Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Tränenmeer und Tintenflut entdeckt Jan Wigger auf dem neuen Album von Radiohead, das die Band ohne Plattenfirma veröffentlicht hat. Andreas Borcholte ärgert sich über Ignoranten, die das Elektronik-Duo Underworld auf eine Toilettenszene reduzieren.

Radiohead – "In Rainbows"
(kein Label)

We hope that you choke. Der triefäugige Herrscher hat es so gewollt: In seltener und kostbarer Gleichzeitigkeit saßen seine Jünger vergangene Woche vor dem Rechner, um sich das neue Radiohead-Album abzuholen, das ausgesuchte Box-Set mit zusätzlichen Songs vorzubestellen und das System "Plattenfirma" leichtfüßig zu unterlaufen. Den eigenen Tod kann man zwar noch nicht downloaden, doch "In Rainbows" hat den ganzen Rest: Die süße Wehmut, die stille Trauer und einen Sänger, der noch nie (wir betonen: noch nie!) so brillant seine Stimme erhoben hat wie auf diesen zehn Liedern. Fast viereinhalb Jahre hat es gedauert, aber wahre Liebe wartet, und diese Platte holt uns alle heim: "Nude", Tränenmeer und Tintenflut, ist auf einer Höhe mit "Exit Music (For A Film)" und "How To Disappear Completely", vielleicht sogar mit "Paranoid Android". Ach was: Womöglich ist es Radioheads endgültiges "Wish You Were Here". "Weird Fishes/Arpeggi" hat noch einmal den freundlichen "Morning Bell"-Beat, Thom Yorke singt herzerweichend über sonderbare Fische und den Boden des Ozeans, Themen also, die ihm bei den Beschränkten und "Kenne nur 'Creep' von der Abifeier"-Deppen aller Voraussicht nach wieder das Attribut "schräger Vogel" einbringen wird.

Dabei ist "In Rainbows" kein Enigma, kein Vexierbild und keine Kippfigur, sondern die zugänglichste Platte, die Radiohead seit "OK Computer" veröffentlicht haben. Wer hier noch ernsthaft von "sperrig" spricht, verdient 48 Stunden Dauerbeschallung mit Muse und Placebo, angekettet. Aber jetzt weiter im Text: "15 Step", eine Entwaffnung, vereint das Zärtliche und das Manische, Verdüsterung und sanfte Raserei, die Dichotomie Radioheads eben, die schon seit "The Bends" Bestand hat. "Jigsaw Falling Into Place" ruft den Grusel von "A Wolf At The Door" zurück ins geschundene Gedächtnis und mit "Videotape" schließt Thom Yorke endgültig den Sargdeckel. Sag zum Abschied leise "Weirdo". (10) Jan Wigger

Underworld - "Oblivion With Bells"
(Different/PIAS/Rough Trade, bereits erschienen)

Stichwort "beschränkt": Wenn Radiohead unter dem Abifeier-"Creep"-Syndrom zu leiden haben, müssen Underworld erdulden, immer wieder auf eine psychedelische Toilettenszene im Drogenfilm "Trainspotting" reduziert zu werden: Dazu hämmerte nämlich "Born Slippy" aus dem Soundtrack, eine böse, harte Techno-Nummer, mit der sich Karl Hyde und Rick Smith Anfang der Neunziger kurzfristig ihren Superstar-Status sicherten. Die Kehrseite: Fortan musste alles wie "Born Slippy" klingen. Falls nicht, so die landläufige Meinung, hätten die beiden Elektronik-Musiker wahlweise ihren Biss oder ihren Verstand verloren. Vergessen wird dabei gerne, dass Underworld noch vor ihrem von Rupert Hine aufgemotzten Poprock-Hit "Underneath The Radar" (1988) noch Freur hießen und mit "Doot Doot" einen wunderschön atmosphärischen Mini-Erfolg feierten. Der Ambient-Sound, das Flächige, ist das Angestammte bei Smith und Hyde, das laute Stakkato eher nicht. So gesehen ist "Oblivion With Bells", das erste Underworld-Album seit fünf Jahren, eine feine Platte geworden - auch wenn sie zunächst betont tiefenberuhigt wirkt. "Beautiful Burnout" ist eine herrlich selbstironische Hymne an das Ausglühen, "Faxed Invitation" macht sich über die Rituale der Party-People lustig, und in "Ring Road" versucht sich Hyde etwas unbeholfen als Cockney-Rebell Mike Skinner alias The Streets. Nicht alles glänzt, aber vieles leuchtet. Von der Oblivion, der Vergessenheit also, sind Underworld noch weit entfernt. Ring the Bells! (6) Andreas Borcholte

