Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Eagles veröffentlichen ihr erstes Studio-Album seit 28 Jahren - und taugen immer noch nicht als Feindbild, meint Andreas Borcholte und rügt Alicia Keys für ihre Überheblichkeit. Jan Wigger hört Joy Division zum Frühstück und versucht sich mit den Raveonettes anzufreunden.


Eagles - "Long Road Out Of Eden"
(Universal Vertrieb, bereits erschienen)

Die Eagles gelten vielfach als George Lucas und Steven Spielberg der Musikbranche. Die beiden Filmemacher gelten als Totengräber des engagierten New-Hollywood-Kinos; die Eagles sind die Blockbuster-Produzenten der amerikanischen Country-Rockszene. Erst kürzlich erregte sich ein geschätzter Kollege in einer großen Zeitung noch einmal darüber auf, dass die Band einst den im Laurel Canyon von Los Angeles blühenden Alternativ-Country von Gram Parsons und Konsorten an den Kommerz verraten habe. Schon damals, 1971, sei es den Eagles nur um die Kohle gegangen, nicht um die Kunst. Vielleicht fing alles damit an, dass die Eagles-Gründungsmitglieder Don Henley (Texas) und Glenn Frey (Michigan) nicht aus Kalifornien stammten, obwohl der Country-Rock der Eagles schnell als typischer Westcoast-Sound definiert wurde. Zwei der damaligen Eagles, Bernie Leadon und Randy Meisner, waren jedoch alles andere als Zugereiste, sondern liefen von den gänzlich unkommerziellen Späthippie-Combos Poco und Flying Burrito Brothers über. Der Rest ist Geschichte: Die Eagles ("Take It Easy", "Desperado", "Hotel California" waren in den siebziger Jahren so erfolgreich, dass ihr Best-of-Album "Greatest Hits" bis heute als eines der meistverkauften Alben aller Zeiten gilt. 1979, Leadon und Meisner waren gegangen, Joe Walsh und Timothy B. Schmit hinzugekommen, trennte sich die Gruppe und schloss aus, jemals wieder zusammenzukommen. Eher friere die Hölle zu, sagte Frey damals. Und so hieß eben das Live-Comeback-Album Mitte der Neunziger "Hell Freezes Over" - und wurde natürlich ein weiterer Riesenhit.

Jetzt veröffentlichen die Eagles zum ersten Mal seit 28 Jahren ein neues Studio-Album - und sind trotz mehrfacher Zeitenwende ganz die Alten geblieben. "Long Road Out Of Eden" knüpft schon im Titel an "Hotel California" an, denn das Thema der Eagles, Kommerz hin oder her, war immer auch die Schattenseite des kalifornischen Lebensstils, die Kehrseite der Dekadenz. Und weil Alter nicht unbedingt klüger, aber oftmals mitteilsamer macht, gibt es auf dem Doppelalbum sogar ein paar holprig formulierte politische Botschaften: In "Frail Grasp On The Big Picture" wird die Verflachung der Medien beklagt ("Journalism dead and gone"), im zehnminütigen Titelstück, das mit einem arabisch klingendem Intro beginnt, wird die Kriegspolitik der Großmacht USA aufs Korn genommen: "...But the road to empire is a bloody, stupid waste". Dazu gibt es das zupackende, zum zivilen Ungehorsam aufrufende "Do Something" und ein elegisches Instrumental namens "I Dreamed There Was No War", das ans "Reprise" von "Desperado" erinnert. Der Rest ist "Business As Usual" (noch ein Songtitel): Die Band klingt nahezu exakt wie vor 30 Jahren und zitiert sich kräftig selbst, was natürlich erlaubt ist. Band-Boss Henley hat sogar noch seine seit Jahren währende Mission als Umweltaktivist verewigt und gibt sich im Opener "No More Walks in The Wood" sowie in "Waiting In The Weeds" als Henry David Thoreau der Countrymusik. Es gibt also eine Menge zu entdecken auf diesem Comeback der Megastars, das in den USA ohne Plattenfirma veröffentlicht und ausschließlich bei der bösen Supermarkt-Kette WalMart verkauft wird. Schon wieder so ein Verrat. Vielleicht aber auch nur ein Zugeständnis an die alternde Stammkundschaft, die sich nicht ins Internet verirrt. Denn auf der Website der Band ist das Album ebenfalls erhältlich. Für einen Preis, den man durchaus vernünftig nennen kann. Es will einfach nicht hinhauen mit dem Feindbild. Nehmen wir's leicht. (8) Andreas Borcholte

Alicia Keys – "As I Am"
(Arista/SonyBMG, 9. November)

