Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Toll, wie mutig Kylie Minogue mit ihrem Schicksal umgeht. Nicht so toll ist leider ihre neue Platte, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger schwärmt von erlesenen Dylan-Coverversionen und bescheinigt den Six Organs of Admittance die totale Undurchsichtigkeit.


Kylie Minogue - "X"
(Parlophone/EMI, 23. November)

Respekt muss man ihr schon zollen: Kylie Minogue kann es an Ausdauer, Showtalent und Wandlungsfähigkeit schon fast mit ihrer großen Schwester Madonna aufnehmen, auch wenn sie von manchen immer noch für ihren leichtgewichtigen Pop von der Stock-Aitken-Waterman-Stange ("I Should Be So Lucky") gescholten wird. Das ist inzwischen 20 Jahre her, Kylie, 39, hat ihre Brustkrebs-Operation überstanden, sich von ihrem Freund getrennt und eine umjubelte Comeback-Tournee absolviert. Nach so einer Leidensgeschichte, und das sei jetzt ganz unzynisch angemerkt, ist man verdientermaßen everybody's darling und hat jede Menge Wärme verdient. Das neue Album wird sich also prächtig verkaufen. Leider bekommt man nicht so viel geboten, wie man gehofft hatte: Die vielversprechende Single "2 Hearts" bleibt der einzige Ausflug in stilfremde Gefilde, der Rest des Albums ist genau der tanzbare, sphärische Pop, den man seit "Light Years" von Kylie gewohnt ist. Dabei wird an Selbstironie nicht gespart: Das Album "X" zu nennen, was an X-Ray erinnert, und sich auf der Rückseite des Albums als stilisiertes Röntgen-Image abbilden zu lassen, das ist schon ein mutiger und selbstbewusster Umgang mit der zum Glück überstandenen Krankheit. Auch in den Texten wird thematisiert, dass sich Kylies Leben in den vergangenen Monaten eher ums Existenzielle drehte. Songs wie "Cosmic" gehen ans Eingemachte, so weit das im Rahmen der betonten Powerfrau-Wohlfühl-Atmosphäre des Albums möglich ist.

Was schade ist: Ein ausdefiniertes Image, wenigstens eines, das wie bei Madonna für jeweils eine CD/Tournee gültig ist, ist bei Kylie Minogue noch immer nicht auszumachen. Im Video zur Single verwischen gleich mehrere Grenzen zu anderen Pop-Prinzessinnen, wenn Kylie sich als Monroe-Verschnitt auf der Bühne räkelt. Dazu das an eine Neptunes-Produktion erinnernde "Woo-hoo" im Refrain - hatten wir das nicht auch schon bei Gwen Stefani; lief nicht Christina Aguilera neulich auch gerade mit rotem Schmollmund und blondierten Locken herum? Hat man das Gainsbourg-Sample aus "Bonnie and Clyde" in "Sensitized" nicht auch schon fünfmal woanders gehört? Kylie Minogue ist eine wackere Überlebende, vielleicht die zäheste kleine Person des Popgeschäfts neben Prince. Aber irgendwie ist sie auch eine tragische Figur, ständig auf der Suche nach ihrem Original, der richtigen Blaupause. Deshalb gibt's eine Lucky Seven: (7) Andreas Borcholte

Various Artists – "I'm Not There"
(Columbia/SonyBMG, bereits erschienen)

Wie Teile einer Meditation wirken die Szenen aus Mike Binders wundervollem Post-9/11-Melodram "Reign Over Me", in denen Adam Sandler auf seinem batteriebetriebenen Roller durch das nachtdunkle New York fährt, dabei die Pretenders oder Bruce Springsteens "The River" hört und vergeblich versucht, sein gnadenloses Schicksal zu verdrängen. Sandler spielt in diesem Film den Witwer Charlie Fineman, der aussieht und spricht wie Bob Dylan und sich nur noch vor der heimischen Playstation oder in Second Hand-Plattenläden einigermaßen wohl fühlt. Eigentlich hätte nun Regisseur Todd Haynes Sandler für sein Dylan-Biopic "I'm Not There" mit einer jener Bob-Rollen ausstatten sollen, die jetzt u.a Christian Bale, Richard Gere, Cate Blanchett (!) und Nuschelkönig Heath Ledger spielen. Die Besetzung des Soundtracks jedenfalls ist immerhin herausragend: Sicher, eine Jochen-Distelmeyer-Version von "Highlands" ("Bring' mir mal hartgekochte Eier, Kellnerin, alright!") wäre zu schön gewesen, doch auch Yo La Tengo ("I Wanna Be Your Lover"), The Hold Steady ("Can You Please Crawl Out Your Window?") und der sagenhafte Sufjan Stevens ("Ring Them Bells") eignen sich Dylans Kompositionen instinktiv an. Das "Oh Mercy"-Meisterstück "Man In The Long Black Coat" ist wie gemacht für das grabeskalte, whiskeygeschädigte Organ von Mark Lanegan. "Simple Twist Of Fate" ist für Jeff Tweedy eine der leichtesten Übungen, und Cat Power, die Dylan schon auf "The Covers Record" interpretierte, gelingt ein eindrucksvolles "Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again". Einsamer, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von bräsigen Alt-Folkies und Wolle Niedecken als unerträglich empfundener Höhepunkt: Antony Hegartys zärtliche, sublime Version von "Knockin' On Heaven’s Door". There is a place you go where teardrops fall. (8) Jan Wigger

