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27. November 2007, 11:01 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Der perfekte Soundtrack für Vogelbeobachtungen im Winter kommt vom Minimal-Techno-Poeten Dominik Eulberg, konstatiert Jan Wigger und empfiehlt Craig David eine Atemmaske. Andreas Borcholte fragt sich, wie lange es die Sugababes noch geben wird.

Dominik Eulberg – "Bionik"
(Cocoon/Intergroove)

Sogar Karl Lagerfeld ist Eulberg-Fan. Auf dem Cover seines bereits mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" honorierten Albums "Heimische Gefilde" sitzt der Künstler als Conferenciér mit Kopfhörern vor dem Originalmischpult von Karlheinz Stockhausen. Dominik Eulberg macht unaufdringlichen, aber dennoch hell strahlenden Ambient-Techno. Auch als DJ und Remixer weltweit von Erfolgen verwöhnt, trat Eulberg in der Vergangenheit unter anderem als Naturforscher und Ornithologe in Erscheinung: Seine Tracks hießen "Das Röhren der Rotwildbrunft", "Die Seeadler der Müritz" oder "Rauhhautfledermaus und großer Abendsegler". Im "Stelldichein des Westerwälder Vogelchores" ließ er einmal eine seiner CDs mit einem hinreißenden Vogelchor enden und stellte mit Heinz-Sielmann-Tonfall zwischen den Stücken je einen gefiederten Freund aus dem Westerwald vor.

Auf "Bionik" gibt es nun die grandiosen "Libellenwellen" und die "Löwenzahn-Luftwaffe", zudem einen noch etwas komprimierteren und konzentrierteren Sound. Ähnlich einiger Veröffentlichungen der Labels Kompakt (Köln) und Dial (Hamburg) hat auch der Bonner Dominik Eulberg eine kaum verwechselbare Poesie des Minimalen gefunden, mit warmen Flächen, mehrheitlich gutmütigen Beats und niemals überladenem Habitus. Vogelbeobachtung im Winter, dieses Mal fast ganz ohne Federvieh. (8) Jan Wigger


Sugababes – "Change"
(Island/Universal, bereits erschienen)

Dass es diese Band noch gibt, grenzt schon fast an ein Wunder. Ja, wir sagen Band, obwohl es sich lediglich um ein Mädchentrio handelt, das in den vergangenen Jahren mehrmals die Zusammensetzung wechselte. Aber das Besondere an den Sugababes ist eben, dass sie nicht am Reißbrett oder in einer Casting-Show entstanden sind, sondern einmal der Traum dreier Freundinnen waren, die sich seit der Schule kennen. Von dieser Originalbesetzung, die 2000 mit der grandiosen Single "Overload" auf den Plan trat, ist jedoch nur noch Keisha Buchanan übrig – und der eine oder andere Produzent und Songwriter, der auch schon beim Debüt an den Songs mitbastelte, was den gleichbleibenden Sound zumindest zum Teil erklärt. Geschenkt. Wie es sich für eine richtige Band gehört, schreiben die Sugababes ihre Lieder zum großen Teil selbst. Dabei entstehen dann richtig gute Pop-Nummern wie "Denial" vom neuen Album, die das ganze Besetzungswechselspielchen und das zuweilen stumpf dahinplätschernde Füllmaterial auf der CD vergessen lassen. Wie man hört, gibt es innerhalb der Band schon wieder Zickenterror. Wahrscheinlich gibt Keisha, das letzte Original-Sugababe, dann auch bald auf. Bis dahin kann man sich dem lupenreinsten Girlpop hingeben, den England zu bieten hat. (5) Andreas Borcholte

Bonnie "Prince" Billy – "Ask Forgiveness" (Domino/Rough Trade, 7. Dezember)

Nach zwei großartigen Wochenendkonzerten von Interpol kehrt man vielleicht am besten mit einer neuen Veröffentlichung des arbeitssamen Songschreibers Will Oldham in den reizlosen Alltag zurück. Denn während sich Interpol in geradezu erschreckender Weise der Perfektion nähern ("Pioneer To The Falls"!), ist es bei Oldham gerade das Unfertige und Unperfekte, das die kargen Stücke so anrührend macht. "Ask Forgiveness", eingespielt unter dem seit nunmehr vielen Jahren festen Moniker Bonnie "Prince" Billy, ist eine rund halbstündige, gewohnt tadellose EP mit sieben Coverversionen und einem eigenen Stück. Oldham interpretiert den Schinkengott Glenn Danzig ("Am I Demon"), R.Kelly ("The World’s Greatest"), Phil Ochs ("My Life") und den unsterblichen Björk/Thom-Yorke-Track "I've Seen It All" aus Lars von Triers Verstörung "Dancer In The Dark": "What about China? Have you seen the Great Wall?". Wer schon einmal drauf stand, weiß, dass man sicher nicht dort gewesen sein muss. Bloß etwas anderes, das muss man ganz bestimmt: Wenigstens vier, fünf Platten von Will Oldham besitzen. (7) Jan Wigger

Craig David – "Trust Me" (Teacup/Warner, bereits erschienen)

"Trust Me" heisst die nunmehr vierte CD von Craig David, aber einen Gebrauchtwagen würden wohl auch nur diejenigen von ihm kaufen, die es Mark Medlock nach Ansicht des RTL-Exclusiv-Spezials "Dieter auf Mallorca" zutrauen, ein sehr dünnes Reclam-Bändchen bis zu Ende zu lesen. Auf dem "Trust Me"-Cover schaut Craig David genau so auf den Fußboden wie die MSV-Duisburg-Sturmpfeife Ailton unmittelbar vor einem seiner "Ailton heute wieder nix bumm-bumm gemacht"-Sprüche. Die Platte an sich ist übrigens blitzsauberer, recht anämischer R&B-Pop zum störungsfreien Staubwischen: Der Funk-Song "Hot Stuff (Let’s Dance)", logischerweise mit Bowie-Samples, das nun mal schon vom Kano-Album bekannte "This Is The Girl" sowie ausreichend Brunftgehabe und tendenziell erlogenes Geschleime: "But I prefer to call it karma/ Cos usually I'm the one that's breaking her heart/ And left with so much drama/ Now it's me that's falling apart/ And girl it's killing me/ Find it so hard to breathe". Atemmasken? Gibt es doch gerade im Angebot! (4) Jan Wigger

Dear Euphoria – "Dear Euphoria"
(Stereo Test Kit Records, bereits erschienen)

Im Infoschreiben wird schon von dunklen, grünen Wäldern, friedlich schimmernden Seen und dem schwedischen Zauber gesprochen, ganz so, wie es Elina Johanssons Albumdebüt "Dear Euphoria" gebührt. Nun macht die Johannsson aber keinen Pagan-Metal, sondern säuselt bedrückt zu eher spärlichem Instrumentarium. Das kann man deprimierend finden, aber auch verführerisch, wenn man die beiden ersten LPs von Tori Amos und das wohltuend Verlorene in der Musik von Anna Ternheim mag. Lieder, die "Oh, The Softness" heißen, sind sowieso immer gut, und "Falling Behind" taumelt exakt im selben Rhythmus voran wie Coldplays "Trouble". Aber "Not Meant To Have It", der einzige Rock-Ausbruch, steht ihr nicht: Das dumpfe Dröhnen von Schlagzeug und Bass macht Johanssons Stimme gewöhnlich. Und doch: Beim Hören von "Dear Euphoria" denkt man gleich zwei oder drei Mal an Kate Bushs "Wuthering Heights". Und das ist ohne jeden Zweifel einer der zehn besten Songs aller Zeiten. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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