Einstürzende Neubauten – "Alles wieder offen"
(Potomak/Indigo)

Auch mal wieder da: Weltbürger und semantischer Muezzin Blixa Bargeld mitsamt der Einstürzenden Neubauten. Songtitel wie "Let's Do It A Da Da" und "Weil Weil Weil" sind ein Muss, an jeder neuen Platte hängt ein umfassendes, bleischweres Kunstprojekt: Sätze wie "Ich habe mit dem Urtext selbst einmal gebadet" oder "Ich lebe von der Belegschaft meiner Zunge" gehen Bargeld so leicht von den Lippen wie anderen ein "Was geht, Digger?". Mit "Nagorny Karabach" (sic!) und "Susej" gibt es auch auf "Alles wieder offen" die beiden für Bargeld obligatorischen wunderschönen Stücke, ganz ohne Gespreiztheit und Ballast. "Unvollständigkeit" schleppt sich monoton über neun Minuten, Bargeld fragt bedeutungsvoll: "Aber bin ich noch vollständig genug? Habe ich noch alle beisammen?" Wenn das mal nichts mit dem System zu tun hat. "Alles wieder offen": Kunstanstrengung oder Kunstkacke? Es gibt hier zwei, drei Songs, die von Helge Schneider vortrefflich parodiert werden könnten. Wir bitten ausdrücklich darum, dies als Kompliment zu verstehen. (5) Jan Wigger

Jimmy Eat World – "Chase This Light"
(Geffen/Universal)

Das heilige Melodien-Geballer von Jimmy Eat World, es ist uns allen bekannt, denn es war uns einmal lieb und teuer, mindestens bis "Clarity". Damals, noch weit bevor die EMI jenes Monster-Album, das wir bereits seit Ewigkeiten als Doppel-Vinyl aus dem verblichenen Hamburger Plattenladen "False Insight" entführt hatten, einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, war das Leben einfacher und das Tragen von Nietenarmbändern noch keine Todsünde. Was die einstigen Helden Jimmy Eat World nach dem sehr guten "Bleed American" und dem immer noch ordentlichen "Futures" auf "Chase This Light" veranstalten, ist allerdings eine mittlere Katastrophe: Reichlich Eo-Oh-Eo-Oh-Chöre und viel "Hey, Hey!" auf den vollkommen missglückten "Electable (Give It Up)" und "Here It Goes". Dazu die Gewissheit, dass immer die einfachste Bridge, die einfachste Wendung und der ödeste Refrain benutzt wird. Ist es noch Hard-Fi oder schon Emo-Schlager? "Chase This Light" ist maximal glatt produzierter, risikoloser Adult-Rock und "Gotta Be Somebody’s Blues", wie im Infoschreiben suggeriert, ganz sicher nicht "der vielleicht größte Moment in der Geschichte von Jimmy Eat World": Das waren "No Sensitivity", "Table For Glasses", "Believe In What You Want" oder "Polaris". Aber hey, keine Angst: Die zwei bis drei deutschen Zeitschriften, bei denen Jimmy Eat World bereits vor Jahren das "Platte des Monats"-Abo gelöst haben, gibt es ja noch. (4) Jan Wigger

Edwyn Collins – "Home Again"
(Heavenly/EMI)

In Deutschland ist mit Edwyn Collins kein Staat zu machen: Hier ist die einzige Bedeutung von "Orange Juice" Orangensaft und Collins bestenfalls der Typ, der mit "A Girl Like You" mal einen Hit hatte. Viel zu spät traf "Home Again" ein, auch zur Bauzaunplakatierung wird es für Ed nicht mehr reichen und mit den alten "Postcard"-Recken Roddy Frame und Paul Quinn teilt er das unabänderliche Schicksal der höchst geschmackvollen und kultivierten Melancholikers, die sich trotz nach wie vor anrührender Veröffentlichungen keine neuen Käuferschichten mehr erschleichen können. Nach zwei Schlaganfällen darf man "Home Again" sogar als "Comeback" bezeichnen, so sardonisch, messerscharf und klug wie früher, wenn auch das Material als Ganzes knapp hinter "Doctor Syntax" aus dem Jahr 2002 zurückbleibt. Noch früher schrieb Collins einmal das spöttische "A Campaign For Real Rock", heute gibt es im "Superstar Talking Blues" noch immer kein Mitleid: "Now it's hello Motorola/ And goodbye rock and roller/ Cos there's bourbon in the cola, Superstar." (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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