The Checks – "Hunting Whales"
( Red Ink/SonyBMG, 23. November)

Gibt’s doch gar nicht: The Checks aus Auckland, Neuseeland veröffentlichen im November des Jahres 2007 eine Art Bluesrock-Platte! Keine Schwänze, sondern Baumstämme. Keine Gitarren, sondern Äxte. Kein Gesang, sondern heiseres Röcheln aus dem Sumpf. Keine Posen, sondern "ehrliche Rockmusik" (schauder). Oder wie Diedrich Diederichsen sagen würde (und in der denkwürdigen Dokumentation "Wir waren niemals hier" bereits einmal über die Band Mutter gesagt hat: "Rockmusik, aber völlig in Ordnung." Kann man so stehen lassen, weil der Checks-Rock in Stücken wie "Don't Wait" oder der abschließenden, tja, Power-Ballade "Memory Walking" immer auch etwas Sentiment abbekommt. Auf der von Jet angeführten Gitarrenrock-Langweiligkeitsskala spielen The Checks nur um einen Platz im hinteren Mittelfeld. (6) Jan Wigger

Yacht – "I Believe In You. Your Magic Is Real."
(Tomlab/Indigo, bereits erschienen)

Wenn einem ein junger, attraktiver Mensch und Musiker, der zudem aussieht wie ein bekannter Hamburger House- und Techno-DJ, offenbar unironisch "Do what you love/ Love what you do" entgegen ruft, sollte man normalerweise die Beine in die Hand nehmen. Jona Bechtolt aus Portland allerdings ist eines dieser superschlauen Bubblegum-Elektro-Wunderkinder, die am liebsten im 10-Quadratmeter-Kinderzimmer alleine frickeln, während draußen hinterm Fenster schon wieder die Sonne aufgeht. "I Believe In You. Your Magic Is Real" kann kolossal nerven und will das anscheinend auch ("Platinum", "Women Of The World"), hat andererseits aber schönste Pop-Momente zu mildem Funk und Beats aus dem tragbaren Heimrechner. Auf die zuweilen arg ostentative "Und das hier kann ich auch noch"-Attitüde von Bechtolt muss man schon Lust haben und dafür in Kauf nehmen, dass außer dem hübschen Album-Titel auf lange Sicht nicht allzu viel hängen bleibt. (5) Jan Wigger

Six Organs Of Admittance – "Shelter From The Ash"
(Drag City/Rough Trade, bereits erschienen)

Aufgemerkt bitte, denn jetzt wird es wirklich schwierig. Alles was wir wissen, ist, dass Ben Chasnys Projekt Six Organs Of Admittance auf dem Drag City-Label mit "Shelter From The Ash" ein weiteres großartiges Album mit ziemlich langen Tracks herausgebracht hat. Was wir auch weiterhin nicht wissen, ist, welche Einflüsse dazu geführt haben könnten, dass Chasnys Musik so klingt, wie sie klingt. Und warum man manchmal eben doch bei doofen Räucherstäbchen-Metaphern oder Timothy Leary hängenbleibt, wenn man versucht, die Anstrengungen der Six Organs Of Admittance zu umkreisen. Woher kommt der unwahrscheinliche, schleppende Noise-Rock, der den einen oder anderen Track aufbricht? Spielt da gerade Bert Jansch Gitarre? Und welches Pink-Floyd-Album ist wohl Chasnys liebstes? Bitte nicht schreiben, dass sich diese Dreiviertelstunde "jeder Kategorisierung entzieht". Wissen wir selbst. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 10044 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.