Wer mehr als 20 Millionen CDs mit zwei Alben und einer Live-Session verkauft hat, darf sich wohl getrost in einem ihrer neuen Songs "Superwoman" nennen: Alicia Keys hat es ganz schön weit gebracht und wurde so lange gelobt, bis Sachen wie diese über ihre Lippen kamen: "Aretha Franklin meets Janis Joplin", so klinge ihr neues Album. Superwoman hin oder her, das ist hoch gegriffen. Zu hoch. Die Misere – oder besser: das nicht eingehaltene Versprechen – fängt bereits bei der Single "No One" an: Eigentlich ein simpler, effektvoller Stampfer mit Gospelchor-Charme und lustig plinkerndem Piano. Frau Keys aber heult ihre Verse so jämmerlich darüber, dass man ihr das beschwörende "Everything’s gonna be alright" am Ende des Refrains partout nicht glauben mag. Es fiel ja bereits beim "MTV Unplugged"-Konzert auf, dass die 27-jährige New Yorkerin stimmtechnisch brilliert, auf emotionaler Ebene jedoch oft zur Ice-Queen wird. Das ist natürlich fatal auf einem Album, dass ganz zeitgeistig die Retro-Wärme alter Soulmusik transportieren soll. "As I Am" ein auf Hochglanz produziertes Soul-Album, an dem nicht nur erlesene R&B-Recken (darunter Keys’ Boyfriend Kerry Brothers), sondern auch Pop-Schreiberlinge wie Linda Perry (Pink), Mark Batson (James Blunt) und John Mayer mitwirkten. Dass in so einem braven Mainstream-Mix für jeden potentiellen Käufer der richtige Autoradio-Hit dabei ist, versteht sich von selbst. Nur ganz selten, in den von Jack Splash produzierten Songs "Teenage Love Affair" und "Wreckless Love", blitzt das auf, was man sich von Alicia Keys halt immer erhofft: Dass sie sich vielleicht doch noch zu Recht mit Aretha Franklin und Janis Joplin vergleichen darf. (5) Andreas Borcholte

Joy Division – Reissues
(Factory/Warner)

Sei es in einem der verheerend großartigen Filme des Österreichers Ulrich Seidl oder in einem tristen, russischen Sozialdrama: Wenn die erste zerbröselnde Häuserwand gezeigt wird und die erste Magd mit der rostigen Milchkanne um die Ecke gebogen kommt, sollte man vielleicht lieber abschalten. Jedoch bleibt man trotzdem dabei, so wie man auch die beiden epochalen Joy Division-LPs "Unknown Pleasures" und "Closer" niemals in Ausschnitten, sondern immer bis zum bitteren Ende (und nicht selten schon zum Frühstück) gehört hat. Jetzt glaubt man wieder den kalten Atem von Ian Curtis im Rücken zu spüren, das mutlose "I tried to get to you" aus dem Song "Candidate", das bleierne "I put my trust in you" aus "A Means To An End", auch die schroff angeschlagenen Gitarren im elektrisierend einfarbigen "Shadowplay". Manchester, ein Scherbenmeer. Unvergessen auch, wie Curtis anhand der Verstörung "Atrocity Exhibition" die LP "Closer" eröffnete: "Asylums with doors open wide/ Where people had paid to see inside/ For entertainment they watch his body twist/ Behind his eyes he says 'I still exist'/ This is the way, step inside." Endlich erscheinen nun "Unknown Pleasures", "Closer" und das Live-Album "Still" in der "Collector’s Edition", erweitert um jeweils ein Live-Konzert, Liner Notes, Bildern aus dem Tunnelreich und einem Interview mit den drei Übriggebliebenen. Die Cover aller drei Platten sind bekanntermaßen Kunstwerke, gefertigt in den drei einzigen Farben, die Joy Division entsprechen: Schwarz, weiß und grau. "Unknown Pleasures" (10), "Closer" (10), "Still" (8). Jan Wigger

The Raveonettes – "Lust Lust Lust"
(Fierce Panda/Cargo Records, 9. November)

Irritierenderweise klingen Teile des neuen Raveonettes-Albums "Lust Lust Lust" gar nicht mehr so arg nach The Velvet Underground, den Ronettes und den Everly Brothers, sondern wie einer der eher getragenen Phillip Boa & The Voodooclub-Songs aus der Mitte der Neunziger. Weil diese Verbindung doch sehr obskur erscheint, konzentrieren wir uns lieber ganz und gar auf die jüngsten Kompositionen von Sune Rose Wagner und Sharin Foo. Erstens: Den Verzerrer aus der Raveonettes-Anfangszeit gibt es noch, er wird bloß seltener angeworfen. Zweitens: Der Tendenz hin zu Liebreiz, Schönklang und verhaltenem Gitarren-Twang bleibt das blutvolle Duo auch diesmal treu. Drittens: "Ode To L.A" bleibt der tollste Track der Raveonettes und wird auf "Lust Lust Lust" nicht erreicht. Viertens und letztens: Die Alben der Raveonettes kommen wie üblich nicht ohne Füller aus. Macht ja nichts. (6) Jan Wigger

Southeast Engine – "A Wheel Within A Wheel"
(Misra/BB*Island, 9. November)

Eine Symphonie, die nie verklingt und Musik von der Sorte, wie sie in absehbarer Zeit noch nicht aussterben wird: Southeast Engine residieren mitnichten im R.E.M-Athens in Georgia, sondern entstammen dem kleinen Athens in Ohio, in dem die Zeit noch langsamer vergeht, man sich gemächlich durch den Tag schleppt und am Ende doch erkennt, dass es nicht das Schlimmste ist, wenn die Dinge erstmal so bleiben, wie sie sind. "A Wheel Within A Wheel", das könnte ein Weiterspinnen von Wilcos "I'm A Wheel" sein, und grob gesagt geht die elegische Reise des Sängers und Songschreibers Adam Remnant und seiner Band auch in diese Richtung. Wie Eagle*Seagull aus Lincoln, Nebraska schöpfen Southeast Engine zwar aus dem Reservoir von Americana und countrifiziertem Gitarren-Pop, weisen aber gleichzeitig auch darüber hinaus. Obsolet? Pah! (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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