarre befreundet, gehört schon jetzt, mit einem einzigen Album, zu den aufsehenerregendsten jungen Solokünstlern Großbritanniens. Peñate hat vielleicht den falschen Namen (aber den richtigen Dreitagebart!) und sieht aus wie ein Beamter im gehobenen Dienst, doch sanfte Brecher wie "Made Of Codes" oder "Spit At Stars", das "Matinée" mit Gitarrenstakkato, Glockenspiel und spielerischem Piano eröffnet, macht ihm zur Zeit kaum jemand nach. Vom Gefühl her fast eine Soul-Platte mit etwas Luft nach oben und na klar: Jack Peñates' Soul ist blauäugig. (7) Jan Wigger

Beirut – "The Flying Club Cup"
(4AD/Beggars/Indigo, 5. Oktober)

Balkan-Folk, Balkan-Pop, Zigeuner-Pop, osteuropäische Folklore, weißrussischer Minimal House, papperlapapp. Es kann in der heutigen Zeit doch nur noch darum gehen, gegen Wahnwitz und abgrundtiefe Dummheit anzuschreiben, die sich gerade im Fall Beirut wieder einmal Bahn brechen könnten: Wundervolle, von osteuropäischen und neuerdings auch französischen (Brel, Gainsbourg, Aznavour) Schätzen inspirierte Klagelieder zu Mandoline, Wurlitzer, Farfisa-Orgel, Friedhofsbläsern und Akkordeon gibt der frühreife Zack Condon zum Besten und natürlich: Ohne das Debüt "Gulag Orkestar" oder "The Flying Club Cup" auch nur einmal gehört zu haben: Was der Bauer nicht kennt, ist für den Bauern automatisch "Indie". Eine bemitleidenswert kleine Welt, in die Condon nun mit fabelhaftem Cover, Streichern von Owen Pallett (Final Fantasy) und seiner in ausgefeilte Arrangements gebetteten Timm-Thaler-Stimme zum zweiten Mal einbricht. Kleine Anregung fürs nächste Mal: Ein paar Neuerungen, wenn irgend möglich. (6) Jan Wigger

Club 8 – "The Boy Who Couldn’t Stop Dreaming"
(Labrador Records/Broken Silence, 12. Oktober)

Diese einschläfernd gemächliche, zutrauliche und vollkommen harmlose Halbschlafmusik: Wir kennen sie von den Montgolfier Brothers, von Another Sunny Day und anderen, im Prinzip erfolglosen Bands auf dem guten alten Geschmacksterroristen-Label Sarah Records. In dieser wonnevollen Tradition steht womöglich auch das schwedische Boy/Girl-Duo Club 8, das nach vier Jahren Absenz mit "The Boy Who Couldn’t Stop Dreaming" exakt so zurückkehrt, als wolle es erst mal nicht weiter stören. Aber ja doch, so wie "Whatever You Want" und "Heaven", das über einen ganz und gar friedliebenden Whitest-Boy-Alive-Beat gehaucht wird, muss Pop-Musik klingen. Berechtigte Frage: Wird die Grenze zur Belanglosigkeit überschritten? So dann und wann, doch es fällt nicht weiter ins Gewicht. Ein genereller Verzicht auf Plattenkritiken mit dem Fazit "Wohlfühlfaktor 10!" oder "So flauschig weich wie Mamas Steppdecke am offenen Kaminfeuer" wäre zu begrüßen. (6) Jan Wigger

Iron & Wine – "The Shepherd’s Dog"
(SubPop/Cargo, bereits erschienen)

War das damals, in den beginnenden neunziger Jahren, nicht seltsam, als Floridas Todesblei-Götter Obituary nach zwei grandios herausgegrunzten Alben im Vorfeld ihrer dritten LP "The End Complete" urplötzlich zu Protokoll gaben, diesmal echte Texte geschrieben zu haben? Der Vergleich ist eher schief als eben, aber dennoch legitim: Würde Sam Beam alias Iron & Wine seinen beeindruckend langen, verzweigten und voluminösen Bart abrasieren – die Verwunderung bei den Anhängern wäre mindestens ebenso groß. Noch immer klingt die Iron-&-Wine-Musik nach kapitalen Helden, nach Nick Drake, Buffalo Springfield und Belle & Sebastian, und noch immer gehört Sam Beam neben Lambchops Kurt Wagner zu den größten Lyrikern des musikalischen Amerikas: "Love was a promise made of smoke in a frozen copse of trees/ A bone cold and older than our bodies slowly floating in the sea/ Every morning there were planes/ The shiny blades of pagan angels in our father's sky." Sam Beam kann sich vorstellen, Buchautor zu werden, wenn das richtige Angebot kommt. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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